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Der passiv-verhaltene Tisch kann gefährlich werden Teil II – neue Pokerstrategien lernen


Karten wie J – 3 und 10-3 können Sie generell ausschließen. J – 10 wäre möglich.
Wenn wir uns nun mit dem Big Blind auseinander setzen, so müssen wir uns hier vor Augen halten, dass dieser nicht den Einsatz nach Einsicht seiner Karten erbracht hat, sondern davor. Insbesondere in einem Spiel ohne Erhöhung bedeutet das, dass absolut jede Kombination, von 3-2 über 7-2 bis 10 – 3, möglich ist. Zwei hohe Karten bzw. ein Top-Paar können wir in diesem Fall grundsätzlich ausschließen, da er mit solch starkem Blatt den Vorteil seiner Position für eine Erhöhung genutzt haben sollte.

Also, hier ist die Wahrscheinlichkeit eines schwachen Blattes sehr hoch, gering jedoch die Gefahr, dass es eines ist, das sich durch den Flop verbessert haben könnte. Ohne Zweifel bringen wir einen Einsatz!

Im Pot liegen jetzt 4 kleine Einsätze. Vorausgesetzt, dass Sie keines Bluffs oder Semibluffs verdächtigt werden, rechtfertigt sich ein Mitgehen für einen Ihrer Gegner nur dann, wenn er zumindest 11 Outs zählt.

(Zum Nachrechnen: Potquote: 3,5, Einsatzquote 1, zusammen also 4,5. 52 Karten – 2 Bunkerkarten – 3 Flop = 47. 47 : 4,5 = 10,44)

Big Blind passt! Der Spieler in der mittleren Position geht mit!
Was könnten die Gründe für dieses Mitgehen sein?

■ Er verfügt über einen J
■ Er zählt 11 oder mehr Outs
■ Er hält ein Überpaar (A – A, K – K, Q – Q) im Bunker
■ Er hat zwei Paare oder, durch ein Taschenpaar, einen Drilling
■ Er verdächtigt Sie eines Bluffs

Hält er einen J in der Hand, dann wäre das für Sie günstig, denn mit dem A halten Sie den besten Kicker. Hier müssen wir aber bedenken: Hätte er A – J oder K – J, dann wäre seine Situation die gleiche wie die Ihre, und er hätte vor Ihnen den Einsatz erbracht. Q-J wäre ein Grenzfall, hätte aber, wenn es sich um keinen extrem vorsichtigen Spieler handelt, auch zu einem Einsatz führen sollen.

Um auf mehr als 11 Outs zu kommen, gibt es mehrere, aber eingrenzbare, Möglichkeiten. Eine davon wären zwei Karo. Nehmen wir an, er hätte K♦ – Q♦, ein Idealfall (für ihn), mit 9 Outs für die Flush, 6 weiteren für eine beidseitig offene Straße, dazu noch 3 K und 3 Q, zusammen also 21 Outs! A♦ – K♦, A♦ – Q♦ oder K♦ – 9♦ wäre ähnlich, bloß mit 3 Outs weniger, durch den nur einseitigen Straßeneingang. KO oder QO in Verbindung mit einer kleinen Karo wäre theoretisch auch möglich. Das wären 9 Outs für das Flush und 3 weitere für ein Hochpaar – also 12, doch müssen wir uns die Frage stellen, ob er mit so einem Blatt von Anfang an mitgegangen wäre. Zwar ist dies nicht gänzlich auszuschließen, doch eher nur dann zu berücksichtigen, wenn sich dieser Spieler bereits als risikofreudig erwiesen hat.

K – Q, in beliebiger Farbe, wären grundsätzlich 14 Outs, 6 für ein Hochpaar mit K oder Q und weitere 8 für die beidseitig offene Straße. Allerdings, nachdem zwei Karo auf dem Tisch liegen, sollte er – wenn er korrekt zählt – alle passenden Karo auslassen, was die Outs auf 10 reduzieren würde. Zählen wir die Outs für A – K und A – Q, sind es jeweils 7, wenn keine der beiden Karten ein Karo ist; falls doch, dann allerdings 12!

Sollte er eine 10 mit A, K oder Q halten, dann käme er nicht mehr auf genügend Outs. Selbst die Flushgefahr ignorierend, wären es nur 5 Outs; und selbst mit der Möglichkeit zur eigenen Hintertürflush nur 7.

Sie sehen, dass es hier sehr solide Anhaltspunkte gibt, das Blatt des Gegners einzuschätzen. Haben wir uns auf den lockeren Tischen mit den Outs vorwiegend für unsere eigene Verbesserungsmöglichkeit aus einander gesetzt, so tun wir es hier auch, um einen besseren Überblick nicht nur über die Kaufmöglichkeit des Gegners zu haben, sondern auch über die Gründe für seinen Entschluss, den Einsatz zu halten.

Mit einem Überpaar, zwei Paaren (was aber nur J – 10 sein könnte, denn mit J – 3 oder 10-3 wäre er gewiss nicht im Pot) oder einem zum Drilling gewordenem Taschenpaar, hätte er eigentlich selbst den Einsatz bringen sollen, oder er hätte nach unserem Einsatz erhöht (Check-Raising). Dass er ein Topblatt zurückhält, um später, bei den doppelten Einsätzen, zuzuschlagen, können wir aber nicht ausschließen und werden diese Gefahr somit für die nächste Einsatzrunde im Gedächtnis behalten.

Sie eines Bluffs verdächtigend mitzugehen wäre hier nur dann sinnvoll, wenn er selbst über Karten mit gutem Potenzial verfügen würde, also A – K und Ähnlichem, was ihm somit aber gleichzeitig auch zu entsprechenden Outs verhelfen würde. Mit 9 – 9, 8 – 8 oder 7-7 hätte er anfangs Veranlassung gehabt mitzugehen, könnte jetzt aber nur unter der Voraussetzung eines Bluffs Ihrerseits im Pot bleiben. Zwar eine kleine, doch weitere Möglichkeit.

Lassen Sie mich an dieser Stelle erwähnen, dass Taschenpaare nicht nur auf lockeren, sondern auch auf trockenen Tischen meist zu hoch eingeschätzt werden. Der psychologische Effekt scheint vielen Spielern die Bereitwilligkeit zum korrekten Rechnen zu reduzieren! Die Wahrscheinlichkeit, den Drilling zu floppen, ist rund 8 zu 1. Am Turn sind es dann nur mehr 22,5 zu 1, eine Chance, die sich so gut wie nie durch die Quoten rechtfertigt. Das unverbesserte Taschenpaar wird nur dann zum Trumpf, wenn entweder alle am Tisch liegenden Karten im Wert niedriger sind oder, natürlich, wenn ein Gegner einen Bluff versucht!

Eine schmerzhafte, doch häufige Erfahrung: Wir halten Q – J in der Hand, und am Tisch liegt: A-K-9-4-3. Auf Grund der Spielentwicklung gehen wir davon aus, dass unser Gegner weder über A noch über K verfügt. Ohne geformtes Paar in der Hand des Gegners ist unser Blatt das bessere. Wir bringen einen Einsatz, und der Gegner geht mit. Er hat 6-6! Und hier ist der sonderbare Umstand, dass er mit einer 9 in der Hand aller Voraussicht nach gepasst hätte; lässt Ihr Einsatz doch auf ein A oder zumindest auf einen K schließen. Doch die anfängliche Begeisterung des Taschenpaars, die ursprüngliche Hoffnung auf einen Drilling, nimmt ihm das Einsehen für sein wirklich schwaches Blatt. In diesem Fall: Pech für Sie. (Was wir aber wiederum nicht tragisch nehmen, denn halten Sie wirklich A oder K, entscheidet er sich letztendlich genauso!) Um Missverständnissen vorzubeugen, lassen Sie mich hier noch kurz festhalten, dass es zwar viele Spieler sind, die diesen Fehler begehen, aber natürlich nicht alle!

Begeben wir uns zurück zum eigentlichen Beispiel. Nehmen wir kurz an, der Spieler der mittleren Position würde nicht nur mitgehen, sondern erhöhen. In diesem Fall gäbe es folgende Möglichkeiten:
■ Sein Blatt ist besser als unseres, also ein Überpaar, zwei Paare oder ein Drilling.
■ Er hält KO – QO (21 Outs), was ihm eine fast 50%ige Verbesserungschance einräumt und die Erhöhung annähernd rechtfertigt.
■ Er möchte Ihrem (hohen) Einsatz am Turn Vorbeugen und somit den River zum halben Preis sehen – ein übrigens sehr häufig angewandter Zug.
■ Ein Semibluff.

Hätten wir berechtigten Anlass anzunehmen, dass die erstgenannte Idee die wahrscheinlichste ist, dann müssten wir passen, denn unser Verbesserungspotenzial würde sich auf nicht mehr als 5 Outs beschränken. Das noch mögliche Flush in Karo (durch die Hintertür) wäre, mit JO hoch, eher schwach und somit nicht berücksichtigungswert. Dafür ist es natürlich wichtig, mit der Spielweise dieses Gegners, bis zu einem gewissen Grad, vertraut zu sein. Hat er sich bereits als extrem vorsichtiger Spieler, passiv und verhalten, bewiesen, fällt die Entscheidung leicht.

Kennen wir ihn noch nicht bzw. unternimmt er öfters eher riskante oder strategisch kalkulierte Schritte, so könnte es durchaus ratsam sein, den zweiten kleinen Einsatz zu investieren oder, was von Profis immer wieder empfohlen wird, sogar eine weitere Erhöhung vornehmen.
Gehen wir aber nun weiter von der Situation aus, dass er, ohne zu erhöhen, mitgegangen ist, und sehen uns somit den Turn an.

Etwa die Hälfte der Karten schließt Verbesserungsmöglichkeiten auf beiden Seiten aus. Jede Karte zwischen 8 und 2, die kein Karo ist, verändert grundsätzlich nichts an der Situation.
Fällt am Turn eine Karte, die, nach der vorangegangenen Analyse, das Blatt des Gegners verbessern könnte, so zeigt sich hier wiederum der Vorteil der späten Position. Der Gegner sitzt vor Ihnen!
(3♦ – 10♦ – J♣) – K♦
Zur Erinnerung: Es liegen zu diesem Zeitpunkt 5 xk kleine Einsätze, $ 110, im Pot. Der Gegner checkt!

Was nun? Mit dieser Karte sind Sie mit neuen Gefahren konfrontiert. Ihr J ist nicht mehr das Hochpaar, es droht ein Flush, und mit Q in der Hand hätte der Gegner einen beidseitigen Straßeneingang.

Ihre eigene Situation hat sich durch das Vierflush und die Bauchschussmöglichkeit auf eine Narrenstraße verbessert! Sie stehen vor der Wahl, ebenfalls zu checken oder einen, nun hohen, Einsatz zu bringen!

Hier, wie in so vielen anderen Situationen, stehen Ihnen grundsätzlich beide Möglichkeiten offen. Ein Anhaltspunkt ist natürlich die Spielweise des Gegners, doch auch die dient uns oft genug nicht ausreichend als Entscheidungshilfe.

Wie immer Sie sich in so einem Fall entscheiden, wichtig ist, dass Sie wissen, warum!
Vermutlich denken Sie während des Lesens einen Schritt weiter und sind bereits zu einem Schluss gekommen, wie Sie sich in dieser gegebenen Situation verhalten würden. Also, denken Sie weiter und fragen Sie sich nach dem Grund für Ihre Entscheidung!

Wir setzen, weil wir annehmen, dass sich das Blatt unseres Gegners nicht verbessert hat, ansonsten er bereits einen Einsatz erbracht haben würde. Ein Checken unsererseits würde ihm aber eine neue Verbesserungsmöglichkeit anbieten. Die nun 7 1/2 Einsätze im Pot (5 V1/2 + unser Einsatz) würden 2 Stück von ihm entgegenstehen, also 1 zu 3,75. 46 : 3,75 = 12,27. Er brauchte zumindest 13 Outs! Von den vorher bedachten Möglichkeiten können wir aber in diesem Fall all die mit einem K im Bunker ausschließen, da er mit dem Top-Paar vermutlich einen Einsatz erbracht hätte. Aller Erwartung nach, müsste er passen! Geht er jedoch mit, dann wissen wir dieses Mal noch besser über sein Blatt Bescheid. A♦, in Verbindung mit jeder beliebigen Karte, würde ihm 14 Outs geben, 12 davon formten eine Narrenstraße bzw. Narrenflush. Q♦, in Verbindung mit J oder 10, wäre möglich! Ein mögliches Flush wäre nur durch A♦ in Ihrer Hand zu schlagen – eine nicht allzu große Gefahr! Hätte er jedoch die Q in anderer Farbe, ohne Flushkauf, dann würden die Outs nicht zum Mitgehen ausreichen. Die Karos, nachdem 3 bereits am Tisch liegen, gänzlich ausschließend, wären das bloß 6 Outs für den beidseitigen Straßeneingang. Auf eine Paarung der Q zu hoffen wäre nicht sinnvoll, da dies die Gefahr einer Straße ihrerseits (mit A oder 9) mit sich bringen würde. Eine Verbindung Q – J wäre noch möglich, Q – 10 eher unwahrscheinlich, jedenfalls wäre dies hoch spekulativ, weil er schließlich mit einem J in Ihrer Hand rechnen muss.

Wie Sie sehen, gibt es eine ganze Menge guter Gründe, einen Einsatz zu bringen. Der einzige Grund, der uns von einem Einsatz abhalten würde, wäre die Gefahr des Check-Raising! Checken wir hingegen, dann tun wir dies aus folgender Überlegung:

Erhöht der Gegner nach unserem Einsatz (Check-Raising), so müssten wir vermutlich passen, denn unsere Verbesserungsmöglichkeiten sind nicht sehr überzeugend. Eine Q zur Straße, ein J zum Drilling und ein A zu zwei Paaren. Im Falle eines Karo am River wäre unser Flush mit J hoch ein gefährliches Blatt, lauern doch irgendwo da draußen eine Dame und ein Ass. Dabei müssen wir aber bedenken, dass unser Opponent vielleicht schon über ein Flush oder die Narrenstraße verfügt, was uns, sollten wir uns wirklich gut- oder, in diesem Fall, totkaufen, einen weiteren großen Einsatz kosten könnte.

Spielen wir somit vorsichtig, so lassen wir dem Gegner zwar die Kaufchance, doch die ist, so wie in den meisten Fällen, wahrscheinlich nicht übermäßig groß. Folgt, wie zu erwarten, eine wilde Karte am River, so wird er wieder checken, was auch wir tun werden, und der Pot wird uns gehören.

Die Variante des Checkens birgt aber eine große Gefahr! Wir zeigen Schwäche! Es wird offensichtlich, dass wir bestenfalls einen J und mit Sicherheit keinen K in der Hand halten, gar nicht zu reden davon, dass wir Straße oder Flush gekauft haben könnten. Dieses Anzeigen von Schwäche wäre zwar, einem extrem vorsichtigen Spieler gegenüber, von keiner sonderlichen Bedeutung. Für einen flexiblen Spieler jedoch wäre es eine offene Einladung zu einem Einsatz am River, ungeachtet der gefallenen Karte.