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Das Spiel in einer tight-passiven Partie – neue Pokerstrategien lernen


Eine tight-passive Partie zeichnet sich durch mehrere tight-passive, nicht mehr als zwei loose und keinen einzigen aggressiven Spieler aus. Viele Hände werden überhaupt nicht ausgespielt – und wenn, sind nach dem Flop oder dem Turn nur zwei oder drei Spieler beteiligt. Raises sind selten und Reraises kommen fast nie vor. Die meisten Pots sind unbedeutend und kaum der Mühe wert. Nur wenige Hände gehen bis zum Showdown und enden in der Regel mit einem Call. Ist die Partie tight-passiv, sollten Sie sich fragen, ob sich die Mühe lohnt. Sie können nicht viel gewinnen, drohen einiges zu verlieren und kommen vor Langeweile fast um. Vermutlich ist es ratsamer, die Zeitung zu lesen, einen Spaziergang zu unternehmen oder die Partie zu wechseln.

Erwarten Sie nicht zu viel
Wenn Sie viel Action suchen oder auf große Gewinne hoffen, vergessen Sie es. Das wird nicht geschehen. Tatsächlich sollten Sie sich über Verluste nicht wundern und verlieren vielleicht mehr als erwartet. Dieser Partietyp bietet wenig Vorteile und birgt viele Nachteile. Sie können nicht viel gewinnen, aber ziemlich viel verlieren.

Selbstbeherrschung
Selbstbeherrschung ist immer wichtig, aber besonders bei einer tight- passiven Partie, weil sie so schwer zu schlagen und derart frustrierend ist. Ihre natürliche Sehnsucht nach Action kann dazu führen, dass Sie zu viele Hände spielen und diese zu aggressiv. Es geschieht immer wieder: Der Durchschnittsspieler, ein 5,5-Spieler, nimmt Platz und beginnt sein normales Spiel. Er verliert in jedem einzelnen Pot nicht viel, sondern blutet langsam aus. Er verliert einen Buy-In, dann den zweiten und dann den dritten. Er bettet aggressiv ein Two Pair mit Assen, wird jedoch von einem Drilling Achten geschlagen. Er vervollständigt auf dem River eine Straight, übernimmt die Initiative – und verliert gegen einen ebenfalls auf dem River komplettierten Flush. Er gewinnt ein paar Pots, aber jeweils nicht viel, und verliert immer wieder. Langsam dreht er durch. Zuerst wird er ein wenig looser, callt mit marginalen Händen und raist ein bisschen zu aggressiv. Dann fängt er an, sich über die „verdammten Rocks“ zu ärgern und über sich selbst, weil er in einer so „lausigen Partie“ mitspielt. Wenn es so weit ist, befindet er sich auf dem besten Weg zu schwerwiegenden Verlusten.

Was uns zu unserer ersten Frage zurückbringt: Was soll diese Quälerei? Wenn Sie denken, die für diese Partie erforderlichen Veränderungen in Ihrem Spielstil nicht vornehmen zu können, sollten Sie nicht Platz nehmen. Wenn Sie sich nicht beherrschen und viel konservativer spielen können, sollten Sie überhaupt nicht spielen. Hören Sie auf, wenn Sie herausfinden, dass Sie zwar konservativ begonnen, aber die Anforderungen gelockert haben. Wenn Sie sich entscheiden zu spielen, sind ein paar Prinzipien hilfreich. Nachdem Sie realisiert haben, was zu tun ist, um bei einer tight-passiven Partie ein wenig zu gewinnen, wollen Sie vielleicht Ihre Entscheidung überdenken.

Akzeptieren Sie die veränderten Umstände
Die Action unterscheidet sich derart stark von den meisten Partien, dass Sie Ihre Vermutungen und Strategien revidieren müssen. Andernfalls werden Sie vermutlich verlieren und sicher frustiert sein. Im Folgenden ein paar der notwendigsten Veränderungen.

Veränderung Nr. 1: In jedem Pot sind weniger Spieler beteiligt.
Dieser offensichtliche Punkt führt zu vielen Konsequenzen.

Veränderung Nr. 2: Viele Hände enden vor dem Showdown. Sie
beginnen mit weniger Spielern und diese werden in der Regel schneller folden. Die durchschnittliche Hand dauert ungefähr bis zur dritten Setzrunde oder bis zum Flop.

Veränderung Nr. 3: Der Pot ist viel kleiner als üblich. Dieser Punkt folgt zwangsläufig aus den beiden vorhergehenden.

Veränderung Nr. 4: Die meisten Pots werden mit schwächeren Händen als üblich gewonnen. Da sehr wenige Spieler an jedem Pot beteiligt sind, gibt es bei weitem nicht so viele Straights, Flushs oder Full Houses.

Veränderung Nr. 5: Der Wert von Paaren und hohen Karten steigt, während der von Drawing Hands sinkt. Viele Pots werden mit einem Ass oder König als höchste Karte oder einem Paar gewonnen. Two Pair ist bereits eine relativ starke Hand. Sie werden selten Straights oder Flushs erleben, weil Rocks die meisten Drawing Hands nicht spielen und die Action dies auch bei anderen Spielern nicht rechtfertigt. Beachten Sie: Beim Hold’em sinken niedrige Paare – also Drawing Hands – im Wert, weil es nicht genug Caller und somit auch keine ausreichenden Pot Odds für die seltenen Sets, die Sie floppen, gibt.

Passen Sie Ihre Strategie an, um diesen veränderten Umständen gerecht zu werden
Da sich die Regeln unterscheiden, müssen Sie Ihre Strategie angleichen. Unterlassen Sie das, haben Sie keine Chance. Im Folgenden einige Anpassungen, die Sie vornehmen sollten.

Anpassung Nr. 1: Spielen Sie viel tighter. Wenn Sie nicht in jeder Setzrunde viel tighter spielen, gehen Sie Bankrott. Sie müssen in der ersten Setzrunde (beim Stud) beziehungsweise vor dem Flop (beim Hold’em) besonders tight agieren. Da jeder andere auf Premium- Karten wartet, müssen Sie das gleiche tun.

Sie können beim Stud etwas großzügiger vorgehen als bei Varianten mit einem Flop, weil Sie dort wegen der seltenen Raises oft das Bring-In angreifen können.
„Wenn (…) nur das Bring-In im Pot und ein Raise unwahrscheinlich ist, (…) agieren viele gute Spieler wahrscheinlich zu tight. Es gibt viele Hände, die man spielen kann – wenn sie billig ist, niemand eine gleiche offene Karte wie Sie hat und Ihr Blatt sich zu einem Monster entwickeln kann (Seven-Card Stud for Advanced Players: 21st Century Edition; S. 66).

Beim Hold’em sollten Sie Hände spielen, die in der Gruppeneinteilung mindestens eine Stufe höher angesiedelt sind als von Sklansky und Malmuth empfohlen. Wenn es zum Beispiel normalerweise in Ordnung wäre, eine Hand aus der Gruppe 6 zu spielen, sollten Sie nur die Hände aus Gruppe 5 oder besser spielen – und dann auch nur die hohen Karten und nicht die Suited Connectors. Für die nachfolgenden Setzrunden gilt das gleiche Prinzip. Wenn jemand bettet, hat er vermutlich gute Karten. Mit einer Hand, die in einer normalen Partie einen grenzwertigen Call rechtfertigt, ziehen Sie einen Fold in Betracht.

Anpassung Nr. 2: Spielen Sie viel passiver (ausgenommen bei
Bluffs und Semi-Bluffs). Die gleiche Logik wie zuvor gilt für Aggressivität: Betten Sie nicht, wenn Sie ansonsten mit derselben Hand keinen Raise in Betracht ziehen würden. Wahrscheinlich sollten Sie auch nicht raisen, wenn Sie normalerweise keinen Reraise in Betracht ziehen würden. Aber: Ein Raise in der letzten billigen Setzrunde kann Ihnen oft eine Free Card in der nachfolgenden bescheren.

Anpassung Nr. 3: Sie sollten häufiger bluffen, semibluffen und versuchen, die Blinds und Antes zu stehlen. Das ist notwendig, um aus dieser Art von Partie wenigstens etwas Geld herauszuholen – aber gehen Sie dabei behutsam vor. Befolgen Sie die Regeln für das Bluffen von TPAs. Frühzeitige Bluffs sind besonders wirkungsvoll. Wenn zum Beispiel beim Hold’em auf dem Flop nur niedrige Karten (am besten inklusive einem sehr niedrigen Paar) kommen, können Sie recht sicher sein, dass niemand getroffen hat, weil keiner mit niedrigen Karten spielt. Wenn nicht gerade jemand ein hohes Paar hält, werden vermutlich alle folden. Auch wenn der Rock auf dem Flop calit, wird er wahrscheinlich folden, wenn Sie Ihren Bluff auf dem Turn fortsetzen. Rocks werden Ihnen nicht hinterherjagen, weil es mehrere Bets kostet und nicht nur die eine Bet für den Call auf dem Flop. Das gleiche Prinzip gilt bei der ersten und zweiten Setzrunde beim Stud.

Anpassung Nr. 4: Spielen Sie in den frühen Setzrunden keine Hände, die nur für Draws geeignet sind. Damit ist eine Hand gemeint, die wenig Wert besitzt, wenn Sie diese nicht komplettieren. Zum Beispiel ist in der ersten Setzrunde beim Stud eine Hand wie

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nahezu wertlos, wenn sie sich nicht zur Straight verbessert. Dahingegen ist

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besser, weil sie sich zu einer höheren Straight, zu besseren Trips oder einem höheren Paar beziehungsweise Two Pair verbessern kann.

Die meisten Leute haben keine Ahnung, wie selten sich Drawing Hands komplettieren. Othmers Computersimulation für die erste Setzrunde beim Stud zeigt, dass sich nur 19 Prozent der Blätter mit drei Karten zur Open-ended Straight und nur 18 Prozent der Blätter mit drei Karten zum Flush tatsächlich zu einer Straight oder einem Flush vervollständigen.
• (bei drei Karten zu einer Open-ended Straight) „In allen Fällen kam bei der Simulation in der überwiegenden Mehrheit ein Paar heraus und immer noch öfter Two Pair als eine Straight.“
• (bei drei gleichfarbigen Karten) „In der überwiegenden Mehrheit der Fälle kam bei der Simulation ein Paar oder Two Pair heraus. Demzufolge sind niedrige gleichfarbige Karten konservativer zu spielen als hohe gleichfarbige Karten.“

Das gleiche grundsätzliche Muster ergibt sich bei Drawing Hands beim Hold’em, aber Paare und hohe Karten besitzen gegenüber den Drawing Hands einen noch größeren Vorteil, weil man den Flush- oder Straight Draw mit nur zwei Karten statt mit drei Karten beginnt. Selbst wenn man mit Suited Connectors wie

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beide Möglichkeiten, Straight- und Flush Draw, in petto hat, komplettiert man die Straight oder den Flush in weniger als 15 Prozent der Fälle. Viel eher hat man am Ende entweder nichts, ein Paar oder Two Pair.

Bei einer loosen Partie, besonders einer passiven, zahlt sich ein Draw aus. Sie können die Hand billig spielen; die Pot Odds gleichen das geringe Risiko aus und auch die Implied Odds sind sehr akzeptabel, weil Sie ausbezahlt werden, wenn Sie Ihre Hand komplettieren. Bei einer tight-passiven Partie sind die Pot Odds gering; Sie bekommen fast nie die notwendige Anzahl Caller, um den Call mit einer schwachen Drawing Hand zu rechtfertigen. Die Implied Odds sind sogar noch schlechter; vervollständigen Sie Ihre Hand, werden Sie vermutlich nicht ausbezahlt.

Wenn die Position und andere Bedingungen nicht vorteilhaft sind, sollten Sie beim Stud schwache Drawing Hands und beim Hold’em niedrigere Suited Connectors als 98 schlicht folden.18 Sitzen Sie nicht in Late Position, sollten Sie eine Hand wie

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wegwerfen, auch wenn sie Ihnen auf den ersten Blick gefällt. Die Chancen auf einen Flush sind gering und Sie haben nur eine lohnenswerte Karte für ein Paar. Selbst wenn Sie ein Ass treffen, können Sie nicht zuversichtlich betten, weil jemand anderes leicht einen besseren Kicker haben könnte. Bei dieser Partie spielt kaum jemand mit A6 oder niedriger. Wenn Sie betten und gecallt werden, sind Sie vermutlich geschlagen. Eine Ausnahme besteht in sehr tighten Partien, wo Sie mit einem Raise sehr oft die Blinds stehlen oder ein Heads-Up erzwingen. Sie können gegen einen Rock oft auch noch später stehlen oder mit einem niedrigen Paar gewinnen. Wenn Sie dies mit der guten Chance, den Blind zu stehlen, kombinieren, könnte ein Raise vor dem Flop profitabel sein, wenn vor Ihnen alle gefoldet haben. Wenn die Partie jedoch ein wenig looser ist oder Sie sich in Early Position befinden, könnte es sein, dass Sie sich mit Ihren niedrigen Suited Connectors zwei oder drei Kontrahenten gegenübersehen. Das wäre sehr nachteilig.