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Schmalspurprofis und wie genau sie Poker spielen – erfahren Sie mehr


Der älteste Spieler im Winchester heißt Iron Mike. Er ist einundneunzig. Wenn man ihn fragt, wie es ihm gehe oder was er so treibe, antwortet er: Ich lebe noch. Also pokere ich heute besser als gestern, und das ist doch eine feine Sache, oder? Als ich ihn bat, das ein wenig zu erläutern, sagte er: Tja, du kannst dieses verfluchte Spiel eben nicht mit Baseball oder Basketball vergleichen. Selbst Golf ist etwas ganz anderes. Poker ist ein Spiel fürs Leben. Als ich anfing, konnte ich gerade mal bis drei zählen. Ich dachte immer, es sei Schluss, sobald ich nicht mehr mithalten kann. Aber so weit ist es noch nicht, und je älter ich werde, desto besser spiele ich. Was soll ich noch sagen? Einem Jungen in deinem Alter kann ich höchstens raten, nicht sein ganzes Leben an dieses alberne Spiel zu vergeuden.

Als ich Dicky Horvarth, einem professionellen Pokerspieler und ehemaligen Buchhalter, während eines Interviews Iron Mikes Worte vorlas, nickte er verständnisvoll. Iron Mike hat Recht. Du darfst dein Leben nicht ans Pokern vergeuden, und da fängt das Problem an, meinte er. Dicky wurde 1960 in Jersey City, New Jersey, geboren und war immer ein Verfechter des unkonventionellen Wegs. Als ich noch auf der Highschool war, glaubte ich, studieren sei was für Verlierer. Die Einserschüler, die direkt auf die Renommierunis zusteuerten, waren in meinen Augen Konformisten und Handlanger des Kapitalismus. Nachdem ich ein Jahr lang Pizza ausgefahren und auf dem Bau gearbeitet hatte, landete ich dann doch auf der Jersey City State. Anschließend ging ich auf die Columbia Business. Nach dem College arbeitete ich vier Monate im Telefonmarketing. Dann hielt ich es nicht mehr aus und fing an, für die Zulassungsprüfungen zum BWL-Studium zu pauken.

Dicky sagt, sein IQ liege bei 180. Dennoch habe er während seiner ganzen Studienzeit nie eine Eins gehabt. Selbst in den Fächern, für die ich lernte, bekam ich nur Zweien und Dreien. Vielleicht verhielt ich mich deshalb so feindselig gegenüber den Professoren. Ich war irgendwie sauer, weil sie mich zwangen, so viel Arbeit zu investieren. Das ist das Geile am Poker. Es gibt keinen Chef, keine Kleidervorschriften und keine Abgabetermine. Irgendwo findet immer ein Spiel statt. Du kommst also nie zu spät. Aber das Beste ist, dass es keine Großmutter in Des Moines gibt, deren Ersparnisse du auf den Kopf hauen kannst, wenn die Börsecrasht. Wenn du am Spieltisch Prügel beziehst, bist du der Einzige, der hungrig nach Hause geht. Viele professionelle Pokerspieler bezeichnen sich selbst als Wunderkinder. Sie fangen mit vier oder fünf Jahren zu spielen an, und von da an geht es steil bergauf. So war es bei Größen wie Stu Unger, Johnny Moss und Doyle Brunson. Bei Dicky Horvarth lief es anders. Er spielte seine erste Pokerpartie erst mit vierundzwanzig.

Ich studierte im ersten Jahr Betriebswirtschaft. Der andere Irre in meinem Jahrgang, der sich Grim nannte, nahm mich mit in einen Kartenclub in Chinatown. Ich konnte schon ein bisschen pokern, aber Grim zeigte mir die Feinheiten, die man braucht, um dauerhaft zu gewinnen. Die lernt man ganz schnell. Ich könnte jedem Schwachkopf beibringen, wie man beim Poker dreißigtausend im Jahr gewinnt. Dazu gehört nicht viel. Du brauchst nur Geduld und musst bis dreizehn zählen können. Solange du deine Gefühle aus dem Spiel lässt, hast du die Nase vorn. Die Profis, die jeden Tag spielen, weil sie Geld verdienen müssen, gehen keine Risiken ein. Ich halte mich an die Leute, die sich beim Glücksspiel amüsieren oder ein bisschen Dampf ablassen wollen, weil sie Risiken eingehen, die statistisch nicht gerechtfertigt sind. Sie bieten mit einem Bauchschuss, obwohl kaum Geld im Pot ist, weil sie der Hafer oder sonst was sticht. Manchmal kriegen sie sogar ihren Straight und kassieren den Pot, aber letztendlich bleiben sie schlechte Spieler. Diese Typen sind meine Einnahmequelle.

Horvarth verließ Columbia mit einem der schlechtesten Examen seines Jahrgangs und arbeitete anschließend zwei Jahre für eine kleine Investmentfirma an der Wall Street, in der er sehr unglücklich war. Damals fing ich an, richtig zu pokern. Anfangs spielte ich dreimal pro Woche in Privatrunden. Schließlich verbrachte ich die übrigen Abende in einem Kartenclub. Ich ging direkt von der Arbeit zum Poker, spielte ungefähr bis Mitternacht, ging nach Hause und fiel ins Bett. Am nächsten Morgen ging dieselbe Chose von vorn los. Heute würde ich sagen, mein Leben war damals gar nicht so schlecht. Meine Wohnung war ein Rattenloch, und es war mir recht, nur zum Schlafen dort hinzugehen. Ich hatte kein nennenswertes Sozialleben und soviel ich weiß, seit dem Abschlussball in der Highschool keinen Sex mehr gehabt. Aber alles in allem war es kein schlechtes Leben.

Ein Schmalspurprofi wie Horvarth braucht ganz andere Fähigkeiten als die großen Spieler. Handfeste Qualitäten wie Geduld und Ausdauer sind viel wichtiger als Geschicklichkeit und Scharfsinn. Ich bin ein Arbeitstier und kein Weltmann. Wenn du dir die Videos von der World Series anguckst, siehst du jede Menge Hokuspokus. Doyle liest Johnny Chans Körpersprache und passt ein gigantisches Blatt. Johnny hält das bestmögliche Blatt und schafft es, dass Erik Seidel, der wohl weitbeste Spieler, ihm auf den Leim geht und mitzieht. Ich bin eher der Schmarotzertyp. Eine hirnlose Arbeiterameise. Mein Spiel ist automatisch, nicht verführerisch. Das kommt daher, weil es mir nie um eine bestimmte Partie geht. Wie ich an einem x-beliebigen Tag abschneide, ist scheißegal. Meine Pokerrunde dauert das ganzes Jahr. Ich bin nie gefühlsmäßig involviert. Wenn du dir meine Buchführung anguckst, wirst du sehen, dass es gute und schlechte Tage und gute und weniger gute Monate gibt. Aber wenn ich an den Jahresenden die Zahl der Spiele addiere, sind die Abweichungen ziemlich gering.

DatumLimitOrtDauer in StundenGewinnJahres­

gewinn

bisher

6.1.9610-20Winch.3+ 170+ 170
7.1.963 max.Tom’s2,5+ 55+ 225
9.1.964-8Heart2– 50+ 175
9.1.9615-30Winf.5+ 378+ 553
10.1.9610-20Heart3– 200+ 353
11.1.9610-20,5

Kill

The Taj4+ 150+ 503
12.1.9610-20,5

Kill

The Taj3,5+ 102+ 605
12.1.9620-40The Taj3+ 1156+ 1761
13.1.9610-20,5

Kill

The Taj5-250+ 1511
16.1.9610-20Winch.3+ 65+ 1576
17.1.965 max.Peter’s2-25+ 1551

1995 kündigte Dicky seinen Job und fing an hauptberuflich zu pokern. Man darf sich nichts vormachen. Professionelles Pokern ist ein Beruf wie jeder andere. Sowie du anfängst, Pokern als Arbeit zu sehen, sitzt du in der Scheiße. Irgendwann guckst du in deine Bücher, rechnest dir deinen Stundenlohn aus und denkst, dass du viel zu viel Zeit mit anderen Dingen vergeudest. Nach einer Weile siehst du das ganze Leben als Pokerspiel. Dieser Film kostet mich fünfzig Dollar, denn statt ins Kino hätte ich spielen gehen können. Wenn es so weit ist, bist du im Arsch. Im folgenden Sommer zog Dicky nach Atlantic City, um rund um die Uhr spielen zu können.

Manchmal spielte ich zwanzig, dreißig, sogar vierzig Stunden am Stück. Vergiss nicht, je mehr du spielst, desto mehr gewinnst du. Mein größtes Plus am Spieltisch ist meine Gelassenheit. Wenn ich mit zwei Assen gegen ein schwaches Blatt verliere, denke ich nicht groß darüber nach, während mein Gegenüber völlig ausrastet und eine Erhöhung nach der nächsten macht. Er läuft heiß und spielt wie das letzte Arschloch. Ich dagegen bleibe ganz cool und kassiere seine Chips. Das sind die Typen, die ich mag. Aber diese Lebensweise geht an keinem spurlos vorüber. Die Eintönigkeit macht dich fertig, nicht das Spielen. Du musst dir immer vor Augen halten, dass Poker ein Spiel mit Grenzen ist. Die Zahl der Spielvarianten ist begrenzt. Ich hatte schon fünfmal nacheinander zwei Asse als Pocket-Cards. Statistisch entspricht das einer Wahrscheinlichkeit von zirka eins zu einer Milliarde. Ich hab mir das mal ausgerechnet.

Ich habe auch schon miterlebt, wie sich zwei Spieler beim Seven Card Stud den Pot teilten, weil beide einen Straight Flush Zehn hatten. Wenn du oft genug spielst, erlebst du die tollsten Sachen. Aber im Grunde ist das Spiel saulangweilig, deswegen gibt es auch keine guten Pokerfilme. Für Zuschauer ist Poker öde. Als ich nach AC zog, sind mir zwei Dinge passiert. Zuerst hat mich das Spielen gefühlsmäßig abgestumpft, was ganz positiv war. Aber dann versuchte ich, meine Gefühle wieder zuzulassen, und das war schlecht. Um sich vom Alltagstrott beim Pokern abzulenken, fing Horvarth an Drogen zu nehmen. Vor langer Zeit feierte ich mit Stu Unger in Vegas eine Drogenparty … Feiern ist vielleicht das falsche Wort. Wir nahmen die Drogen nie nur so zum Spaß. Sie sollten uns entweder aufputschen oder runterbringen.

Ich habe mit Koks und Amphetaminen angefangen, weil sie dich am Spieltisch unter Strom setzen. Kennst du noch die alte Anti-Koks-Werbung, die den Teufelskreis zeigte, in den du gerätst, wenn du schnupfst? Genauso war’s bei mir: Ich nahm Koks, um mehr pokern zu können und mehr Geld zu verdienen, damit ich mir neues Koks kaufen und weiter pokern konnte. Für eine Weile hat das auch geklappt. Aber das war erst der Anfang. Wenn ich ans Pokern dachte, freute ich mich nur auf die Droge, die ich mir vorher reinziehen würde. Glaub mir, es gibt nichts anderes. Ich versuchte es mit Lesen, Zählen und Gedächtnisübungen. Ich schnitt mir sogar ein Loch in die Vordertasche meiner Jeans, damit ich am Spieltisch wichsen konnte. Ich konnte mir echt einen runterholen, ohne dass der Rabbi neben mir es mitkriegte. Aber auch das wurde mit der Zeit langweilig. Vom Pokern zu leben ist echte Schinderei. Dein Spiel ist eintönig, und Spaß macht es auch nicht.

Du kannst es dir nicht leisten, aus dem Bauch heraus zu spielen. Alles läuft streng nach Schema. Du funktionierst wie ein Roboter. Klugheit oder Kreativität sind sogar von Nachteil. Typen wie ich, die sich mühsam ihre Gewinne erkämpfen, halten sich deshalb an Limit-Spiele. Limit- Poker ist ein ganz eigenes Geschäft. Dafür brauchst du weder Talent noch psychologisches Fingerspitzengefühl. Du spielst streng nach der Statistik und handelst nie aus dem Bauch heraus. Beim No-Limit hängt dagegen alles davon ab, ob du das richtige Gespür und den nötigen Mumm hast. Stell dir vor, du spielst Limit und hältst zwei Asse. Du erhöhst und drei Spieler gehen mit. Der Flop kommt als König/10/4. Du eröffnest die Bietrunde, und einer der anderen erhöht und bietet weiter. Du gehst bis zur River-Card mit, weil du sehen willst, ob er vielleicht einen Drilling oder zwei Paare König und Zehn hat. Wenn du beim No-Limit mit zwei Assen eröffnest, kann es dir passieren, dass der andere den Einsatz um deinen gesamten Chipvorrat erhöht. Was machst du dann?

Das sind die Momente, in denen ein BWL-Studium plötzlich sehr verlockend scheint. Beim Limit-Hold’em kostet dich dieser Fehler drei Einsätze, das Theiss, schlimmstenfalls sechzig oder hundert Dollar. Aber beim No-Limit kann ein dummer Schnitzer wie dieser dich um dein gesamtes Buy-in bringen. Danach liegst du monatelang auf der Poker-Intensivstation. Nein, wenn du wie ich dein Geld mit Pokern verdienst, musst du dich ans bewährte, langweilige Limit-Hold’em halten. Etwas anderes bleibt dir gar nicht übrig. Und wenn du erst mal dort gelandet bist, sind Drogen der einzige Ausweg, glaub mir. Du musst bloß herausfinden, in welcher Stimmung du gerade bist. Koks, Valium, LSD oder Heroin beeinflussen dein Spielverhalten auf ganz unterschiedliche Weise. Hauptsache, du machst einen großen Bogen ums Circus-Circus Casino, wenn du auf einem Trip bist. So schrecklich sein Leben auch klingen mag, aus Horvarths Sicht verlief es durchaus erfolgreich. Na ja, wenn ich so davon erzähle, hört es sich wohl ziemlich schaurig an. Aber weißt du was? Als ich bis zum Hals drinsteckte, ging’s mir richtig super. Ich verdiente Geld und hatte eine Menge Spaß. Ich habe mich sogar verliebt.

Sie hieß Dolly und war Poker-Dealer in Atlantic City. Dolly war schön, dunkelhaarig und ein richtig abgebrühtes Weibsstück. Sie war der absolute Hauptgewinn. Ich kannte damals niemanden, der so war wie sie. Sie machte ständig irgendwelche Pläne. Wenn wir so und so viel Geld beiseite schaffen, können wir wegziehen und uns ein Haus kaufen. Wenn wir noch mal so und so viel drauflegen, können wir an einen schöneren Ort ziehen und uns ein schöneres Haus leisten. Sowie ich die Wohnungstür aufschloss, musste ich meine Taschen ausleeren. 1996 landete ich bei zwei großen Hold’em-Turnieren ziemlich weit vorn, und sie nahm mir sofort den Scheck ab. Mein größter Fehler war, dass ich ihr beibrachte, wie man gut pokert.

Dolly dachte ganz unkompliziert. Horvath verdiente beim Pokern zirka fünfunddreißig Dollar pro Stunde und zahlte keine Steuern. Sie verdiente als Dealer zwanzig Dollar (plus Tipp) und musste von ihrem Gehalt einen hohen Prozentsatz an den Staat abgeben. Als ich ihr beigebracht hatte, wie man gewinnt, kündigte sie ihren Job. Sie glaubte, wir könnten unser Einkommen verdoppeln, wenn wir beide spielen. Und für eine Zeit lang behielt sie Recht. Wir zogen nach Vegas und lebten drei Monate lang auf großem Fuß. Wir legten jede Woche zwei Riesen auf die Seite. Es war traumhaft. Aber dann versackte sie genauso wie ich. Die Langeweile, die Eintönigkeit. Ich wette, kein buddhistischer Mönch könnte es mit der Langeweile aufnehmen, die beim Limit-Poker herrscht. Also fing auch sie an, Drogen zu nehmen. Ich glaube, es war im Sommer ’96, als wir beide koksabhängig wurden. Solange du auf Drogen bist, merkst du natürlich nicht, dass du abhängig bist. Das kapierst du erst, wenn du Schluss machst. Aber dann hat es dir schon die Beine weggehauen. Deine Kohle ist futsch. Du fängst an schlecht zu spielen. Du fällst in ein tiefes Loch. Du schnorrst dir Geld zusammen, und das Loch wird immer tiefer.

Dolly meldete sich als Erste zum Entzug an. Sie ließ sich in Los Angeles stationär behandeln und kehrte im August 1997 clean nach Las Vegas zurück. Als sie zurückkam, war ich zutiefst erschrocken. Sie sah so gut aus. Du merkst erst, wie schlecht ein Koks- oder H-Süchtiger aussieht, wenn er clean ist. Mann, bevor sie wegging, hatte sie tiefe schwarze Ringe unter den Augen und wog nicht mal hundert Pfund. Als sie zurückkam wog sie gut hundertzehn und sah spitze aus. Also habe ich auch aufgehört. Einfach so, ohne Hilfe. Danach mussten wir weg aus Las Vegas. Dort wären wir nie clean geblieben. Im November 1997 zogen Dolly und Horvarth nach San Francisco. Sie beschlossen, dass umschichtig einer regulär arbeiten sollte, damit der andere pokern konnte. Horvarth fand eine Stelle bei einem Wirtschaftsprüfer und Dolly pokerte jeden Abend sechs Stunden in den Clubs.

In San Fran lief es eine Weile ganz gut. Aber wir merkten, dass wir viel mehr an unserem alten Leben hingen, als wir erwartet hatten. Es war so schrecklich, mir ihre Pokergeschichten anzuhören und selbst nicht spielen zu dürfen, dass ich meinen Job kündigte und wieder anfing. Damals dachte ich zum ersten Mal eingehender darüber nach, was mich so zu diesem Spiel hinzog. Dolly sagte immer, ich sei abhängig, ein Spielsüchtiger, und vielleicht hatte sie Recht. Aber für mich ist Pokern immer noch ein Job. Die wörtliche Definition von Arbeit lautet ungefähr eine Tätigkeit ausüben, für die man Lohn erhält. Das habe ich mal nachgeschlagen. Ich pokerte und verdiente damit regelmäßig Geld. Meiner Meinung nach gilt das als Arbeit. Klar, das Spielen machte mir auch Spaß, aber was ist schlecht daran, wenn man seine Arbeit mag? Ich vermisste das Pokern. Es hat seinen Grund, dass ich kein Buchhalter sein will. Ich hasse solche Jobs bis ins Mark. Ich bin Pokerspieler.

Es dauerte nicht lange, und Dolly und Dicky wurden auf ganzer Linie rückfällig. Nach ein paar Monaten in San Francisco waren beide wieder auf Heroin und Kokain. Das Verlangen war zu groß, erinnert sich Horvarth. Kurz bevor wir wieder mit den Drogen anfingen, glaubte ich tatsächlich, wir könnten es schaffen. Ich war noch clean, und als ihr sagte, ich könne keiner regulären Arbeit mehr nachgehen, erlitten wir beide eine Art Zusammenbruch. Ich erinnere mich noch ganz deutlich an jenen Abend. Wir waren beide richtig fertig. Ich sagte ihr, dass ich an den Pokertisch zurückmüsse, und sie nahm es ganz gelassen auf. Wir hätten damals gleichzeitig auf Entzug gehen müssen. Wenn wir weiter gepokert und dazu Hilfe von Außen gehabt hätten, wäre alles gut gegangen. Ich hätte in jener Nacht etwas sagen sollen. Ich weiß nicht, vielleicht hatte ich zu viel Angst. Sie wäre sofort einverstanden gewesen. Davon bin ich überzeugt.

Die Nacht war wunderschön. Wir saßen draußen auf der Veranda und tranken Wein. Wir begriffen schlagartig, dass wir nur uns beide hatten. Ich erzählte ihr Dinge von mir, die ich noch keinem erzählt hatte, und sie tat das Gleiche. Ich hatte noch nie ans Heiraten gedacht, aber als wir in jener Nacht beieinander saßen, zusammen weinten und über unsere Wünsche sprachen, wurde mir klar, dass ich nur sie wollte. Also bat ich sie, meine Frau zu werden. Und sie sagte Ja. Einfach so, ohne zu zögern.
Dicky und Dolly heirateten im Januar 1998 in Reno und zogen dann nach L. A. Als wir nach Südkalifornien kamen, stellten wir jede Menge Regeln auf. Höchstens so und so oft pokern in der Woche. Höchstens so und so viel H am Tag. Und so weiter. Aber du hältst dich nicht an die Regeln. Nie. Als wir nach L. A. kamen, hatten wir zusammen ungefähr 10 000 Dollar. Das war unser Pokerbudget, unser Kapital. Anfangs lief es für uns beide ganz passabel. Sie fand in einem der Clubs ein sehr ruhiges 10-20-Dollar-Spiel. Ich kam derweil zu dem Schluss, dass wir jeden noch so kleinen Vorteil in bare Münze umsetzen mussten, wenn wir echte Profis sein wollten.

Sie begannen im Team zu spielen und legten ein paar einfache Zeichen fest, über die sie einander signalisierten, was der andere für Karten hatte. Eine Zeit lang waren wir ein richtig gutes Team. Wir betraten die Clubs zu unterschiedlichen Zeiten, spielten zuerst verschiedene Spiele und landeten schließlich am selben Tisch. Wenn sie ein Spitzenblatt hatte, stapelte sie ihre Chips nach dem verabredeten Muster, und ich erhöhte, damit wir möglichst viel herausschlagen konnten. Manchmal baggerte ich sie sogar an, als würde ich sie nicht kennen, nur damit die Leute keinen Verdacht schöpften. Das war richtig rührend.

Aber wie jedes Falschspiel barg auch ihres seine Fallen. Eines Tages spielten wir im Club am Flughafen. Wir hatten eine fantastische Woche hinter uns und lagen mit zirka achttausend im Plus. Also spielten wir mit hohen Einsätzen. Das Limit lag bei 40 bis 80 Dollar, und da der Tisch unterbesetzt war, legten wir ständig dieselben zwei Spieler aufs Kreuz. In einem Spiel signalisierte Dolly mir zwei Asse. Da alle anderen mitboten, wollte ich sicher stellen, dass möglichst viel Geld im Pot landete. Sie erhöhte, die anderen drei gingen mit, und ich erhöhte noch mal. Ich hatte ein richtiges Müllblatt, Vier-Neun verschiedene Farbe oder so ähnlich, aber ich erhöhte trotzdem, damit möglichst viel Kohle für uns raussprang. Dann kam der Flop. Für mich war nichts dabei, aber ihr brachte er einen Drilling. Da kein Flush im Board war, wussten wir, dass sie gewinnen würde, und ich bot und erhöhte, was das Zeug hielt. Als ich schließlich passte und die Karten hinschmiss, fielen sie mit der Bildseite nach oben, sodass jeder sie sehen konnte. Allen war klar, dass etwas faul sein musste, aber keiner wusste, mit wem ich zusammenarbeitete.

Als plötzlich einem der Spieler auffiel, dass Dolly und ich den gleichen Ring trugen, saßen wir mächtig in der Scheiße. An die Ringe hatte ich überhaupt nicht gedacht. Das war ganz schön blöd von mir. Der Club nahm uns die Chips ab und erteilte uns Hausverbot. Während Dolly den Wagen holte, zog mir draußen so ein hünenhafter Dreckskerl von hinten eins über die Rübe. Ich glaube, es war bloß ein Faustschlag, aber es fühlte sich an wie ein Baseballschläger. Dolly fand mich blutüberströmt. Ich hatte einen Schädelbruch und zwei gebrochene Rippen, die meine Lunge durchbohrt hatten. Aber das ist halt das Berufsrisiko des Falschspielers.

Dieser Vorfall war das Aus für ihre Zusammenarbeit. Wir spielten trotzdem weiter, nur nicht mehr am selben Tisch. Ich war nach wie vor der Meinung, dass sie ihr gutes Aussehen einsetzen sollte. Ich meine, eine so schöne Frau wie Dolly ist am Kartentisch eine Seltenheit. Ich sagte ihr, sie solle ihren Ehering abnehmen und sich ein bisschen sexy anziehen. Nicht übertrieben, dass man sie für eine Nutte hielt, sondern einfach ein bisschen aufreizend, damit die Kerle sich einbildeten, sie hätten Chancen bei ihr. Ich sag’s dir, die meisten dieser Typen überschlugen sich förmlich darin, ihre Antes und Blinds zu bezahlen. Ich glaube, es gab nicht einen, der ein Check Raise gegen sie machte. Mit der Zeit gewann sie mehr als ich. Aber Geld ist nicht alles. Mein Rat mit der sexy Kleidung war das Dümmste, was ich hätte tun können. Klar, wir machten ordentlich Profit, aber wir hatten lauter verschiedene Kassen. Wenn ich mit 100 Dollar Gewinn nach Hause kam, gingen 25 in die Heroin-Kasse, 50 gingen für Miete und Lebensmittel drauf, und der Rest kam in die Spielkasse, damit wir unsere Verluste ausgleichen konnten, falls einer von uns hoch verlor.

Das mit den Kassen funktionierte natürlich nur, solange wir ehrlich waren. Ich weiß nicht, wer mit dem Lügen anfing, jedenfalls schaffte jeder für sich Geld auf die Seite. Und wenn du erst mal anfängst, deinen Partner zu belügen, ist die Trennung vorprogrammiert. Ich log bei meinen Gewinnen, damit ich Geld für eine Extranase hatte. Sie schaffte Geld beiseite, um sich Klamotten und anderen Schnickschnack zu kaufen. Wir sprachen nie darüber, aber irgendwie gewöhnten wir uns an den extravaganten Lebensstil, und für eine Weile lief alles gut. Wir wohnten in Venice, nur zwei Straßen vom Strand entfernt. Sie ging sogar ein paar Mal zum Vorsprechen. L. A. ist eine tolle Stadt, wenn alles so läuft, wie du es willst. Wir hätten es beinahe geschafft, aber dann fing ich an zu verlieren. Man kann viel über Poker sagen, aber vor allem ist es ein Spiel mit Glücksund Pechsträhnen. Zuerst hast du Erfolg und hältst das
Spiel für kinderleicht.

Es kommt dir absurd vor, wie du überhaupt jemals verlieren konntest. Ich habe mal dreißig Abende am Stück nur gewonnen. Ganz gleich, ob ich gute oder schlechte Karten hatte, ich konnte mit jedem Flop etwas anfangen. Aber wenn du eine Pechsträhne hast, gibt’s einen Knall, und alles ist vorbei. Irgendwann kommst du an den Punkt, wo du dir gar nicht mehr vorstellen kannst zu gewinnen. Bei mir ging es zuerst los. Ich kassierte eine Bad Beat nach der nächsten. Wenn der Flop mir drei Neuner brachte, legte irgendein Tourist einen Runner-Runner hin und bekam mit den letzten beiden Karten einen Flush. Nach einiger Zeit fing Dolly an, meine Spielweise zu kritisieren. Sie sah mir beim Spielen zu und warf mir mal vor, ich sei zu zaghaft und mal, ich sei zu aggressiv oder zu sonst was. Nach zirka einem Monat wurde das Geld richtig knapp. Aber wenn du in einer Pechsträhne steckst, kannst du nichts dagegen machen. Es war egal, ob ich großkotzig, bescheiden, zurückhaltend oder verwegen spielte, ich verlor weiter.

Es wurde so schlimm, dass ich sogar Blut und Sperma spendete, um Geld zu verdienen. Ich bekam fünfzig Mäuse, wenn ich in einen Becher wichste, was gar nicht so leicht ist, wenn du high bist, denn Heroin und Koks töten den Geschlechts-trieb ab. Ich kam mir saublöd vor, den einzigen Ständer, den ich in der Woche hatte, an ein Reagenzglas zu verschwenden, aber fünfzig Mäuse waren fünfzig Mäuse. Eines Abends fuhr ich nach Hollywood Park, um an einem großen Turnier teilzunehmen. Ich bezog mächtig Prügel und flog als Erster raus. Weil ich keine Lust hatte, weiter zuzuschauen und mich wie der letzte Blödmann zu fühlen, sprang ich ins Auto und fuhr zurück zum Strand. Als ich nach Hause kam, stand ein BMW in der Auffahrt. Und soll ich dir was sagen? Ich wusste sofort Bescheid. Ich weiß nicht wieso, aber ich ging trotzdem ins Haus. Ich trat ins Schlafzimmer und sah Dolly, die sich in unserem Bett von einem Typen ficken ließ.

Ich kochte eh schon vor Wut über meine Niederlage, und nachdem ich wild rumgebrüllt und mit ein paar Gegenständen um mich geworfen hatte, rannte ich nach draußen und fuhr meinen Wagen frontal in seinen BMW. Die Sache endete schließlich damit, dass er mich zusammenschlug. Im Endeffekt hatte ich an einem einzigen Tag meine Frau beim Fremdgehen erwischt, mein Auto zu Schrott gefahren und Prügel kassiert. Als Krönung saß ich noch zwei Tage wegen Zerstörung von Privateigentum im Knast. Aber das war nicht das Ende unserer Beziehung. Als ich wieder draußen war, erklärte mir Dolly, dass sie mich nicht betrogen habe. Sie habe es nur für Geld gemacht. Du weißt schon, sie war anschaffen gegangen, weil wir völlig abgebrannt waren. Sie hatte am Kartentisch gesessen und war geschlachtet worden. Und da war so ein Kerl, der sie die ganze Zeit anbaggerte. Sie sagte, sie habe nur getan, was ich ihr gesagt hätte, geflirtet und so.

Dann bot der Typ ihr einen Tausender, falls sie mit ihm ins Bett ging. Zuerst lehnte sie ab, aber als er auf Zweitausend erhöhte, willigte sie doch ein. Ich war gefühlsmäßig völlig am Boden, aber irgendwie tröstete mich das. Ich meine, sie betrog mich nicht und hielt auch nicht nach anderen Männern Ausschau. Sie wollte bloß schnelles Geld verdienen, weil wir pleite waren. Sie bot mir sogar an, halbe-halbe zu machen. Wie konnte ich ihr deshalb Vorwürfe machen? Kurz darauf ging ich erneut auf Entzug, und sie schwor mir, nie wieder anschaffen zu gehen. Aber einen Monat später erwischte ich sie wieder dabei und anschließend noch ein paar Male. 1999 verließ ich L. A. endgültig. Ich zog wieder nach New Jersey und suchte mir eine Stelle als Buchhalter. Ich versuchte Dolly zu überreden, mit mir zu kommen. Aber sie blieb in L. A., dealte und hatte hier und da ein Vorsprechen. Bei unserem letzten Telefongespräch sagte sie, sie sei clean. Vor ein paar Monaten habe ich sie tatsächlich in einer Sitcom gesehen. Sie sah toll aus.

Ich hoffe, sie macht weiter so. Ich bin jetzt seit einem Jahr auf Methadon, aber aus irgendeinem Grund fällt es mir diesmal leichter. Seitdem ich weder spiele noch Drogen nehme, vermisse ich das Pokern komischerweise viel mehr als das H. Ob das etwas über meine Persönlichkeit aussagt? Vor ein paar Monaten habe ich eine Frau kennen gelernt. Kaum zu glauben, aber sie ist Anwältin. Wir kamen uns ziemlich nah, und ich habe ihr meine Geschichte erzählt. Sie wirkte sehr verständnisvoll. Sie bat mich sogar, ihr das Pokern beizubringen. Vielleicht ist sie zu verständnisvoll.