Wer braucht überhaupt Poker-Psychologie – detailliertere Information

Hätte Freud Poker gespielt und die Prinzipien Odds und Strategie ignoriert, wäre er Bankrott gegangen. Er war der größte Psychologe, aber die Kenntnisse über Wahrscheinlichkeiten und Strategien sind viel wichtiger als Psychologie. Um erfolgreich Poker spielen zu können, müssen Sie das Konzept der Wahrscheinlichkeiten und die grundlegenden Strategien meistern und verinnerlichen. Die Beherrschung dieser beiden Dinge allein macht aus Ihnen jedoch keinen Gewinner, außer vielleicht auf den niedrigsten Limits. (Die meisten Spieler auf den unteren Limits ignorieren die Wahrscheinlichkeiten und Grundprinzipien und erkennen nicht, dass man bei den meisten dieser Partien einfach mittels einer tighten Spielweise und der Anwendung der strategischen Grundregeln gewinnen kann.) Je höher Sie jedoch
in den Limits aufsteigen, desto besser und intelligenter werden die Spieler, womit der Vorteil, den Sie mit der mechanischen Anwendung einfacher Richtlinien erzielen können, aufgehoben wird.

In vielen Partien versteht nahezu jeder die grundlegenden Wahrscheinlichkeiten und wendet eine vernünftige und angemessene Strategie an. In diesem Fall können Sie nur mit psychologischen Mitteln und den richtigen Anpassungen Vorteil erzielen. Roy Cooke beschrieb dies in der Zeitschrift Card Player (Ausgabe vom 27. Juni 1997, unser Poker-Ratgeber) folgendermaßen: „Beim Poker hat man mit Menschen zu tun (…) Wenn man erfolgreich sein will, muss man in der Lage sein, die Gedanken der anderen zu lesen. Man muss wie diese denken und aus den so gewonnenen Informationen die geeigneten Rückschlüsse ziehen.“

David Sklansky hat genau das Gleiche postuliert. In seinem Buch The Theory of Poker sagt er: „Wenn wir über Psychologie beim Poker sprechen, heißt das, die Gedanken des Gegners lesen und dessen Denkweise analysieren zu müssen. Wir müssen herausfinden, was er denkt, was wir denken, und sogar, was er denkt, was wir denken, was er denkt.“

Das Problem dabei ist, dass einem keiner sagt, wie das zu schaffen ist. Die Experten versorgen einen mit nützlichen Tipps und Einsichten, aber niemand kann mit einem System aufwarten. Diese Experten stellen kein System zur Verfügung, weil sie keins brauchen oder haben. Sie sind eher intuitive Psychologen als systematische. Sie haben ein natürliches Gespür und ein verblüffendes Verständnis, was andere Spieler denken und machen. Vieles davon rührt aus Erfahrung und der Fähigkeit, eine Hand – oder mehrere Hände – im Geiste schnell Revue passieren zu lassen. Wenn Sie jedoch ein Neuling beim Poker sind, haben Sie nicht besonders viel Erfolg, wenn Sie diese Fähigkeit zu adaptieren versuchen.

In der Tat wissen viele dieser Experten nicht, wie und warum sie das alles wissen. Es ist eine Gabe – genauso angeboren wie Michael Jordans traumhafte Bewegungen. Immer wenn ihn jemand unversehens geblockt hat, reagierte er blitzschnell: Handwechsel, Körperdrehung und ein etwas höherer Ballwurf mit einem etwas anderen Schnitt. Er könnte niemals sagen, wie er dies fertigbringt; es war Gefühl oder Instinkt.
Großartige Pokerspieler besitzen diese Gabe; sie erinnern sich daran, wie Sie eine bestimmte Hand gespielt haben, bemerken einen bestimmten Blick oder ziehen Rückschlüsse aus der Art, wie Sie mit Ihren Chips spielen – und machen dann den genau richtigen Zug. Wenn Sie den Experten später fragen, warum er so gespielt hat, weiß er darauf möglicherweise keine Antwort. Er hatte einfach das richtige Gefühl. Einige Autoren realisieren nicht, dass deren Ratschläge irrelevant sind, weil der Leser nichts mit ihnen anfangen kann.
Doyle Brunson hat beispielsweise in seinem Buch Super/System geschrieben:

„Wann immer ich das Wort ‚Gefühl‘ verwende (…) rekapituliere ich das Geschehene (…) auch wenn dies nicht unbedingt bewusst geschieht (…) Ich erinnere mich, dass ein bestimmter Gegner dieses Manöver (oder ein sehr ähnliches) schon einmal angewandt hat und wie dieser oder jener darauf reagiert hat. So bekomme ich ein Gefühl dafür, dass er blufft und dass ich einen Angriff auf den Pot starten kann. Aber die Begründung dafür steckt in meinem Unterbewusstsein.“ „Vertrauen Sie Ihrem ersten Eindruck und bleiben Sie Ihren Überzeugungen treu.“ Hätte ich dieses „Gefühl“, würde ich genauso handeln. Aber ich besitze es nicht und Sie auch nicht. Diese Art von Ratschlag ist genauso absurd, wie einem jungen Basketballspieler zu erzählen, er solle sich Michael Jordans Reflexe erarbeiten. Diese sind eine Gabe, die er niemals haben wird. Er muss mit dem arbeiten, was ihm zur Verfügung steht, genauso wie Sie und ich innerhalb unserer Grenzen zurecht-kommen müssen.

Nachdem ich viele Jahre Psychologie studiert und gelehrt habe, bin ich immer noch über die Intuition einiger Leute überrascht. Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen. Ich habe einmal mit jemandem monatelang zusammengearbeitet. Als meine Frau ihn dann kennenlernte, sagte sie nach zwei Minuten: „Das ist ein Betrüger. Dem kannst Du nicht vertrauen.“ Später musste ich erfahren, dass ich auf sie hätte hören sollen. Aber sie konnte mir nicht erklären, wie sie zu dieser Einschätzung kam – sie hat es einfach gewusst.

Wenn Sie diese Gabe nicht besitzen, kann sie Ihnen auch niemand beibringen. Sie müssen sich darauf verlassen, was Sie weiter entwickeln können: sorgfältige Beobachtung und systematische Logik. Ich selbst bin zu solch erstaunlichen Gedankensprüngen grundsätzlich nicht in der Lage, aber ich kann Ihnen zeigen, wie Sie sehr viel öfter richtig liegen als es momentan der Fall ist. Häufig recht zu behalten ist weitaus wertvoller, als großartige Züge auszuführen. Außer auf den höchsten Levels hängt Gewinn und Verlust nicht von großartigen Manövern ab. Wenn wir von solchen Spielzügen hören, verhält es sich damit wie mit dem Jackpot bei einem Spielautomaten: Dieser zieht die ganze Aufmerksamkeit der Anfänger auf sich, aber im Endeffekt erzielt die Bank immer einen kleinen Gewinn.

Die in diesem Poker-Portal beschriebenen Methoden verschaffen Ihnen mal den einen und mal den anderen kleinen Vorteil und versetzen Sie in die Lage, häufiger die richtige Entscheidung zu treffen als bisher. Um wie vieles häufiger? Das ist schwer zu sagen, aber wenn Sie Ihre Partien klüger auswählen, kann dies augenblicklich den Unterschied zwischen Gewinn und Verlust ausmachen. Und wenn Sie in einer Session nur eine gute Bet oder einen guten Raise mehr machen und sich einen schlechten Call sparen, bedeutet dies auf der Stelle ein Plus von Tausenden von Dollar – und wenn Sie sich wirklich anstrengen, kann es noch viel besser laufen.