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Im Poker diverse Kombinationen lernen – empfehlenswerte Information

Poker Kombinationen
Ich bin ein ausgezeichneter Pokerspieler. In Zahlen ausgedrückt, würde ich schätzen, dass ich zu den besten 0,1 Prozent in der Welt gehöre. Das ist ein beeindruckender Wert, wenn es um die Zulassungsprüfungen für die Universität oder einen Sport wie das Bogenschießen geht. Beim Poker aber kann dieser Wert zu einem Riesenproblem werden. Da es weltweit ungefähr 135 Millionen Menschen gibt, die pokern, lässt sich leicht ausrechnen, dass es zirka 135 000 Spieler gibt, die besser sind als ich. Erschwerend kommt hinzu, dass fast jeden Abend drei bis vier dieser Spieler an meinem Kartentisch sitzen. Mein Club, das Winchester, in dem ich in den vergangenen drei Jahren rund dreitausend Stunden mit Spielen zugebracht habe, liegt im Herzen von New York City, wo das Pokern eigentlich gesetzlich verboten ist. Das übt auf Menschen, die wie ich eine Schwäche für die dreckigen Seiten des Lebens haben, einen gewissen Reiz aus.

Gleichzeitig bedeutet es aber, dass alle Clubmitglieder ernsthafte Spieler sind. Im Winchester gibt es keine Touristen oder Versicherungsvertreter, die gerade Glück beim Würfeln hatten und auf ihrem Streifzug an meinem Tisch landen, wie es in Las Vegas oder Atlantic City der Fall ist. Bei uns gibt es keine Schafsköpfe, die mit einem Straight gegen deinen Flush bieten, weil sie glauben, sie hielten das Siegerblatt. An den Casinotischen bin ich der absolute Favorit. Das ist allerdings fast jeder, der halbwegs bei klarem Verstand ist. In Casinos wird Texas Hold’em Poker normalerweise mit neun bis zehn Spielern gespielt. Wenn bei einem Spiel mit 500 Dollar Mindestkapital zwei Schafsköpfe mit am Tisch sitzen, macht das schon 1000 Dollar, die die anderen sechs oder sieben Spieler unter sich aufteilen. Ich habe also bereits 22 Prozent Gewinn gemacht, bevor das Spiel überhaupt losgeht. Gott schütze Amerika. Aber in meinem Club, wo es keine Schafsköpfe gibt, geht es knallhart zur Sache.
Weshalb ich dort spiele?

Es gab mal einen großen Spieler im Wilden Westen namens Canada Bill Jones. Als Bill einmal gefragt wurde, weshalb er freiwillig in einem Provinznest spiele, obwohl er doch genau wisse, dass es dort vor Gaunern nur so wimmele, antwortete er: Weil es das einzige Spiel in der Stadt ist. Da haben Sie Ihre Antwort. Der Club ist im Grunde ein besserer Keller. Abend für Abend sitzen hier hunderte von Stripperinnen, Chiropraktikern, Steueranwälten und Taxifahrern dicht gedrängt an den fünfzehn Tischen, stapeln ihre Chips, mischen Karten oder gucken Sport. Manch einer findet sogar die Zeit, sein Abendessen zu verzehren. Es ist wirklich ein schlimmer Anblick, wenn sich erwachsene Männer vor lauter Panik, ein Spiel zu verpassen, in Windeseile ihr Essen in den Mund schaufeln. Drei Burritos in vier Minuten können nicht gut für die Verdauung sein. Ein normaler Abend in meinem Club verläuft anders als an jedem anderen Ort. Die Menschen hier sind echte Originale. Wie schon das alte Sprichwort sagt: Die einzige Gestalt, die merkwürdiger ist als ein Pokerspieler, ist sein Tischnachbar.

Herrgott noch mal, Morty! Jetzt gib endlich. Amy verliert beim Pokern rasch die Geduld. Die schöne, zierliche Filipina ist Anfang Vierzig und so energiegeladen, dass sie den gesamten Vegas Strip zwei Wochen lang mit Strom versorgen könnte. Sie ist ständig in Bewegung, unterhält sich, raucht oder mischt die Karten, und wenn sie einmal still sitzt, liegt ein Ausdruck in ihren Augen, als würde sie jeden Augenblick verbrennen. Entweder du gibst jetzt, oder ich schneide dir die Eier ab! Wie gesagt, sie verliert rasch die Geduld. Morty hingegen ist die Ruhe in Person. Von Natur aus ein langsamer Mensch, durchlebt er Phasen völliger Verwirrtheit, in denen er so entrückt wirkt, als würde jedes winzige Staubpartikel, das vor seinem Gesicht vorbeischwebt, sein gesamtes Ich beherrschen. Ohne die fürsorgliche Anteilnahme seiner Mitspieler würden diese Ausfälle womöglich für immer anhalten. Unter dem Tisch ist ein Geräusch zu hören, das verdächtig einem aufspringenden Schnappmesser ähnelt. Amy, deren Hände nirgends zu sehen sind, lehnt sich zu Morty hinüber und säuselt ihm langsam ins Ohr: Lass die Karten fliegen, Alter. Morty ist aus den himmlischen Sphären zurückgekehrt. Er gibt.

Alle im Club glauben, dass Morty, Endfünfziger und Fabrikant für Billigtextilien von Manhattans Lower East Side, allmählich den Verstand verliert. Wenn man beim Poker jemanden auf ein Blatt setzt, stellt man Vermutungen darüber an, was er für Karten hat. Wenn ich also sage: Ich setzte ihn auf zwei Paare, vermute ich genau das. Die meisten im Club setzen bei Morty auf Alzheimer im Frühstadium. Ich aber weiß, was wirklich mit ihm los ist. Eigentlich müsste man Morty, der stets von Kopf bis Fuß mit indianischem Silberschmuck behängt und so braun gebrannt ist, als wäre er gerade eine Woche auf Jamaika gewesen, als Bronzestatue des letzten noch halbwegs zurechnungsfähigen Hippies im Völkerkundemuseum verewigen. Meine Vermutung? Ich setze auf Burnout-Syndrom. Wenn er sich von dem besagten Staubpartikel in seine eigene kleine Welt davontragen lässt, versucht er nicht, sich an den Namen seiner Freundin oder an seinen Geburtsort zu erinnern.

Nein, er ist wieder in Woodstock und grübelt darüber nach, ob er einen oder zwei LSD-Trips braucht, um beim bevorstehenden Auftritt von Santana richtig high zu sein. Und eins darf man auf keinen Fall vergessen: Morty ist ein guter Spieler. Andernfalls säße er nicht in diesem Club. Wenn er also seinen Tagträumen nachhängt, tut er das in der Regel nur, um die anderen auf die Palme zu bringen. Pokerspieler spielen viel schlechter, wenn sie stinksauer sind. Man nennt das heißlaufen. Und Morty kann jeden zum Heißlaufen bringen. Das ist sein Talent. Endlich lässt er die Karten fliegen. Wir spielen Texas Hold’em No-Limit. Das ist das vollkommene Glücksspiel. Jeder Spieler (es können bis zu zehn sein) erhält zwei verdeckt gegebene Karten, die Pocket-Cards. Allein aufgrund der Stärke dieser beiden Karten muss jeder entscheiden, ob er sich am Spiel beteiligen möchte oder nicht.

Dann werden in der Mitte des Spieltischs fünf Gemeinschaftskarten (community cards) offen ausgelegt. Die Gemeinschaftskarten, auch das Board genannt, werden von allen geteilt. Aus diesen sieben Karten (den zwei Pocket-Cards und den fünf Karten im Board) muss nun jeder Spieler eine möglichst hohe Fünf-Karten-Kombination bilden. Die offenen Karten (up cards) werden folgendermaßen gegeben: die ersten drei, genannt der Flop, auf einmal, anschließend die vierte Karte (die Turn-Card) und zum Schluss die fünfte (die River-Card). Dazwischen gibt es die Möglichkeit zu bieten. Die meisten Pokerspiele haben festgelegte Bietregeln. Bei privaten Pokerrunden gibt es in der Regel einen Höchsteinsatz, und die Anzahl der Erhöhungen ist begrenzt, z. B. drei Dollar Höchsteinsatz und drei Erhöhungen. In den Casinos herrschen ähnliche Regeln, nur gibt es meistens zwei Einsatzniveaus. Beim 10/20 Hold’em kann man nur einen der beiden Beträge setzen. In den ersten beiden Bietrunden gilt der niedrigere Betrag und in den letzten beiden der höhere. Das lässt wenig Spielraum für Kreativität.

Manche Menschen fühlen sich von diesen Begrenzungen eingeengt und bevorzugen eine Spielvariante ohne Einsatzlimit, das so genannte No-Limit. No-Limit-Spiele gewähren vollkommene Wettfreiheit. Es gibt weder Richtlinien noch Beschränkungen, und wenn Ihnen Ihre Karten gefallen, dürfen Sie jederzeit alles setzen, was Sie vor sich auf dem Tisch haben. Sie können innerhalb eines einzigen Spiels vom großen Gewinner zum Pleitegeier abstürzen. Es heißt, Limit Hold’em sei eine Wissenschaft für sich, aber No-Limit sei eine wahre Kunst. Beim Texas Hold’em teilen sich die Spieler so viele Karten, dass die Entscheidung über das Gewinnerblatt oft hauchdünn ausfällt. Sagen wir, ein Spieler hat die Pocket-Cards K♠ B♦ und ein anderer K♥ 10♣. Das Board besteht aus K♣ 4♠ 4♣ 9♦ 7♥- Die beste Kombination, die der Gewinner mit den sieben Karten bilden kann, sind zwei Paare – König und Vier – mit einem Buben als Beikarte (genannt der Kicker). Der Verlierer hat ebenfalls zwei Paare, König und Vier, aber sein Kicker ist nur eine Zehn. Die Blätter sind fast identisch und unterscheiden sich nur minimal durch den Wert des Kickers. Dieser minimale Unterschied kostet den Verlierer den Pot.

Der Einsatz von Gemeinschaftskarten und das Fehlen von Einsatzlimits sind der Grund, weshalb No-Limit Hold’em als die Krone aller Pokerspiele gilt. Es ist auch die einzige Spielvariante, die beim Endkampf der World Series of Poker gespielt wird. Die Spielerlegende Johnny Moss sagte einmal: Hold’em verhält sich zu Draw oder Stud wie Schach zu Dame. Treffender kann man es nicht ausdrücken. In manchen Kreisen nennt man Hold’em auch Crack mit sieben Karten, und das aus gutem Grund. Da jedes Spiel nur rund zwei Minuten dauert und die Spiele blitzschnell aufeinander folgen, hat jeder Teilnehmer unendlich viele Möglichkeiten, seine Verluste wettzumachen oder seine Gewinne zu verdoppeln. Außerdem braucht man sich beim Hold’em, im Unterschied zum Stud, weder das Board einzuprägen noch welche Karten verbrannt wurden.

Das ist die Schönheit des Spiels: Jedes Blatt ist einsehbar, und da der wichtigste Teil – die fünf offenen Karten auf dem Tisch – allen Spielern gehört, wird die Ranghöhe des Siegerblatts immer variieren. Liegen im Board nicht drei Karten von derselben Farbe, kann es unmöglich einen Flush geben. Liegt kein Paar offen, kann es unmöglich ein Full House oder einen Vierling geben. Das macht das Spiel so verführerisch. Mit jedem neuen Geben verändert sich auch das bestmögliche Blatt (in Pokerkreisen the Nuts genannt). Wie jede Subkultur hat auch Poker seine eigene Sprache. Die meisten Fachausdrücke, die wir benutzen, kann wahrscheinlich niemand bis zu ihrem Ursprung zu-rückverfolgen. Bei manchen umgangssprachlichen Ausdrücken hingegen liegt der Bezug klar auf der Hand. Ein Startblatt aus Königin und Drei heißt im Texas Hold’em San Francisco Busboy. Eine Queen mit einem Tablett … alles klar? Ein San Francisco Busboy, was sonst.

Andere Bezeichnungen, die auf den ersten Blick unverständlich erscheinen, haben einen historischen Bezug. Am 2. August 1876 betrat ein Cowboy namens Jack McCall einen Saloon in Deadwood, einer Kleinstadt in Dakota, und schoss dem legendären Wild Bill Hickok in den Hinterkopf. Hickok war auf der Stelle tot. Er fiel vornüber und hielt noch sein Pokerblatt in der Hand, zwei Paare, Ass und Acht. Seither trägt diese Kombination den Namen The Dead Man’s Hand. Woher der Ausdruck the Nuts kommt, weiß ich nicht. Das bestmögliche Blatt lässt sich in jedem Spiel relativ einfach errechnen. Liegen im Board die Karten 2♣ 4♦ 8♠ 9♥ 10♣ das bestmögliche Blatt ein Straight Königin (wozu man die Pocket-Cards Bube und Dame benötigt). Mit den Gemeinschaftskarten A♠ K♠ K♦ D♠ D♦ sind dagegen ein Straight, neun verschiedene Flushes, fünf Full House verschieden der Ranghöhe und zwei Vierlinge möglich. Und das ist noch nicht einmal the Nuts. Das ist ein Royal Straight Flush, für den der Spieler die Pocket-Cards B♠ 10♠ benötigt. Die Stärke eines Blattes ist in jedem Spiel absolut abhängig vom jeweils bestmöglichen Blatt.

Nachdem Morty die Karten verteilt hat, können wir endlich anfangen. Wir sind unterbesetzt, was bedeutet, dass wir zu sechst an einem Tisch sitzen, der für zehn Spieler ausgerichtet ist. Das verändert das Spiel ein wenig. Wenn die Anzahl der Spieler gering ist, steigen schwächere Blätter in ihrem Wert. An einem unterbesetzten Tisch können Sie öfter und aggressiver spielen und häufiger durch Bluffen gewinnen. Ich ziehe diese Art Spiele vor, weil sie mehr Freiraum für Kreativität bieten. An diesem Tisch stehe ich in der Poker-Hierarchie ungefähr im oberen Mittelfeld. Eine Person spielt definitiv besser als ich, zwei sind ungefähr gleich stark und zwei sind ein bisschen schwächer. Das heißt, ich werde, wenn ich eins a spiele und vernünftige Karten kriege, voraussichtlich mit einem Tausender extra in der Tasche nach Hause gehen.

Das Schwergewicht am Tisch ist Wilson Terry, ein dreiundvierzigjähriger Aktienhändler aus Guyana. Er verbringt sechs Nächte pro Woche im Kartenclub. Das würde in so mancher Ehe eine schwere Krise auslösen, aber seine ist davor gefeit, da seine Frau immer mit am Tisch sitzt. Wilsons Spiel ist vollendet, beinahe kunstvoll. Sein Blick wandert immerfort zwischen den Karten und den anderen Spielern hin und her. Das tut er, weil die meisten Spieler einen Teil haben, ein unbewusstes Zucken oder eine ungewöhnliche Bewegung, die ihr Blatt verrät. Es gibt Millionen von Teils. Als ich während des Studiums anfing, regelmäßig zu pokern, hatte ich auch einen Teil. Immer wenn ich bluffte oder ein Gebot mitging, weil mein Blatt nicht besonders stark war, setzte ich unbewusst mit kleinen Chips. Einen Einsatz von zehn Dollar tätigte ich mit fünf 2-Dollar- Chips. Den 10-Dollar-Chip nahm ich nur, wenn ich ein Spitzenblatt hatte.

Obwohl am Tisch nur Drogenabhängige und andere fertige Gestalten saßen, dauerte es nicht lange, bis sie dahinter kamen, wann ich bluffte und wann ich das bestmögliche Blatt hatte. Einige Monate, nachdem ich die Uni verlassen hatte (ich bitte zu bemerken, dass ich von verlassen und nicht von mit Abschluss verlassen spreche), erhielt ich von einem meiner Mitspieler einen anonymen Brief, in dem er mich über meinen Teil aufklärte. Offenbar mochte mich dieser Mensch und wollte mich davor bewahren, ein Leben lang mein Blatt preiszugeben. Andererseits war die Sympathie wohl nicht groß genug, um ihn mir zu verraten, solange wir noch zusammen an einem Tisch saßen und ich ihm das Geld hätte aus der Tasche ziehen können. Der gewiefte Wilson Terry kennt jeden nur erdenklichen Teil. Dr. Liam Kelly ist einer der beiden am Tisch, die auf gleichem Niveau spielen wie ich. Liam ist gebürtiger Ire und arbeitet in New York als Psychiater. Er hat so viel über Poker gelesen wie kein Zweiter. Er ist vernarrt in das Spiel. Einmal erzählte er mir, dass er öfter von Poker als von Sex träume. Ich stelle mir oft vor, dass ein Patient bei ihm auf der Couch liegt und ihm wegen seiner kaputten Ehe die Ohren voll jammert. Liam erwidert dann: Was blasen Sie hier Trübsal?

Ich habe gestern Abend dreimal mit zwei Assen auf der Hand verloren. Es heißt, er sei ein guter Seelenklempner, und so spielt er auch. Liam ist, was man in Pokerkreisen einen Bet onspieler nennt, jemand, der wie aus dem Lehrbuch spielt und immer die richtige Entscheidung fällt. Sein einziges Problem ist, dass er nicht verlieren kann. Das kann er einfach nicht. Wenn er mit einem starken Blatt unglücklich verliert, fängt er an zu toben und läuft sofort heiß. Das zieht ihn auf mein Spielniveau herunter. Ich habe gerade meine beiden verdeckten Karten bekommen: 3♣ 3♠ (ein Dreierpaar heißt aus mir unbekannten Gründen Crabs). Das ist kein tolles Blatt, aber da wir so wenige am Tisch sind, beschließe ich, aggressiv zu spielen. Ich erhöhe um 30 Dollar. Liam unterbricht sein Abendessen, wirft einen Blick in seine Karten und geht mit. Wilson, der Geber, ist der einzige weitere Mitbieter.

Der Flop wird ausgegeben: B♣ B♥ 6♠.Ich habe jetzt zwei Paare, Bube und Drei, aber da der Flop für mein Dreierpaar nicht ideal ist, checke ich. Liam wirft erneut einen Blick in seine Karten und setzt 50 Dollar. Wilson steigt aus, und ich tue es ihm nach. Als Dr. Liam die Chips zusammenfegt, deckt Wilson das Blatt auf, mit dem er gerade gepasst hat: B♦ 10♦. Zusammen mit den Karten im Flop hätte das drei Buben ergeben. Ein sehr hohes Blatt. Alle am Tisch sind entsetzt, weil er ausgestiegen ist. Mensch, du hast einen Drilling. So ein tolles Blatt, und du passt!, ruft Dr. Liam.

Mein Gott, für die Karten hätte ich meinen Stringtanga geboten, pflichtet Amy ihm bei. Wilson nickt. Wenn jemand sein Steak liegen lässt, um gegen mich zu bieten, wird er mich todsicher schlagen. Ich setze dich auf Dame-Bube. Dr. Liam überlegt kurz und deckt dann seine Karten auf: K♠ B♠. Er hat drei Buben und einen besseren Kicker als Wilson. Wilson hätte nur gewinnen können, wenn mit der Turn- oder der River- Card eine der drei im Stapel verbliebenen Zehner gekommen wäre, was ihm ein Full House eingebracht hätte, war nach dem Flop der Sieben-zu-eins-Favorit. In der Regel hängt ein toller Abend nicht davon ab, wie viele große Pots man gewinnt, sondern wie viele man nicht verliert. Wilson ist nur einer brutalen Niederlage entgangen. Ich gebe am Dienstag Unterricht, sagt er lächelnd. Das sagt er jedes Mal. Ich behalte meinen Drilling für mich.

Nach ungefähr einer Stunde setzt sich Joey Millman zu uns an den Tisch. Das ist schlecht. Joey ist ein Ungeheuer, einer der besten Spieler, die ich kenne. Es ist, als wären meine Karten für ihn durchsichtig. Ich spiele mit dem Gedanken, den Tisch zu verlassen. Ich liege ungefähr hundert Dollar im Plus, aber der Abend ist noch jung und, na ja, es ist das einzige Spiel in der Stadt. Die folgenden Spiele bleiben ohne nennenswerte Auswirkungen auf mein Spielkapital, doch dann gebe ich mir selbst . Das ist kein Spitzenblatt, aber da wir No- Limit spielen, können sich zwei mittelhohe aufeinander folgende Karten von derselben Farbe gewaltig bezahlt machen, wenn man damit sein Blatt trifft. Als Geber habe ich den großen Vorteil, dass ich alle Spielaktionen sehe, bevor ich entscheide, ob ich einsteigen will. Die Bietrunde beginnt zu meiner Linken und geht im Uhrzeigersinn weiter, bis ich als Letzter dran bin. Zuweilen ist die Position eines Spielers fast wichtiger als seine Karten.

Morty setzt 20 Dollar und vier Spieler gehen mit. Die vielen Mitbieter lassen mein Blatt umso verlockender erscheinen, und ich beschließe, mich auf den Spaß einzulassen. Der Flop kommt: 6♥ 7♣ K♣. Damit hat sich meine Lage auf ermutigende Weise verbessert. Ich habe jetzt vier der fünf Kreuze, die ich für einen Flush benötige (auch Toilet Flush, Griff ins Klo, genannt, falls das fünfte Kreuz nicht auftaucht) und ebenso vier der fünf Karten, die ich für einen Straight brauche. Morty eröffnet die Runde und setzt 30 Dollar. Dr. Liam erhöht auf 100. Amy passt, und Joey Millman denkt eine Sekunde nach, bevor er die 100 Dollar mitgeht. Jetzt muss ich mir überlegen, was zum Teufel hier vor sich geht.

Das höchste Blatt, das zu diesem Zeitpunkt möglich wäre, ist ein Drilling. Ich bin mir ziemlich sicher, dass keiner der anderen drei Könige hat, denn die Einsätze vor dem Flop waren zu niedrig, als dass jemand Cowboys als Pocket-Cards haben könnte. Es wäre aber möglich, dass jemand drei Sechser oder drei Siebener hält. Das könnten Morty oder vielleicht Dr. Liam sein; Joeys Cold Call (er ist ein Gebot und eine Erhöhung mitgegangen) verrät mir, dass er wahrscheinlich einen König mit einem hübschen Kicker hat. Würde er auf einen höheren Flush spielen als ich – sagen wir, er hält A♣ 4♣ – hätte er versucht, die Runde durch eine astronomische Erhöhung sofort zu beenden. Also setze ich ihn auf ein Königspaar und versuche mir auszurechnen, was für Karten die anderen Spieler haben.

Dr. Liam spielt zu zurückhaltend, um nach dem Flop so vehement auf ein unfertiges Blatt wie einen Flush Draw zu setzen. Deshalb setzte ich ihn auf ein vollständiges Blatt wie ein Königspaar oder einen Drilling. Selbst wenn Dr. Liam schlimmstenfalls bei zwei noch ausstehenden Karten drei Siebener oder Vergleichbares hält, bleiben mir noch zwei Chancen, eine der vierzehn Karten zu bekommen, die mir zum Sieg verhelfen. Diese Karten heißen Gewinnkarten (Outs). Jedes weitere Kreuz bringt mir einen Flush (obwohl die Kreuz 6 einem der anderen ein Full House oder einen Vierling einbringen könnte und ich sie deshalb nicht als hilfreich erachte). Das macht acht Gewinnkarten. Wenn ich meine 8 und meine 9 mit der 6 und der 7 im Flop kombiniere, habe ich außerdem einen offenen Straight Draw. Das heißt, dass jede 5 oder 10 von beliebiger Farbe mir einen Straight einbringt.

Das sind noch einmal sechs Karten, die mich zum Gewinner machen (die Kreuz 5 und die kreuz 10 zähle ich nicht mit, weil ich sie schon in meine Flush-Berechnungen miteinbezogen habe). Zusammen ergibt das vierzehn Gewinnkarten. Solange im Board kein Paar auftaucht und niemand einen höheren Flush Draw hält als ich, bin ich der uneingeschränkte Favorit. Ich spiele mit dem Gedanken, kräftig zu erhöhen, aber da Liam, Joey und Morty alle so tun, als hätten sie ein starkes Blatt, könnte ich mir damit eine Menge Schwierigkeiten einhandeln. Also gehe ich einfach mit. Morty entscheidet, dass die 70-Dollar-Erhöhung zu viel für ihn ist, und steigt aus. Vielleicht hatte er Ass-Zehn oder ein niedriges Paar. Egal, er ist draußen.

Die Turn-Card ist die Karo 5, sodass nun 6♥ 7♣ K♣ 7♦ im Board liegen. Wenn Sie meine 8 und meine 9 zu der Kombination 5, 6, 7 dazurechnen, sehen Sie, dass ich einen Straight habe. Jetzt weiß ich, dass es einen Gott gibt. Und vor allem weiß ich, dass er mich liebt. Ich habe das bestmögliche Blatt; ich bin unschlagbar. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wie ich dieses Gottesgeschenk möglichst Gewinn bringend in bare Münze umwandle. Liam entscheidet sich, mit dem Bieten abzuwarten, und Joey schließt sich ihm an. Es kommt mir spanisch vor, dass beide nach so viel Aktion checken, vor allem da die Turn-Card einen so harmlosen Eindruck macht. Ich schließe daraus, dass Liam seinen Drilling entweder langsam spielen will und bunkert oder aber eine Falle auslegt, um mich zum Bieten zu verleiten, damit er meinen Einsatz anschließend erhöhen kann. Joey hat Dr. Liams Check-Raise-Pläne vermutlich gerochen und deshalb kein Gebot abgegeben. Ich dagegen will, dass Liam einen Check Raise macht. Ich habe das bestmögliche Blatt.

Also setze ich einen winzig kleinen Betrag und hoffe, dass es so aussieht, als wollte ich den Pot stehlen. Ich tue mein Bestes, einen nervösen Eindruck zu erwecken, als ich meine fünfzig Kröten in den Pot werfe. Liam geht bloß mit, und Joey tut dasselbe. Keiner der beiden hat meinen Einsatz erhöht. Kurz gesagt, habe ich mir mit meiner Geldgier die Riesenchance vermasselt, das Spiel genau an dieser Stelle zu beenden. Ich gebe die River-Card. Es ist der Kreuz Bube. Das komplette Board ist jetzt 6 ♥ 7♣ K♣ 7♦ B♣- Der Kreuz Bube ist eine Schreckenskarte für den ganzen Tisch. Die drei Kreuze, die jetzt im Board liegen, machen einen Flush sehr wahrscheinlich, und ich habe einen, aber keinen Flush Ass.

Dazu kommt, dass die Möglichkeit, zwei Paare zu haben, vor der River-Card höchstens mit einem sehr problematischen Blatt wie König-Sechs bestand, was angesichts des frühen Bietens sehr unwahrscheinlich ist. Jetzt, da ein Bube im Board liegt, sind zwei Paare plötzlich wahrscheinlich, denn König-Bube ist ein sehr spielbares Blatt. Das ist wichtig, denn vor der River-Card hätte ein Spieler mit den Pocket-Cards König-Dame die Kombination König-Bube geschlagen. Aber jetzt, da sich die Kombination König-Bube in zwei Paare verwandelt hat, hat die Kombination König-Dame mächtig an Attraktivität verloren. Liam weiß das, und deshalb schüttelt er den Kopf und checkt. Mit einem Drilling hätte er bei der Turn-Card einen Check Raise gemacht. Deshalb weiß ich, dass er König-Dame hält.

Joey lächelt und stellt die einzige Frage, die ich nicht hören will: Wie viel hast du vor dir liegen, Andy?
Ich zähle meinen Stapel. Ungefähr tausend. Joey betrachtet seine Chips. Ich habe zwei Riesen. Er schiebt alle seine Chips in den Pot. Okay, ich mache Zapfenstreich. Zweitausend für dich. Zapfenstreich! heißt natürlich, dass er alles setzt. Während der zwei tausendstel Sekunden, in denen er seinen Satz beendet, merke ich, wie sich an meinem ganzen Körper Schweißperlen bilden. Vor drei Minuten war ich noch die Eleganz in Person – James Bond am Baccarattisch in Monte Carlo -, und plötzlich bin ich der verschwitzte Typ in der U-Bahn, neben dem keiner sitzen will.

In den Anfangstagen des Poker konnten die Spieler sich noch Kapital von außerhalb besorgen, wenn der geforderte Einsatz die Summe überschritt, die sie vor sich auf dem Tisch liegen hatten. Wenn der geforderte Einsatz 10 000 Dollar betrug, der Spieler aber nur noch 500 Dollar übrig hatte, konnte er entweder passen, sich am Tisch einen Kredit besorgen oder aber als Sicherheit die Lebensversicherung einbringen, die er zu Gunsten seiner Kinder abgeschlossen hatte. Aber wir Spieler haben uns im Lauf der Zeit zu zivilisierten Menschen entwickelt. Wir spielen Table Stakes, was bedeutet, dass ein Spieler nur sein Tischkapital setzen darf.

Obwohl Joey zwei Riesen gesetzt hat, darf ich nur die tausend setzen, die ich noch übrig habe. Das nennt man All-in gehen. Dr. Liam, der noch genug Chips hat, müsste, falls er Joeys Wette mitgehen wollte, die vollen zweitausend Dollar bringen, um im Spiel zu bleiben. Dann würde man einen Side-Pot mit 2000 Dollar einrichten (1000 von Joey und 1000 von Liam), um den die beiden konkurrieren. Ich dagegen hätte, falls ich das beste Blatt habe, nur ein Anrecht auf den Hauptpot. Joey und Liam würden ihre Karten aufdecken, und der Bessere der beiden würde, unabhängig von meinem Blatt, den Side-Pot kassieren. Aber das ist alles uninteressant für mich, da ich nur noch meine tausend habe und keinen Cent mehr.

Verdammt, was soll ich bloß machen? Die letzte Karte hat mein Blatt zwar von einem Straight auf einen Flush verbessert, aber ich habe nicht mehr the Nuts. Das ist jetzt ein Kreuz-Flush Ass. Hat Joey am Ende doch den bestmöglichen Flush Draw? Oder hat er bloß zwei Paare und meint, das reiche zum Sieg? Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass Liam raus ist, aber das hilft mir nicht weiter. Ansonsten weiß ich nur, dass Joey weiß, dass ich mir vor Angst in die Hose scheiße. Also setzt er mich unter Druck, um mir das Geld – mein Geld? – abzunehmen. Oder weiß er, dass ich das denke? Will er mich dazu bringen, mit einem Verlierer mitzugehen?

Plötzlich verspüre ich ein extrem flaues Gefühl in der Magengegend. Ich sehe mich im Raum um. Joey nickt mir zu, weil er glaubt, ich würde die Reaktionen der anderen Spieler studieren, um herauszufinden, mit welchem Blatt sie gepasst haben. Dazu fehlt mir natürlich der nötige Grips. Nein, ich suche lediglich nach dem geeignetsten Ort, an dem ich kotzen kann, falls es mich überkommt. Ich bitte um Bedenkzeit. Das verschafft mir zirka dreißig Sekunden, in denen ich meine Lage überdenken kann. Um Himmels willen, ich hätte bei der Turn-Card alles setzen sollen. Wie konnte mir bloß ein so kolossaler Schnitzer unterlaufen?

Joey ist eine ziemlich imposante Erscheinung. Er hat einen gewaltigen Brustkorb, buschige Koteletten und trägt mit Vorliebe eine schwarze Strickskimütze, mit der er aussieht wie ein Hafenarbeiter. Die typischen Verunstaltungen, die jeden Pokerspieler kennzeichnen, der sich oft einen ganzen Monat lang nicht vom Fleck rührt – die vom Rauchen graue Gesichtsfarbe, der Bierbauch, der Speckrücken und die trostlosen schwarzen Augenringe -, sind ihm bis jetzt erspart geblieben. Während ich ihn in der Hoffnung anstarre, seine Miene möge mir irgendetwas verraten, tritt plötzlich ein Ausdruck von aufrichtiger Anteilnahme in sein Gesicht. Du hättest bei der Turn-Card alles setzen sollen, heb? Denselben Fehler habe ich auch ständig gemacht, als ich ein Anfänger war. Was Joey gerade tut, nennt man Coffeehousing. Er kommentiert das Spiel, um mich zum Handeln zu verleiten. Mir ist nur nicht klar, in welche Richtung er mich drängen will. Weißt du, warum der Regentanz der Indianer funktioniert, Andy? Weil sie so lange tanzen, bis es regnet.

Mist, was soll das denn heißen?
Wenn du artig weiter tanzt, kriegst du mich eines Tages, sagt er lächelnd. Na toll. Ich will zu meiner Mami. Wenn ich passe und er zeigt mir König-Bube, fange ich an zu heulen. Wenn ich aber mitgehe und er zeigt mir Kreuz Ass-Kreuz 4, fange ich erst recht an zu heulen. Wie konnte ich es nur so weit kommen lassen? Was mir zu denken gibt, ist gar nicht so sehr die schwierige Situation, in der ich mich befinde, denn die habe ich mir durch meine Gier und meine Dummheit selbst eingebrockt, das ist mir klar. Vielmehr beschäftigt mich, wes halb ich verdammt noch mal zusammen mit diesen Freaks in einem Keller hocke, kurz davor stehe, einen ganzen Monatsverdienst als freier Journalist vor die Säue zu werfen, und mich nach einem Platz umsehe, an dem ich mich übergeben kann. Und dann fällt es mir wie einem Kryptologen, der einen Code knacken soll und gerade die Chiffriertabellen erhalten hat, wie Schuppen von den Augen: Ich bin einer von ihnen.

Ich habe genau so einen in der Grütze wie alle anderen hier. Ich gehöre in diesen Affenzirkus. Und damit nicht genug. Die Woge der Übelkeit, die mich eben noch fortzureißen drohte, übt jetzt eine regelrecht elektrisierende Wirkung auf mich aus. So fantastisch wie im Augenblick habe ich mich den ganzen lag lang nicht gefühlt. Die entscheidende Frage, die ich mir stelle und die lauter absurde Gedanken und Empfindungen in mir hervorruft, lautet, weshalb sich schätzungsweise 55 Millionen Amerikaner in verqualmten Kellerlöchern und Garagen drängeln, um zu pokern. Und vor allem frage ich mich, was No-Limit Texas Hold’em zum Spiel aller Spiele macht.

In den wenigen Sekunden, die mir bis zur Entscheidung bleiben, wandere ich in Gedanken zu dem Mann zurück, der die Hauptverantwortung dafür trägt, dass ich jetzt an diesem Tisch sitze. Nein, es nicht mein Vater, auch wenn er die biologische Verantwortung trägt. Es ist einer meiner Mathematikprofessoren von der Wesleyan University. Als wir eines Tages über die Wahrscheinlichkeitstheorie diskutierten, fragte er mich, ob ich schon einmal gepokert hätte. Ich nickte lachend. Der nette Professor hat mir vieles beigebracht, aber nichts davon war so wichtig wie die Wegbeschreibung von Middletown, Connecticut zum Foxwoods Casino bei New London, wo ich mir unter seiner Anleitung die ersten Sporen als Pokerspieler verdiente.

Einmal verbrachten wir einen ganzen Nachmittag damit, eine Formel zu entwickeln, mit der man den Ausgang einzelner Spielsituationen Voraussagen konnte. Wir wollten damit anderen Spielern eine Hilfestellung geben und ihnen die Entscheidung erleichtern, ob sie ein Gebot mitgehen sollen oder nicht. Nachdem er mir einige besonders schöne und elegante mathematische Erklärungen geliefert hatte, lehnte er sich zu mir hinüber und sagte: Wenn du einmal wirklich unschlüssig bist und nicht weißt, was du tun sollst, obwohl du alle erdenklichen Hinweise durchdacht und dein ganzes mathematisches Wissen angewandt hast, dann geh mit.

Wieso?, fragte ich.
Weil es so mehr Spaß macht.
Ich bin bereit für Joey Millman. Ich schiebe alle meine Chips in die Tischmitte. Ich gehe mit.
Joey lächelt.