Weitere praktische Beispiele zum Beginn des Pokerspiels – zusätzliche Info

Es gibt einen Mann in Indiana.
Eines Morgens wacht der Mann auf und hört eine Stimme. Die Stimme sagt: Kündige deinen Job, verkauf dein Haus, nimm all dein Geld und fahr nach Las Vegas.
Er hört nicht auf die Stimme und geht zur Arbeit. Einige Zeit später hört er die Stimme erneut. Kündige deinen Job, verkauf dein Haus, nimm all dein Geld und fahr nach Las Vegas.
Er ignoriert die Stimme wieder.
Schon bald spricht die Stimme ununterbrochen zu ihm.
Kündige deinen Job, verkauf dein Haus, nimm all dein Geld und fahr nach Las Vegas.
Als er es nicht länger aushält, befolgt er den Rat der Stimme.
Er kündigt seinen Job, verkauft sein Haus, nimmt all sein Geld und fliegt nach Las Vegas.
Als er das Flugzeug verlässt, sagt die Stimme: Geh ins Binion’s Horseshoe.
Er geht ins Horseshoe.
Die Stimme sagt: Kauf dir einen Startplatz für die World Series of Poker.
Er nimmt seine 10 000 Dollar und kauft sich einen Platz im Turnier.
Er setzt sich an den Tisch, der ihm zugewiesen wurde.
Im ersten Spiel bekommt der Mann A♠ A♣.
Die Stimme sagt: Setz alles.
Er legt die ganzen 10 000 Dollar in den Pot.
Drei Spieler gehen mit.
Der Dealer legt den Flop aus: 9♥ 10♥ B♥.
Die Stimme sagt: Scheiße.

Beantworten Sie die folgenden Fragen, ohne zurückzublättern!
1. Wie oft hat die Stimme gesagt: Kündige deinen Job, verkauf dein Haus, nimm all dein Geld und fahr nach Las Vegas?
2. Was für ein Blatt erhielt der Spieler?
3. Wie sah der Flop aus?
4. Wo kam der Mann her?
5. Wie viel Geld hat der Mann auf einmal gesetzt?

Es spielt keine große Rolle, ob Sie alle Fragen richtig beantwortet haben. Falls es Ihnen wie den meisten Menschen ergeht, wird die Funktionsweise Ihres Gedächtnisses – weshalb, wann und wie Sie sich an etwas erinnern – ein Buch mit sieben Siegeln für Sie sein. Vielleicht erinnern Sie sich noch, welches Blatt der Mann hielt, aber nicht mehr, aus welchem Bundesstaat er kam. Oder Sie wissen noch, welcher Song gerade spielte, als Sie Ihre Jungfräulichkeit verloren, aber welcher Song im Radio lief, als Sie heute Morgen aufwachten, haben Sie vergessen. Das ist so, weil das menschliche Gedächtnis ein Phänomen voller Lücken und Absonderlichkeiten ist. Ganz nebenbei gehört ein gutes Gedächtnis zu den wenigen Werkzeugen des exzellenten Spielers, die Sie außerhalb des Pokertisches trainieren können.

Es gibt viele Methoden, pokern zu lernen. Nach meiner Erfahrung lassen sich fast alle, so neu und ausgefallen sie auch sein mögen, in zwei Kategorien einteilen: clevere und dumme Methoden. Richard Nixon wählte die einzig wirklich kluge Methode. Nixon, der ein überzeugter Quäker war und bis zum Alter von Mitte zwanzig jede Form des Glücksspiels strikt ablehnte, kam zum ersten Mal mit Poker in Berührung, als er zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in die Navy eintrat. Das Spiel schlug ihn sofort in seinen Bann. Nachdem er eine Weile zugeschaut hatte, erkundigte er sich bei einem Offizierskollegen, ob es eine sichere Methode gebe, beim Poker zu gewinnen. Auf lange Sicht ja, antwortete der Offizier und erklärte ihm die Grundzüge des Spiels.

Nixon war begeistert und pokerte mit seinem Freund zunächst monatelang ohne Einsätze. Als er schließlich bereit war, um Geld zu spielen, hatte er jede Menge Erfahrung auf dem Buckel. Er mauserte sich zu einem exzellenten Spieler und finanzierte seine erste Kandidatur für den Senat teilweise aus seinen Spielgewinnen. Ich näherte mich dem Spiel dagegen ganz ehrfurchtlos. Als Opfer meiner gnadenlosen Selbstüberschätzung stürzte ich mich rückhaltlos in jede Pokerpartie, auch wenn ich meistens der schlechteste Spieler am Tisch war. Wenn ich gewann, führte ich es auf mein unnachahmliches Können zurück. Wenn ich verlor, hielt ich es für Pech. Natürlich war es das genaue Gegenteil. Anfang 1991 spielte ich erstmals regelmäßig in Casinos.

Dort dämmerte mir, dass ich wohl doch nicht der beste Pokerspieler aller Zeiten war. Ich wurde regelmäßig geschlachtet. Aus Dummheit und Arroganz kehrte ich immer wieder an denselben Tisch zurück, an dem ich meine Niederlagen kassiert hatte. Nachdem ich monatelang nur Prügel bezogen hatte, entwickelte ich eine Eigenschaft, die mir bis dato fremd gewesen war: Demut. Ich suchte meinen Pokerlehrer auf und fragte ihn, wie ich mein Spiel verbessern könne. Er nannte mir drei Möglichkeiten: Die Gewinnchancen auswendig lernen, mehr pokern und vor allem mein Gedächtnis verbessern. Ein gutes Gedächtnis ist das Einzige, was alle großen Kartenspieler gemein haben, sagte er.

Ich war zutiefst enttäuscht. Poker faszinierte mich unter anderem deshalb, weil ich es für ein Spiel hielt, in dem strikte Chancengleichheit herrschte. Früher, als ich noch Leistungssport betrieb, hatte ich mir meine Erfolge immer hart erkämpfen müssen. Auf dem College spielte ich Volleyball und Lacrosse, Sportarten, bei denen vor allem Körpergröße und eine kräftige Statur zählten. Mit beidem konnte ich nicht dienen. Also musste ich mich doppelt anstrengen, um gut zu sein. Ich verabscheute die Vorstellung, dass manche Menschen von Natur aus mit einem fantastischen Gedächtnis gesegnet waren, während ich mich schon wieder abstrampeln musste, um mitzuhalten. Als ich dem Professor meine Enttäuschung eingestand, erwiderte er, dass ich mit meiner Einschätzung völlig daneben liege. Niemand kommt mit einem tollen Gedächtnis auf die Welt, sagte er. Man legt es sich zu.

Was ist mit Stu Unger?, fragte ich. Wenn es je einen Pokerspieler mit einem perfekten Gedächtnis gegeben hatte, dann Stu Unger. Unger? Den wollte ich gerade als Beispiel anführen, dass ein gutes Gedächtnis antrainiert ist, antwortete er und erzählte mir Ungers Lebensgeschichte. Stu hatte nie eine anständige Schule besucht und den Großteil seiner Kindheits- und Jugendjahre unter Gangstern, Spielern und verkommenen Subjekten verbracht. Obwohl er in einem Milieu aufwuchs, das ihm keinerlei intellektuellen Anreiz bot, entwickelte er ein, wie er es nannte, absolutes Gedächtnis. Er war für diese Fähigkeit nicht einmal dankbar. Es ging ihm mächtig auf den Geist, dass er sich an alles erinnern konnte.

Stu traf sich regelmäßig mit Victor Romano, einem Profikiller, der für die Genueser Mafia in New York arbeitete. Die beiden rekonstruierten jede einzelne Partie Romme, die sie in der jeweiligen Woche gespielt hatten. Die Karten teilten sie aus der Erinnerung aus. Auch Romano besaß angeblich ein absolutes Gedächtnis. Nach den Worten des Professors hatte er das gesamte Webster’s Dictionary im Kopf und konnte jede Worterklärung auswendig aufsagen. In Anbetracht seines sozialen Umfelds stand für mich fest, dass Stus überragende geistige Fähigkeiten nur eine Gabe der Natur gewesen sein konnten. Aber da irrte ich. Seine Kindheit war kein Hemmschuh gewesen, sondern hatte die Ausbildung seines erstaunlichen Gedächtnisses begünstigt.

Stu wuchs Anfang der 1960er Jahre in New York auf. Damals gab es weder ein ordentliches Lotto noch offizielle Wettannahmestellen, und Atlantic City war noch kein Spielerparadies. Jede kleine Eckkneipe hatte ihren eigenen Buchmacher. Isadore Unger, Stus Vater, war Buchmacher in einer Spelunke in der Lower Second Avenue. Obwohl Stu später Arzt oder Anwalt werden sollte, nahm Isidore ihn oft mit in die Kneipe. Dort schnappte Stu eine Menge Wissenswertes auf. Als Siebenjähriger beobachtete er seinen Vater heimlich bei der Arbeit. Während Isidore die Wetten notierte, prägte sich Stu, der nicht erwischt werden wollte, die Gewinnzahlen, die Rennresultate und alles andere ein, was in sein Blickfeld gelangte. Ihm gefiel das Leben seines Vaters.

Weil Isidore wollte, dass sein Sohn ab und zu aus der Kneipe und aus New York City herauskam, schickte er die Familie jeden Sommer in die Catskills Mountains. Dort sollte Stu im Freien toben, schwimmen und Freundschaft mit netten jüdischen Jungs schließen. Aber Stu verbrachte die meiste Zeit damit, seiner Mutter beim Romme über die Schulter zu gucken. Er verstand das Spiel auf Anhieb, und es fiel ihm genauso leicht, wie das Zahlen auswendig lernen. Schon nach wenigen Monaten war er seiner Mutter spielerisch überlegen. Als Achtjähriger fing er an, ihre Fehler zu berichtigen. Es dauerte nicht lange, und er spielte mit dem Hotelpersonal um ihre Gehaltsschecks. Dank der Karten konnte er dem aus dem Weg gehen, was er am meisten hasste: die Schule. All diese Umstände trugen zu Ungers Genie bei. Die Fähigkeit, sich Karten zu merken, war ihm nicht in die Wiege gelegt worden.

Er lernte es, indem er seinen Vater bei der Arbeit beobachtete und seiner Mutter beim Romme zusah. Dazu kam die nötige Hingabe. Obwohl Unger die Tricks, mit denen er arbeitete, wahrscheinlich nicht benennen konnte, wandte er unwissentlich Techniken wie Kodieren, Chunking und Eselsbrücken bauen an. Was Unger und sein Gedächtnis betraf, war mein Erklärungsbedarf befriedigt. Als Nächstes fragte ich den Professor nach seinem Kumpel Victor Romano. Romano war ein ungebildeter Söldner, der im Dienst der New Yorker Mafia stand. Wie um alles in der Welt sollte er in der Lage sein, ein ganzes Wörterbuch auswendig zu lernen, wenn sein absolutes Gedächtnis nicht angeboren war?

Der Professor lachte. Weißt du, wie Romano das Wörterbuch auswendig lernte? Er verbüßte eine mehrjährige Haftstrafe in Attica. Selbst ein Hund kann in drei Jahren ein Wörterbuch auswendig lernen. Na ja, ausgenommen mein Hund vielleicht. Aber ich verstand, worauf er hinauswollte. Alles, was ich bisher über das menschliche Gedächtnis wusste oder vielmehr zu wissen glaubte, gehört revidiert. Das Gedächtnis ist kein materieller Bestandteil des Gehirns. Es ähnelt eher einem Prozess oder einer Abfolge von Prozessen, die überall im Gehirn stattfinden. Leider, oder sagen wir besser glücklicherweise, existiert kein Geheimrezept zum Erwerb eines fantastischen Gedächtnisses. Noch immer herrscht der weit verbreitete Irrtum, es gäbe so etwas wie ein fotografisches Gedächtnis.

Demnach sollen manche Menschen die Fähigkeit besitzen, Bilder zu speichern und die darin enthaltenen Informationen auf Knopfdruck zu reproduzieren. Schachgroßmeister werden am häufigsten mit einem fotografischen Gedächtnis in Verbindung gebracht. Angeblich kann sich jeder Schachgroßmeister in rund dreißig Sekunden das Brett mit den Positionen der einzelnen Figuren einprägen und kurz darauf wiedergeben. Früher gingen die meisten Gedächtnisforscher davon aus, die Spieler würden sich im Geist ein Bild des Schachbretts machen und es dann reproduzieren. Diese Annahme ist falsch. Ein Versuch hat gezeigt, dass die Schachgroßmeister die Aufgabe nur dann bewältigten, wenn die Figuren nach den Schachregeln aufgestellt waren und das Brett einen logischen Sinn für sie ergab.

Sobald die Figuren willkürlich und ohne Rücksicht auf ihre Spielfunktion aufgestellt wurden, konnten sie die Positionen nicht wiedergeben, obwohl sie vorher zwanzig Minuten Zeit gehabt hatten, sich das Brett einzuprägen. Einige Spieler fanden es schwierig, das Brett mit der willkürlichen Figurenaufstellung überhaupt anzusehen. Einer empfand dabei sogar körperlichen Schmerz. Ein anderer Versuch lieferte einen weiteren Beleg gegen die Existenz eines fotografischen Gedächtnisses. Hierbei wurden die Probanden aufgefordert, sich ein Gitter aus vierundsechzig Zahlen einzuprägen.

31044991
00121976
10067854
36864808
63678768
76431110
98654789
76565446

 
Die Probanden hatten einige Minuten Zeit, sich die Zahlen einzuprägen, und wurden dann aufgefordert, sie zu reproduzieren. Fast alle konnten die Zahlen in der korrekten Reihenfolge wiedergeben. Als sie aber nach der ersten Zahl in der letzten Reihe gefragt wurden, brauchten sie deutlich länger für die Antwort. Da sie sich kein Bild des Gitters gemacht, sondern nur die Reihenfolge der Zahlen gemerkt hatten, mussten sie bis zur Position vierundfünfzig durchzählen. Wir wissen nun, dass sich die Probanden im Geiste kein Bild von der Tabelle machten. Aber wie kann ein Mensch sich überhaupt so viele Zahlen merken? Die erste Technik, um sich Zahlenfolgen einzuprägen, heißt Kodieren.

Das Kodieren ist ein wesentlicher Gedächtnisprozess. Ein Mensch, der aufgefordert wird, sich elf beliebige Zahlen einzuprägen, wird sich sehr schwer tun, diese über einen längeren Zeitraum im Gedächtnis zu speichern. Die Zahlenfolge 15557694086 ist nicht besonders leicht zu merken. Kodiert man die Folge aber und bricht sie nach bestimmten Regeln auf, wird die Sache schon einfacher: 1-555-769-4086. Deshalb werden Telefonnummern und Sozialversicherungsnummern mit Bindestrichen notiert. Stellen Sie sich vor, Sie müssten sich die ersten beiden Reihen unserer Tabelle einprägen (3104499100121976). Das wäre nahezu unmöglich, wenn Sie die Folge nicht kodieren oder aufbrechen. Versuchen Sie es mal. Brechen Sie die Zahlen in ein Format um, das Ihnen sinnvoll erscheint: 310 ist eine Vorwahl von F. A., Reggie Jackson trug die 44 und Wayne Gretzky die 99, 10012 ist eine Postleitzahl von New York und 1976 war die Zweihundertjahrfeier Amerikas. So wird es viel einfacher.

Eine andere Technik, die dem Kodieren sehr ähnlich ist, kann hilfreich sein, um sich beim Seven Card Stud die offenen Karten eines Blattes zu merken, das gepasst hat. Angenommen, einer Ihrer Kontrahenten erhält seine vierte offene Karte (das sichtbare Blatt ist K♥ 10♦ B♥ 3♣ und steigt anschließend aus. Sie können sich seine Karten ganz leicht einprägen, indem Sie sich mit einer passenden Geschichte eine Eselsbrücke bauen. Die Geschichte zu obigem Blatt könnte so lauten: Der herzkranke König suchte unter zehn Schottinnen eine Frau für seinen Sohn, der ihm sehr ähnlich sah. Als der Sohn sich in eine davon verliebte, schlug der König drei Kreuze. Oft ist es einfacher, sich sinnvolle Worte als sinnlose Zahlen zu merken.

Da sich das Gedächtnis in ein Langzeit- und ein Kurzzeitgedächtnis unterteilt, gibt es auch verschiedene Gedächtnistechniken. Das Langzeitgedächtnis dient dazu, Ereignisse und Eindrücke ein Leben lang zu speichern – die Feier zu Ihrem siebten Geburtstag, den Mädchenname Ihrer Mutter und so weiter. Das Langzeitgedächtnis besitzt schier endlose Kapazitäten. Die Kapazitäten des Kurzzeitgedächtnisses sind dagegen sehr begrenzt. Ein durchschnittlich begabter Mensch kann sich nur sechs oder sieben Sachen gleichzeitig merken. Danach rangiert das Gehirn alte Erinnerungen aus, um Platz für neue zu schaffen. Hier kommt eine Technik namens Chunking ins Spiel. Wenn Sie sich die Buchstaben F-U-L-L-H-O-U-S-E einzeln einprägen müssten, kämen Sie in arge Schwierigkeiten. Bündeln Sie die Buchstaben aber zu einer Einheit, erhalten Sie das Wort Full House, das sich kinderleicht merken lässt.

Die Lern- und Gedächtnisfähigkeiten eines Menschen hängen von vielerlei Faktoren ab. Ausschlaggebend ist zum Beispiel, ob er einen Bezug zum Merkgegenstand hat. Schachgroßmeister merken sich am leichtesten Dinge, die mit Schach zu tun haben. Es kann auch hilfreich sein, einen Gegenstand mit etwas Bekanntem zu assoziieren. Amerikanische Schüler merken sich von allen Bundesstaaten am leichtesten Michigan, weil es auf der Karte wie ein Boxhandschuh aussieht. Bei Idaho weiß ich noch nicht mal, wo es liegt, geschweige denn, wie es aussieht. Ein fantastisches Gedächtnis ist aus mehreren Gründen ein dickes Plus am Kartentisch. Die Fähigkeit, Informationen zu speichern und spontan abzurufen geht weit über simples Karten zählen hinaus. (Trotzdem ist es beim Seven Card Stud natürlich ein Riesenvorteil, wenn Sie wissen, dass fünf Herzkarten verbrannt wurden, damit Sie Ihre Chancen auf die fünfte Herzkarte, die Sie für Ihren Flush brauchen, neu berechnen können.)

Mit einem erstklassigen Gedächtnis können Sie sich jedes Spiel genau einprägen, und ein reicher Erfahrungsschatz garantiert ein effektiveres Spiel. Mit der Zeit werden Sie in der Lage sein, das Verhalten Ihrer Mitspieler vorherzusagen. Sie können den genauen Spielverlauf ganz ähnlicher Situationen abrufen. Und das Beste: Sie können über einen ganz bestimmten Spieler ein Profil erstellen. Am Pokertisch gibt es viel Leerlauf, zum Beispiel die Zeit zwischen zwei Spielen oder wenn Sie darauf warten, dass ein etwas langsamerer Spieler seine Entscheidung fällt. Viele Spieler füllen diese Lücken gern mit Gesprächen.

Das wäre nur halb so schlimm, würden sie nicht in neunzig Prozent aller Fälle immer wieder dasselbe erzählen. Halten beim Texas Hold’em zwei Spieler das gleiche Blatt – sagen wir, beide spielen Königin- Zehn – wird nach dem Showdown garantiert einer den anderen angucken und sagen: Mit solchem Müll spielst du? Genauso gibt es immer einen Blödmann, der nach einem Fehler des Gebers sagt: He, wir spielen hier nicht 52 pickup. Wenn ich diese Sprüche höre, sehe ich eine Pokerpuppe vor mir. Sie ähnelt den Babypüppchen, die herzig Mama sagen, wenn man an der Schnur zieht. Meine Puppe ist allerdings ein untersetzter Kerl im Jogginganzug, der Folgendes im Repertoire hat: Komm, wir teilen!. Mit solchem Müll spielst du? und Her mit den Scheißkarten!
Bobby Greene liebt nichts mehr, als andere am Pokertisch vollzusabbeln. Man muss ihm zugutehalten, dass er häufig Witziges und Erhellendes von sich gibt, aber dennoch redet er viel zu viel. Am liebsten ergeht er sich in dilettantischen Theoriedebatten.

Es vergeht kaum ein Spiel, in dem er dem Tisch nicht mitteilt, mit welchem Blatt er gepasst hat. Das ist nicht bloß nervtötend, sondern auch nachteilig … zumindest für ihn. Wenn Sie sich die Informationen merken, die Robert so freimütig in den Raum wirft, können Sie leicht ein Profil von ihm erstellen. Als Erstes werden Sie erfahren, welche Startblätter er schätzt. Jeder, der ihm zuhört (was ich seit den Anhörungen zur Iran-Contra-Affäre tue), kommt schnell dahinter, welche Blätter er wann spielt und welche nicht. Indem Bobby mir sagt, mit welchem Blatt er gepasst hat, verrät er mir, welche unfertigen Blätter er wann abwirft. Ein Spieler, der Ihnen hinterher sein Blatt verrät, macht es Ihnen leicht herauszufinden, ob er die Pot Odds berechnet oder nicht. Heißt die Antwort (wie bei Bobby) Ja, können Sie sich, je nachdem was Sie für Karten haben, ausrechnen, wie viel Sie setzen müssen, damit er entweder im Spiel bleibt oder passt.

Außerdem gibt Ihnen ein Spieler, der beim Pokern quatscht, zu verstehen, dass er kein Profil über Sie erstellt. Damit haben Sie ihm etwas voraus. Die meisten Menschen assoziieren bei den Begriffen Karten und Gedächtnis automatisch jene professionellen Blackjackspieler, die man Kartenzähler nennt. Diese können sich in Rainman-Manier die Position aller 416 Karten in einem Acht-Deck-Schlitten einprägen. Es gibt nur eine Handvoll Menschen auf der Welt, die dieses Kunststück fertig bringen. Sie sind in der Spielerzunft bekannt und sind zu Recht für fast alle Casinospiele gesperrt. Beim Blackjack hat das Haus gegenüber dem Spieler einen Gewinnvorteil von zirka zwei Prozent. Das heißt, das Haus kann auf jeden Einsatz von hundert Dollar mit einem Gewinn von zwei Dollar rechnen.

Ein Kartenzähler, der beim Weitergeben einen Großteil des Schlittens gesehen hat und in der Lage ist, die Wahrscheinlichkeit, bestimmte Karten zu erhalten, neu zu berechnen, kann die Gewinnchancen umkehren und einen Vorteil von ein bis fünf Prozent für sich herausschlagen – in einigen extremen Fällen sogar mehr. Deshalb erteilen Casinos bekannten Kartenzählern Hausverbot. Der Wahrscheinlichkeitsrechnung nach nehmen diese Spieler dem Haus auf Dauer Geld ab. Aber das ist keinesfalls sicher. Vergessen Sie nicht, der Kartenzähler muss schwer ackern, um diesen Vorteil herauszuarbeiten, und selbst dann besteht noch die Chance, dass er verliert. Es gibt verschiedene Strategien, um die Karten beim Blackjack zu zählen. Die vielleicht verbreitetste ist die Teamarbeit. Ein Jahr, nachdem ich mein Studium an den Nagel gehängt hatte und viel pokerte, lernte ich eine Gruppe junger Kartenspieler kennen.

Die vier waren Mitte zwanzig und hatten genau wie ich unerfreuliche Berufserfahrungen gesammelt. Sie lebten in New York, fuhren aber überall hin, wo munter gepokert wurde und sie niemand kannte. Das machte ihnen das Betrügen im Team leichter. Da Will, Ben, Adam und Harsh (er hieß tatsächlich so) noch sehr jung waren und ein unprätentiöses Verhalten an den Tag legten, fielen sie nie als Profis auf. (Ich muss immer lachen, wenn ein Typ mit Filzhut und Sonnenbrille am Spieltisch Platz nimmt und sich als Chicago oder Crusher vorstellt. Wer möchte mit so einem schon spielen?) Will und Adam hatten an teuren Eliteunis studiert. Ben hatte für einen großen New Yorker Börsenmakler gearbeitet, und Harsh hatte sein Studium am MIT geschmissen.

Die Jungs machten einen netten, gepflegten Eindruck, und genau das war ihre Absicht. Unauffälligkeit war ein wichtiger Bestandteil ihres Plans. Ihre Betrügereien bei Privatrunden und die kleinen Gewinne, die sie sich in Pokerclubs erkämpften, bescherten ihnen ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von 35 000 bis 40 000 Dollar nach Steuern (sprich, sie zahlten keine). Alle vier waren bemerkenswert intelligent, und wenn sie nur ein Viertel der Energie, die sie ins Kartenspiel steckten, auf etwas anderes verwandt hätten, wären sie ohne Frage maßlos erfolgreich gewesen. Aber sie wählten den unkonventionellen Weg, weil sie, um Harsh zu zitieren, fanden, dass Arbeit Scheiße sei.

Weshalb sie es nicht als Arbeit ansahen, zehn Stundenlang in verqualmten Kellern zu sitzen und schlechten Kaffee zu trinken, weiß ich auch nicht. Nachdem wir uns häufig in Kartenclubs und Casinos begegnet waren, freundeten wir uns an. Eines Tages unterbreitete Harsh mir einen Vorschlag. Die vier hatten gelernt, Karten zu zählen und waren inzwischen so weit fortgeschritten, dass jeder mehr als vier Decks zählen konnte. Das war für ihre Zwecke mehr als ausreichend, zumal man beim Blackjack ohnehin nicht exakt wissen muss, welche Karten in welcher Reihenfolge vorbeigegangen sind; man muss nur die Prozentsätze kennen. Sie hatten ein Blackjack-Kartell gegründet und wollten mich dabei haben. Ich konnte damals nur ein Deck zählen (was ich heute nicht mehr kann) und gab zu bedenken, dass ich ihnen nicht viel nützen würde. Harsh erwiderte, dass ich nicht zu zählen brauche, sondern die Rolle des großen Spielers übernehmen solle. Nachdem er mir sein Vorhaben erklärt hatte, willigte ich ein.

Der Plan ging so: Fünf Leute betreten ein Casino in Atlantic City. Vier davon haben je tausend Dollar in der Brieftasche. Der fünfte – ich – hat dreißig Mille dabei. Die-vier kleinen Spieler suchen sich jeder einen zentral gelegenen Blackjacktisch mit niedrigen Einsätzen (zehn Dollar Mindesteinsatz, tausend Dollar Höchsteinsatz). Der große Spieler – ich – lungert derweil mit seiner prall gefüllten Chipbox an der Bar herum und baggert die Kellnerinnen an. Wichtig ist, dass ich die vier kleinen Spieler von meinem Platz aus sehen kann. Wir probierten vier Casinos aus, bis wir die passenden Räumlichkeiten gefunden hatten.

Jetzt beginnt der eigentliche Beschiss. Die kleinen Spieler sitzen an ihren Tischen und zählen die Karten. Wie gesagt, sie merken sich nicht jede Pik Sechs, die vorbeigeht, sondern sammeln nur solche Informationen über den Schlitten, die für unsere Zwecke relevant sind. Wir halten nur Ausschau nach einem günstigen Deck, in dem es viele Asse und Zehner (inklusive Bildkarten) gibt. Ein günstiges Deck ist berechenbarer. In einem normalen Deck liegt der Anteil Zehner und Asse bei achtunddreißig Prozent. Wir suchen dagegen nach einem Schlitten, bei dem es 42 oder 43 Prozent sind. Das heißt, dass unter den ersten hundert Karten höchstens zwanzig Spitzenkarten sein dürfen. In einem solchen Deck müssen die Karten ungewöhnlich verteilt sein, aber das kommt jeden Tag vor. Bei einem günstigen Deck geben die offenen Karten des Dealers mehr über sein Blatt preis als gewöhnlich. Hat der Dealer beispielsweise eine offene Sechs, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er einbricht, bei einem günstigen Deck größer als bei einem normalen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Chancen auf einen Blackjack (Gewinnquote 3:2), sich zu unseren Gunsten erhöhen. Außerdem können wir Gewinn bringender splitten.

Ein Spieler, der zwei Karten von gleichem Wert erhält – zum Beispiel zwei Achter oder eine Zehn und einen König – kann daraus zwei verschiedene Blätter machen und so seinen Einsatz verdoppeln. Normalerweise gilt die alte Blackjackregel Trenne nie ein Gewinnerblatt. Sie haben Zwanzig und der Dealer hat eine offene 6, also sollten Sie nicht gierig werden, sondern Ihren Gewinn einsacken und zufrieden sein. Wir dagegen wissen, dass viele hohe Karten im Deck liegen. Das erlaubt uns, das
Splitten und Verdoppeln etwas freier zu handhaben, denn das Ergebnis ist berechenbarer. Wir können unsere beiden Achter splitten, denn die Wahrscheinlichkeit ist gestiegen, dass wir die hohe Karte bekommen, die wir für Achtzehn brauchen. Und der Dealer geht mit seiner Sechs umso wahrscheinlicher baden. Die kleinen Spieler setzen jeder den Mindesteinsatz und warten ab, bis das Deck zu unseren Gunsten liegt. Ich bleibe an der Bar und spiele den betrunkenen jungen Schnösel aus New York (das mache ich wirklich gut). Ich lasse meine Freunde nicht aus den Augen und warte auf ihr Zeichen. Sobald einer von ihnen aufsteht und sich reckt, gehe ich an seinen Tisch und setze so lange den Höchstbetrag, bis der Schlitten leer ist. Dann kehre ich zurück an die Bar.

Wir zogen diese Masche dreimal in gut einem Jahr durch. Beim ersten Mal gewannen wir 9000, beim zweiten Mal 7000 und beim letzten verloren wir 20000 in fünf Minuten. Beim Gehen guckten die Jungs so dumm aus der Wäsche, als hätten sie einen Monat lang Steine geklopft oder Toiletten geputzt. Trotz all der Zahlen, Statistiken und Karten, die sie das ganze Jahr über auswendig gelernt hatten, brannte sich vermutlich nichts so dauerhaft in ihr Gedächtnis ein wie die Heimfahrt mit dem Loch von 20 000 Dollar in der Brieftasche. Das ist das Sonderbare an Pokerprofis: Wenn man genau nachrechnet, verdienen Will und Harsh vierzig Mille im Jahr, was einen ungefähren Stundenlohn von fünfundzwanzig Dollar ergibt.