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Geschichte und Strategien im Poker während des Cajun Cup Teil I

Während einer Tournee durch die Vereinigten Staaten im Dezember 1 829 beobachtete der englische Schauspieler Joseph Cowell eine Gruppe fragwürdig aussehender Männer, die an Bord eines der größten Mississippi-Raddampfer auf der Reise von Louisville nach New Orleans Karten spielten. Die Beschreibung, die Cowell später in seinen Memoiren veröffentlichte, stellt die erste schriftliche Dokumentation einer Partie Poker dar. Der Schauspieler traf die kluge Entscheidung, nur zuzuschauen statt mitzuspielen, denn diese Partie war – welche Überraschung! – manipuliert. Im dichten Nebel lief das Schiff anscheinend mit einem heftigen Ruck auf Grund.

Während alle anderen Passagiere an die Fenster eilten, um herauszufinden, was passiert war, blieb ein Mitspieler ungerührt am Tisch sitzen. Der Mann, mit einer grünen Brille, einem Diamanten als Krawattennadel und einem undurchdringlichen Gesichtsausdruck, mischte dort ausdruckslos die Karten und hob sie immer wieder ab. Er war dabei, einen beliebten Schwindel der ersten Kartenhaie auf den Mississippidampfern zu inszenieren, der darin bestand, allen Mitspielern außergewöhnlich gute Blätter auszuteilen – derartig gute Karten, dass sie ihr gesamtes Hab und Gut setzten – und sich selbst eine noch bessere Hand.

Der Leser freut sich jedoch mit Cowell, dass dem Mann mit der grünen Brille in der ganzen Hektik ein Fehler unterläuft. Nachdem er die Blätter ausgeteilt hat, so berichtet Cowell, nahm er seine Karten nicht auf, sondern saß nur stumm da und betrachtete die Mienen der anderen. Der Mann zu seiner Linken hatte zehn Dollar gesetzt; ein junger Anwalt, der Sohn des damaligen Bürgermeisters von Pittsburgh, welcher sich kaum eine Vorstellung davon gemacht haben dürfte, was sein Sohn gerade trieb, setzte weitere zehn Dollar, kaum dass er sich von seinem Schrecken erholt hatte. Der nächste Spieler ging die zehn Dollar mit und erhöhte um fünfhundert.

Die will ich sehen, sagte der Mann mit der grünen Brille und griff erst danach mit den Worten Dieses Mal gewinne ich und zitternden Händen nach seinen Karten. Durch die Brillengläser waren seine Augen nicht zu erkennen. Doch dann hielt er enttäuscht und überrascht einen Moment inne, seufzte Ich passe und warf seine Karten auf den Tisch. Der Mann zu seiner Linken rief: Diese fünfhundert Dollar und noch einmal tausend!
Der junge Anwalt hatte Zeit gehabt, das Potenzial seiner Karten zu berechnen. Vier Könige und ein Ass: Es war unschlagbar! Dennoch ließ ihn die Tatsache, dass sein Blatt nicht zu schlagen war, zögern – als glaubte er, es sei eben doch möglich. Er schaute erst auf das eingesetzte Geld, dann wieder auf sein Blatt, um schließlich zögernd seine Geldbörse auf den Tisch zu legen und mitzugehen.

Der Mann links von ihm hatte vier Damen und ein Ass, und sein Nachbar vier Buben und ein Ass. Hat man so was schon gesehen?, sagte er gut aufgelegt, während er dem Anwalt das Geld zuschob. Dieser war ebenfalls gebührend überrascht, denn er konnte sich 2 023 Dollar in die Tasche stecken! Offenbar hatte der Mann mit der grünen Brille sich selbst vier Zehner und ein Ass gegeben, ein Blatt, welches er eigentlich dem jungen Anwalt zugedacht hatte. Ob er seine Karten den anderen zeigte, bevor er sie weglegte, ist nicht überliefert; es erscheint jedoch äußerst unwahrscheinlich, denn selbst diese Anfänger hätten sich die Frage gestellt, wieso er mit dem viertbesten Blatt auf der Hand passte – damals gab es noch keinen Straight Flush -, und den Braten sicher gerochen.

Wie Cowell sarkastisch bemerkt: Bei dieser Beschäftigung werden sich, wie bei allen anderen, schwarze Schafe und Falschspieler einschleichen. Im weiteren Text zeigt sich, dass unser englischer Autor nicht dem traditionellen britischen Gespür für Fairplay nacheifert, sondern sich ganz als Mensch seiner Zeit entpuppt: Er bekundet nämlich Mitleid mit dem frustrierten Schwindler. Auch wenn die Opfer des Falschspielers sich darüber beklagt hätten, dass dieser sie übers Ohr hauen wollte, so Cowell, spielten sie nichtsdestotrotz regelmäßig gegen ihn und hätten ihn ihrerseits um seinen letzten Dollar betrogen, wenn sie es vermocht hätten. Betrug beim Spiel war seinerzeit derartig verbreitet, dass man fast den Eindruck gewinnen kann, es handelte sich dabei um einen allgemein akzeptierten, weit verbreiteten Bestandteil einer jeden Pokerpartie – vor allem für diejenigen, die so unbesonnen waren, sich mit Fremden an einen Tisch zu setzen.

Dieser ansonsten in Vergessenheit geratene britische Schauspieler schließt mit einer Beobachtung, auf die de Tocqueville stolz gewesen wäre. Er ahnt die Rolle voraus, die Poker einmal dank des Pioniergeistes bei der Entstehung des amerikanischen Traums spielen würde. Eine Reise den Fluss hinunter, vermerkte er, bedeutete für junge Kaufleute und ihre Angestellten die einmal jährlich wiederkehrende Gelegenheit, sich vollkommen ungezwungen und wahllos unter Vagabunden aller Nationen zu mischen, die seinerzeit New Orleans zu ihrem Sprungbrett machten. Moral und soziale Bedenken wurden skrupellos beiseitegeschoben – darin waren die Schüler so gut wie die Lehrer -, und niemals wurde der Republikanismus auf pragmatischere Weise republikanisiert.

Das Pokerspiel hatte ein paar Jahre zuvor, etwa um 1 820, von New Orleans aus seinen Siegeszug angetreten. Damals brachten französische Seeleute ihre eigene Version eines Spiels namens Ass ins Land, das sie in Persien kennen gelernt hatten. Das von ihnen so genannte Poque war ein direkter Abkömmling des uralten persischen Spiels As Nas, dessen Spuren sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, und es wurde mit einem aus zwanzig Karten bestehenden Kartenspiel gespielt: vier Asse, Könige, Damen, Buben und Zehnen. Vier Spieler erhielten jeweils fünf Karten. Die Idee, weitere Karten ziehen oder einkaufen zu können, kam erst später auf, und auch Straße und Flush sollten erst fünfzig Jahre später eingeführt werden. Die Spieler setzten schlicht und einfach auf ihr Blatt, bis es zu einem Showdown kam – daher bildete das Element des Bluffs die Hauptattraktion des Spiels und die wichtigste Grundvoraussetzung für den Sieg.

Pokerhistoriker erwähnen auch das deutsche Pochspiel, eine Variante des Brag, bei dem die Spieler mit dem Ausruf Ich poche setzten. Im Allgemeinen geht man jedoch davon aus, dass sich das Wort Poker von den Versuchen der frühen Südstaatler ableitet, das französische Poque auszusprechen. Im Süden der USA hatte man eben noch nie die rechte Lust, die Endung e stumm zu belassen. Im Nachhinein scheint es unvermeidlich, dass Glücksspiele eine so große Rolle bei der Entwicklung des amerikanischen Nationalcharakters gespielt haben. Zu Zeiten des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, der zum großen Teil durch Lotterien finanziert wurde, waren öffentliche Versteigerungen eine gängige Variante der Besteuerung – genau genommen seit Königin Elizabeth I.1 566 Englands erste Tombola genehmigt hatte, um den Ausbau von Hafenanlagen zu finanzieren.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte eine Lotterie die erste dauerhafte englische Siedlung in Nordamerika finanziert, Jamestown im Bundesstaat North Virginia. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts entwitckelten und trennten sich die nationalen Eigentümlichkeiten des früheren Mutterlands und seiner ehemaligen Kolonie jedoch und führten im Lauf der Zeit zu zwei fast schon symbolischen Ausprägungen: Während Glücksspiele in England weiterhin die Domäne der vornehmen Oberschicht blieben, waren sie in den Reihen der amerikanischen Pioniere etwas, das über Klassenunterschiede hinausging und so die offene und vielschichtige Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Gesellschaft widerspiegelte, die sich hier entwickelte – im Gegensatz zur strengen gesellschaftlichen Hierarchie Englands.

Dieser aufstrebende amerikanische Geist zeigte sich nirgendwo offenkundiger als im Grenzland des unteren Mississippi- Tals. Hier vermischten sich spanische, französische und andere europäische Einflüsse, geprägt von der Vergänglichkeit des Lebens am Fluss, zu einer lebensfrohen, vielschichtigen neuen Kultur. Risikobereitschaft ist per definitionem ein wesentlicher Aspekt jedweden Pioniergeistes. Um 1 820 gab es in den Städten am Fluss zwischen St. Louis und New Orleans bereits zahlreiche Spielcasinos, die ihre Tätigkeit auch rasch auf die wachsende Flotte von Dampfschiffen ausbreiteten – wo schon bald eine neue Spezies amerikanischer Unternehmer, nämlich die Riverboat Gambier, ihr gewieftes Handwerk ausübte.

Vermutlich lag es an der unsicheren, unbeständigen Art des Lebens am Fluss, dass das Glücksspiel im Süden offener betrieben wurde als irgendwo sonst in der westlichen Welt – mit Sicherheit offener jedenfalls als in den förmlicheren Städten des amerikanischen Ostens. Die an den Ufern der neuen Siedlungen im Süden ansässigen Glücksspieler waren ebenso Teil des Gemeinwesens wie ihre Kollegen auf den Dampfschiffen und wurden zunächst auch als wichtiges Element der lokalen Wirtschaft akzeptiert. Allerdings galten diese Glücksspieler allgemein als rücksichtslose Männer mit äußerst lockeren Moralvorstellungen – beides Charakterzüge, die in den aufstrebenden Gemeinwesen nicht sehr erwünscht waren.

Doch viel schwerer wog die Tatsache (wie es der Natchez Courier in einer frühen Zurschaustellung wahrer amerikanischer Werte verkündete), dass ihre Gegenwart die Grundstückspreise in den Keller sinken ließ. Um 1 835, als die Siedlungen selbstbewusst und wohlhabend genug waren, um den Status einer dauerhaften Stadtgemeinde anzustreben, mussten die Glücksspieler als Erste den Hut nehmen. Im gesamten Süden ging man dazu über, ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit zum Weiterreisen zu geben, und der Lynchmob wartete nur darauf, sich die Nachzügler vorzuknöpfen.

Das berühmteste (und berüchtigtste) Beispiel für die neue Achtbarkeit des Südens spielte sich im Juli 1 835 in Vicksburg, Mississippi, ab: Dort knüpfte eine Bürgerwehr fünf Glücksspieler öffentlich auf und rief das Kriegsrecht aus. Der Ort Vicksburg, hoch oben auf einem Steilufer mit Blick auf den Zusammenfluss von Mississippi und Yazoo gelegen, befand sich damals in einer wirtschaftlichen Übergangsphase, die zu jener Zeit auch seine größten kommerziellen Konkurrenten, Memphis und Natchez, durchlebten. Das Gesetz räumte dem Gelderwerb weitgehenden Vorrang ein; Geschäftsleute aller Art, darunter auch Glücksspieler, zogen mit Pistolen und Messern bewaffnet durch die Straßen; die Gerichte hatten in der Regel zu viel Angst, um Schuldurteile zu fällen; und die Frauen waren heilfroh, dass ihr Platz zu Hause war, hinter fest verriegelten Türen. Vicksburg, so berichtete ein auf der Durchreise befindlicher Mann aus Alabama, war eine Stadt, in der wie verrückt spekuliert wird. Hier macht man in einem Anfall von Wahn Geschäfte. Geld ist knapp, aber Kredite sind überall erhältlich.

Der Boom hatte mit der neuen Eisenbahnverbindung zwischen Vicksburg (und seinen Baumwollfeldern) und Clinton, Mississippi, begonnen. Er lockte eine so ungeheure Zahl von Spekulanten an – die wiederum die wichtigste Zielgruppe der einheimischen Glücksspieler waren -, dass Vicksburg um 1 835 den Ruf der größten Spielhölle im ganzen Südwesten genoss. Falschspieler und gerissene Kartenhaie besaßen dort in jenen Jahren so großen wirtschaftlichen Einfluss, dass sie aus ihren Verstecken hervorkamen und ihr Gewerbe in aller Öffentlichkeit betrieben. Ihre Klientel kam aus allen Klassen und Ständen, von prominenten Mitgliedern der einheimischen Oberschicht bis hin zu schwarzen Sklaven.

Ein englischer Geologe namens G. W. Featherstonehaugh, der 1 835 den Mississippi bereiste, beobachtete angewidert den gesellschaftlichen Mischmasch, der in Vicksburg an Bord seines Schiffes kam: Gentlemen, darunter äußerst ehrbare Plantagenbesitzer, verbrachten die gesamte Reise nach New Orleans damit, mit einem zweifelhaften Sammelsurium von Falschspielern zu wetten, zu trinken und Gelage zu feiern.
Dabei hegten die Stadtväter von Vicksburg im Grunde keinen Groll gegen das Glücksspiel an sich, sondern vielmehr gegen dessen gesellschaftliche Folgen.

Während die Gemeindeältesten professionelle Glücksspieler für den Zusammenbruch von Recht und Ordnung verantwortlich machten, betrachtete die aristokratische Oberschicht der Plantagenbesitzer sie als Hindernis für die Kultivierung der Gesellschaft, die notwendig war, um mit der wohlhabenden Schicht ihrer Landsleute aus dem Osten gleichzuziehen. Wenn Vicksburg eine blühende wirtschaftliche Zukunft als Baumwollumschlagplatz anstrebte, waren für das Wirtschaftswachstum die im Osten geltenden bürgerlichen Normen unerlässlich – und das bedeutete, dass die Glücksspieler verschwinden mussten.

Nach Aussage des Vicksburg Register hatten sie die Quellen der Moral verseucht und die gesellschaftlichen Bindungen zerstört. Anlass zum Handeln ergab sich 1 835 durch das Gerücht – ironischerweise unbegründet, wie sich heraussteilen sollte -, betrügerische Glücksspieler stünden hinter einem drohenden Sklavenaufstand. Als die Spieler die Anordnung ignorierten, die Stadt binnen einer Woche zu verlassen, blieb der ansonsten gesetzestreuen Bürgerwehr nichts anderes übrig, als sie mit allen Mitteln durchzusetzen. Als dann noch ein ziellos abgefeuerter Schuss aus einer Gruppe eingekesselter Glückspieler ein Mitglied der Bürgerwehr tötete, wurde aus dem üblichen Teeren und Federn prompt eine Massenhinrichtung.

Nach 1 835 kam es wiederholt zu derlei mehr oder minder gewalttätigen Vorfällen entlang des Mississippi und seinen Anrainerstaaten. In Lexington und Covington, Natchez und Memphis, New Orleans und Mobile, St. Louis und Cincinnati forderte man Glücksspieler offiziell zum Verlassen der Stadt auf und verurteilte sie im Schnellverfahren, wenn sie diese Anordnung missachteten. Auch wenn man sie nicht von den Dampfschiffen verbannen konnte, auf denen die Kartenhaie noch bis etwa 1 870 ihrer Tätigkeit erfolgreich nachgingen, bedeutete dies den Anfang vom Ende der Pionierzeit am Mississippi.

Zwar hatten die Glücksspieler dazu beigetragen, das wirtschaftliche Fundament des amerikanischen Südens zu legen, doch stand ihre Vertreibung am Anfang des Bible Belt, einer Region gottesfürchtiger Moralapostel und Bibelfanatiker, die bis heute existiert. Meine siebzehnstündige Osterreise, die mich aus dem Vicksburg des Jahres 1 835 ins Lafayette des Jahres 1 989 führte, erbrachte den Beweis dafür, dass sich im tiefen Süden Amerikas in den vergangenen 150 Jahren nicht allzu viel verändert hat. Es war das vierte Jahr in Folge, in dem es den Einheimischen wie durch schwarze Magie gelang, Louisianas staatliche Glücksspielverordnungen zu umgehen.

Pokerspieler aus den gesamten Vereinigten Staaten versammelten sich in dieser Not leidenden, postindustriellen Stadt am Ufer des Vermilion River, die im wirtschaftlichen Schatten von Baton Rouge liegt. Der offenkundige Schutz der Organisatoren vor einer Strafverfolgung ließ sich hauptsächlich dadurch erklären, dass die dahinsiechende lokale Wirtschaft enorm von der Veranstaltung profitierte – an dem Wochenende ließen die Edelzocker in der Regel mindestens eine Million Dollar in den Geschäften, Hotels und Restaurants der Umgebung. Anscheinend hatte sich jemand um die Polizisten vor Ort gekümmert, und zwar so gut, dass sie als Sicherheitspersonal für ein Turnier fungierten, das in aller Öffentlichkeit im Hilton Hotel stattfand.

Darüber hinaus hatte offenbar eine hübsche Spende dafür gesorgt, dass die Honoratioren der Stadt – im Geiste zweifellos Nachkommen der Bürgerwehr von Vicksburg – den Geschehnissen gegenüber ein Auge zudrückten. Immerhin handelte es sich hier um eine der Regionen der USA mit dem ausgeprägtesten Unabhängigkeitsdrang. Die zweiundzwanzig Gemeinden, die das so genannte Cajun Country im Süden von Louisiana bilden, bezeichnen sich auch gern als Acadiana und besitzen sogar eine eigene Flagge – so stolz sind sie auf ihre Abstammung von jenen religiösen und politischen Verbannten, die Mitte des 18. Jahrhunderts von Neuschottland aus hierher abgeschoben worden waren. Doch inzwischen befanden wir uns im ausgehenden 20. Jahrhundert.

Wenn die Vorfahren unserer Gastgeber vor 150 Jahren vertrieben worden waren, dann hielten sie wahrscheinlich ein kurzes Wiederaufflackern des alten Pioniergeistes für längst überfällig, ganz im Einklang mit dem amerikanischen Hang zur wehmütigen Erinnerung an jene Epoche. Mir war gerade noch genug Zeit geblieben, Bens Zugabe – eine Wiederholung von Luck be a Lady – mitzuerleben, als ich mich auch schon auf den Weg nach Gatwick machen musste, um den Houston-Flug der British Caledonian zu erreichen. Diese Fluglinie war vor kurzem von der frisch privatisierten British Airways geschluckt worden, doch offenbar hatten die Computer von BA vollkommen versagt im Versuch, die Flugpreise der ersten Klasse nach Lafayette mit Anschlussflug Richtung New York über Dallas, Houston und New Orleans abzugleichen.

Zunächst war die Rede von einem Flugpreis von weit über 4 000 Pfund – schier unmöglich in Anbetracht meines Spielkapitals. Doch als der BA-Computer begriff, dass ich dieses Mal an die Ost – und nicht an die Westküste fliegen wollte (eine Vermutung, die uh ihm mittlerweile fast schon verzieh), schlug er plötzlich eine Flugroute durch den tiefen Süden vor, die auf unter 2 000 Pfund kam. Das war zwar immer noch rund ein Viertel meines verbliebenen Spielkapitals, doch ich hatte die Langstreckenfliegerei in der Touristenklasse so satt, dass mich der Gedanke an eine solche Reise im hinteren Bereich eines Viehtransporters beinahe aufgeben ließ.

Verzweiflung und Wunschdenken machten einen unentwegten Optimisten aus mir: Irgendwoher würde ich schon Geldmittel bekommen, und irgendetwas musste sich einfach ergeben. Eric Drache flog immer erster Klasse, warum also sollte ich es dieses eine Mal nicht auch tun? War dies nicht die einzig mögliche Art und Weise, wie man als Pokerprofi reiste? Außerdem war ich nun einmal so tief in Blut gestiegen ….
Wahrscheinlich dürfte auch Macbeth ständig unter einer Art Jetlag gelitten haben; allerdings musste man ihm zugute halten, dass er niemals wegen Geld herumgejammert hatte. Immerhin konnte ich, im Gegensatz zu ihm, die Reisekosten kurzzeitig auf eine Kreditkarte abwälzen und darauf hoffen, dass mir das Glück vor dem Tag der Abrechnung wieder hold sein würde.

Eine vermeintlich clevere Kombination all dieser Selbsttäuschungen ließ mich schließlich beim Angebot von BA zuschlagen, ohne dass ich auch nur den Tarif der Economy Class erfragt hätte. Dabei übersah ich geflissentlich die Tatsache, dass die wahren Glücksspieler ständig die Sonderangebote nach den günstigsten Flügen abklappern, um so jeden Cent für ihre Einsätze an den Pokertischen zu sparen. Ich dagegen war so lange in der Gesellschaft von Eric Drache gewesen, dass ich glaubte, alle altgedienten Profis lebten wie er und betrachteten das süße Leben als einen ihnen zustehenden Bestandteil ihres Daseins. Ich hätte mich nicht stärker täuschen können.

Damals war dies die Unwissenheit des Seligen. Doch selbst in der ersten Klasse erforderte ein weiterer Elfstundenflug Ausdauer: Als man mir wieder einmal einen Fragebogen vorlegte, beschwerte ich mich über die Härte der Sitze, obwohl sie wahrscheinlich weicher als Schwanendaunen waren. Dann musste ich in Houston drei lange Stunden totschlagen, in denen meine Anspannung langsam stieg, bis der Anschlussflug nach Lafayette ging, in einem dieser kleinen Nahverkehrsflugzeuge, die offenbar von Gummiringen zusammengehalten werden. Dieses Mal war zwar mein Koffer mitgekommen, doch dafür erwies sich der Flughafen von Lafayette als so klein, dass es keinen Platz mehr für einen Wartestreifen voller Taxis gab – ein Umstand, den ich bis dahin in den USA für selbstverständlich gehalten hatte.

Doch hier, so begriff ich schnell, war ich in Cajun Country. Ich schnorrte ein paar Münzen und wollte über Telefon ein Taxi rufen, aber auch das erwies sich als sinnlos. Die gebührenfreie Rufnummer des Hilton war ständig besetzt. Meine Stimmung verdüsterte sich rasch – und offenbar auch so erkennbar, dass mir ein freundlicher Fremder eine Mitfahrgelegenheit anbot. Siebzehn Stunden nach meiner Abreise aus London trat ich endlich durch die Tür des Lafayette Hilton. Sie wurde mir von einem örtlichen Polizeibeamten geöffnet, augenscheinlich einer der Sicherheitsmänner des Turniers, von denen ich gehört hatte. Immerhin ein verheißungsvoller Beginn – aber wieso grinste der Kerl so sonderbar?

Die Lobby bot ein Bild absoluter Trostlosigkeit. Missmutig liefen Pokerspieler umher, versammelten sich streitlustig und lautstark in Gruppen und stellten die Angestellten am Empfang auf eine harte Probe. Wieso spielten sie nicht Poker? Wie als Antwort auf meine unausgesprochene Frage zog sich ein fettleibiger Mann sein Cajun-Cup-T-Shirt aus und riss es mitten in der Eingangshalle feierlich in Stücke. Irgendwas war hier faul.
Mitten im Gedränge entdeckte ich das freundliche Gesicht von Seymour Liebowitz, schon seit ewigen Zeiten bei allen großen Turnieren dabei, und fragte ihn, was zum Kuckuck hier eigentlich los war. Es stellte sich heraus, dass zwar die örtlichen Behörden keine Probleme gemacht hatten, dass aber die Dinge auf staatlicher Ebene nicht geregelt worden waren.

Vor etwa einer Stunde, mitten während des Seven-Card-High-Turniers, war der Staatsanwalt ins Hilton marschiert, hatte sich ein Mikrofon gegriffen und die Veranstaltung abgebrochen. Der Cajun Cup war geplatzt. Dichtgemacht. Hätte also ein Taxi am Flughafen gestanden, überlegte ich laut, wäre ich vom Pokertisch vertrieben worden, kaum dass ich Platz genommen hätte. Seymour fing an zu lachen. Der neben ihm stehende T. J. Cloutier, ein ehemaliger Footballspieler, brach ebenfalls in Gelächter aus. Rasch verbreitete sich in der Lobby die Nachricht, dass dieser Kerl aus England gerade eingecheckt hatte – um genau zu sein, hatte er noch nicht einmal eingecheckt. Dieser Kerl aus England – duweißtschon, dieser Tony aus London – war siebzehn Stunden geflogen und im selben Moment zur Tür hereingekommen wie die Hüter des Gesetzes.

In der ganzen Lobby machte sich Gelächter breit, bis mir nichts anderes blieb, als mitzulachen. Ich war der größte Witz von Louisiana. Die allgemeine Belustigung ebbte ab, als man uns vierundzwanzig Stunden zum Verlassen der Stadt gab, wie damals unseren Vorgängern 1 835 in Vicksburg. Wäre das Turnier weitergegangen, erklärte Staatsanwalt Nathan Stansbury, wären alle Spieler verhaftet worden und sämtliches Eigentum hätte beschlagnahmt werden können – Karten, Chips, Spielausrüstung, ja sogar das Hilton selbst. Das Turnier an sich war weniger ein Problem; nach Auskunft des Staatsanwalts war es nicht illegaler als eine Wette beim Golf, bei der der Gewinner den Pot kassiert. Problematisch war allein die Höhe des Rake, des Tischgelds, das die Organisatoren für das Spiel an den Nebentischen pro Spieler und Stunde berechneten. Die Organisatoren, erklärte Stansbury, nehmen mehr Geld ein, als die Veranstaltung kostet… Die Summen sind derartig angestiegen, dass es offenkundig Überschüsse geben wird.

An den Tischen mit niedrigen Limits waren 10 Dollar Rake pro Stunde verlangt worden. Aus Sicht der Ordnungshüter erwirtschaftete jemand offensichtlich einen enormen Profit aus dieser Veranstaltung – und genau genommen war das der gesetzliche Stolperstein. Es hatte einen anonymen Brief gegeben, in dem die Vermutung geäußert wurde, die Organisatoren hätten im vergangenen Jahr einen Erlös von 80 000 Dollar erzielt. Die Pokerspieler zeigten sich von diesen Enthüllungen unbeeindruckt. Vielmehr bestand Einigkeit darin, dass Eldon und Kenny es verdient hatten, Geld mit ihrem Turnier zu machen. Die einzigen Zahlen von Bedeutung waren die 450 000 Dollar, die die Turniersieger jeweils eingesteckt hatten, sowie die 100 000 Dollar Preisgeld, die beim großen Turnier am Wochenende winkten.

Für das Osterwochenende hatten sich weitere hundertfünfzig Spieler aus Vegas angesagt, und das bedeutete jede Menge Action. Es war Zeit, Klartext zu reden. Hey, fragte zwangsläufig jemand den Staatsanwalt, wollen Sie einen Fall fürs FBI daraus machen? Die Antwort lautete in diesem Fall Ja. Auftritt Gerald Bertinot, Assistent des Bundesstaatsanwalts, der erklärte, bei der Verletzung von Bundesgesetzen würde auch in Fällen von Glücksspiel Bundesgerichtsbarkeit gelten. Er riet allen Betroffenen, ihre Zelte abzubrechen und die Stadt zu verlassen. Doch wer hatte sich überhaupt beschwert? Der einzige Protest beim örtlichen Staatsanwalt war nach dessen Worten erst eingegangen, nachdem er eingeschritten war, um den Laden dichtzumachen:

Ein Händler aus Lafayette hatte angerufen und sich über wirtschaftliche Einbußen beklagt. Daraufhin richtete sich der Zeigefinger gegen die Kirche. Ich möchte den Staatsanwalt ja nicht gegen mich aufbringen, sagte Mike Barry, einer der Spieler aus Lafayette, aber ich glaube, er hat dem Druck der Kirche nachgegeben. Einige andere erinnerten sich, dass sich ein einheimischer Geistlicher, ein gewisser Reverend Perry Sanders, im vergangenen Jahr über das Turnier beschwert hatte. Und als er die Nachricht des Tages erfuhr, zeigte sich Reverend Sanders auch prompt hocherfreut… Ich versuche schon seit drei oder vier Jahren, Nathan dazu zu bewegen. Es schien nutzlos, die Organisatoren jetzt auf ihre angeblichen Spenden an die Kirche anzusprechen. Plötzlich befanden wir uns wieder im Jahre 1 835. Seit den Lynchmorden von Vicksburg hatte sich hier nicht allzu viel verändert, außer dass das Aufknüpfen zum Glück heutzutage ebenfalls illegal ist.

Die Stille meines Hotelzimmers brach über mir zusammen. Mein ganzer Körper schien zu vibrieren, als würde ich mich immer noch in einem Flugzeug befinden. Während sich langsam Verzweiflung in mir breitmachte, versuchte ich, die Situation neu zu bewerten. Und die sah ehrlich gesagt nicht besonders gut aus. Sechs inhaltslose Tage, darunter das Osterwochenende, lagen vor mir, bis ich in New York erwartet wurde. Wie sahen die Alternativen aus? Mein erster Gedanke war, sofort wieder nach Hause und zu Terry Rogers’ Osterturnier zurückzukehren. Vielleicht konnte ich ja sogar einen Direktflug nach Dublin ergattern? Doch das war sündhaft teuer, und mein transatlantischer Jetlag würde sich noch verschlimmern beim Gedanken daran, sinnlos Zeit und Geld verplempert zu haben.

Doch zumindest wollte ich diese Möglichkeit ausloten. Erste Nachforschungen in Bezug auf Flüge nach Irland ergaben lediglich, dass gerade Ostern war und man überhaupt keine Flüge mehr bekam. Lafayette ist ein kleines Städtchen, Sir. Wir fliegen hier nur nach Dallas und Houston, und diese Flüge sind alle ausgebucht. Tatsächlich waren sie sogar überbucht, denn an einem der beiden kleinen Flugzeuge waren technische Probleme aufgetreten, und es gab am Flughafen eine lange Warteliste, da eine ganze Reihe von Hotelgästen des Hilton plötzlich beschlossen hatte, sofort abzureisen. Nein, Sir, eine andere Flugroute gab es von Lafayette aus nicht, und es gab auch keinerlei Grund, so aufgebracht zu sein. Klick.

Es war ja schön und gut, uns allen vierundzwanzig Stunden zum Verlassen der Stadt zu geben, nur hatte ich leider meinen Packesel nicht auf die Reise mitgenommen. Dann rief ein freundlicher Profi auf meinem Zimmer an und wollte mir den Mund für ein vergnügliches Wochenende in New Orleans wässrig machen. Aber ich hatte nicht deshalb den ganzen Weg auf mich genommen, um geselligen Umgang mit Pokerspielern zu pflegen, die im Süden von Louisiana von der Außenwelt abgeschnitten worden waren – und auch nicht, wenn ich ehrlich sein sollte, um mich über Ostern bei Freunden auf Long Island oder Malibu einzuladen. Ich war über den Atlantik geflogen, um Poker zu spielen. Und wenn man sich dieses Ziel erst einmal in den Kopf gesetzt hat, dann bleibt dort kein Raum mehr für etwas anderes.

Was würde ein erfahrener Pokerprofi unter diesen Umständen tun? Ja, was taten zweihundert von ihnen eigentlich genau in diesem Augenblick? Manche machten sich auf den Heimweg zu ihrer Familie – oder versuchten es zumindest, denn sie waren ja mit einem Sondertarif und einem festen Rückflugtermin für den Dienstag nach Ostern hier angereist. Der Rest – selbst die ortsansässigen Pros – versuchte, sich irgendwie nach Las Vegas durchzuschlagen. Eine naheliegende Idee. Inzwischen war es früher Abend geworden, auch wenn sich das für mich anfühlte wie übermorgen.

Ein schneller Ausflug zum Flugplatz, in der irrigen Annahme, dass persönlicher Kontakt überzeugender wirken würde als eine unpersönliche Stimme am Telefon, zeigte mir nur, dass sich dort Horden von aufgebrachten Pokerspielern darum balgten, an Bord eines dieser Gummibandflugzeuge zu kommen, und noch aufgebrachter für dieses Privileg Hunderte von Dollar über den Preis ihrer nutzlosen Sondertariftickets hinaus hinblätterten. Außerdem waren neben den zweihundert Spielern auch fünfzig Dealer und andere Mitarbeiter des Turniers vom 24-Stunden- Ultimatum bedroht. Also sagte ich mir, dass es viel vernünftiger sei, mir meine völlig verstellte innere Uhr zunutze zu machen: Ich würde jetzt schlafen gehen und dafür früh aufstehen und zum Flugplatz fahren, wenn die anderen noch mit ihren nächtlichen Pokerpartien beschäftigt waren – die mit Sicherheit zustande kommen würden, sobald alle kapiert hatten, dass es aus dieser Falle kein Entrinnen gab. Ich hatte mich gerade in meinem Hotelzimmer geduscht und stand kurz davor, vor dem HBO-Film einzuschlafen, als das Telefon klingelte.

Es war Fred, ein Profi aus Yorkshire, der eine Tischreservierung im besten Cajun-Restaurant weit und breit hatte. Sein Bruder aus England war auch vor Ort. Beide hatten von meiner schlecht getimten Ankunft gehört und wollten mich aufmuntern. Wie hätte ich da ablehnen können? Ein paar Stunden und einen Disput über Thatchers Großbritannien später – war ich wirklich den ganzen Weg angereist, um mich mit Engländern über die liebe Maggie zu streiten? – kroch ich gegen Mitternacht endlich ins Bett und überließ es Fred und seinem Bruder, die Stadt ohne mich unsicher zu machen. Meine Chancen, es am nächsten Morgen um sechs zum Flugplatz zu schaffen, lagen damit bei null.

Doch in derlei Situationen kann der Körper über den Geist triumphieren. In der Morgendämmerung steuerte ich erneut den Flughafen von Lafayette an und schnappte mir den Platz eines nicht aufgetauchten Passagiers für den Flug nach Dallas, der in den nächsten Stunden abgehen würde oder eben nicht. Mit einem unwirklichen Triumphgefühl wartete ich also auf eine Maschine, die vielleicht nie eintreffen würde – bis mir mein nächstes Problem klar wurde. Es war Gründonnerstag, das Osterwochenende stand bevor, und Vegas würde aus allen Nähten platzen. Meine einzige Chance war – tut mir leid, Henri – ein R-Gespräch mit Henri Bollinger, der von L. A. aus für mich herumtelefonieren konnte. Entgegenkommend wie immer nahm Henri nicht nur das Gespräch an, sondern versprach auch, alles zu tun, was in seiner Macht stand.

Einige Pokerspieler hatten die ganze Nacht am Flugplatz verbracht und waren inzwischen so verzweifelt, dass sie sich einverstanden erklärten, die Stadt in einer zweimotorigen Maschine zu verlassen, bei der nur ein Motor funktionierte. Zuvor steckten sie nur kurz die Köpfe zusammen, um ihre Überlebenschancen zu berechnen. Irgendwann hob dann auch die Gummibandmaschine mit zwei funktionierenden Motoren endlich ab – mit mir an Bord, nach einem unschönen Querfeldeinrennen über die Rollbahn. Der Flieger legte auf dem Weg nach Dallas aber noch mehrere außerplanmäßige Zwischenstopps ein, da seine Zwillingsmaschine nach wie vor außer Dienst war.

Dass ich in Dallas-Fort-Worth meinen Anschlussflug erwischte, verdankte ich einzig und allein der Tatsache, dass sich ein Betrunkener auf dem hereinkommenden Flug übergeben hatte. Die anschließende Säuberungsaktion verzögerte den Weiterflug so lange, dass dieser hechelnde, in Auflösung begriffene britische Zocker in letzter Sekunde noch an Bord gelangte. Zwölf Stunden und weitere 500 Dollar nach der Abreise aus Lafayette befand ich mich wieder einmal in Vegas – erneut als schamlos schnorrender Gast auf Kosten Jack Binions und des Horseshoe. Meine dreitägige Reise war eine Neuinszenierung der Pokergeschichte im Schnelldurchlauf gewesen:

Auf der Flucht aus Louisiana war ich meinem Pioniergeist nach Westen gefolgt und hatte kurz in Kalifornien Station gemacht, ehe ich mich Richtung Osten begab und durch das Death Valley Las Vegas erreichte. Nie hatte ich mich hier so zu Hause gefühlt wie jetzt; beinahe hätte ich Pierre umarmt, meinen ewigen Pagen im Horseshoe. Ich kam mir vor wie im siebten Himmel, als ich feststellte, dass man mir wieder eine Suite mit einem spektakulären Ausblick über die Fremont Street und das Nugget auf die dahinter liegende Bergkette gegeben hatte. Die über dem McCarran Airport kreisenden DC-10-Jets erschienen mir wie ein Planwagentreck des 20. Jahrhunderts. Dieses Mal verzichtete ich auf mein sonst übliches Ankunftsritual: Immerhin hatte ich drei Tage überwiegend mit Reisen verbracht, und jetzt galt es, keine Sekunde mehr zu verlieren.

Unterwegs hatte ich mich widerwillig zu einigen Entscheidungen durchgerungen. So würde ich aufgrund meines akuten Geldmangels auf dieser Reise mein männliches Ego unterdrücken und mich in Vegas von unten nach oben arbeiten müssen. Im Programm des Magazins Card Player (zu dessen zwölf Londoner Abonnenten ich damals zählte) war ein kleines Turnier im Sahara aufgelistet worden, ein 25-Dollar-Hold’em-Turnier mit 20 Dollar-Rebuys. Das sollte mein Ausgangspunkt werden. Die Taxifahrt vom Horseshoe entsprach zwar schon dem Gegenwert meiner Startgebühr, doch die Zeiten waren eben schwer. Als ich ankam, stellte ich fest, dass die Glücksgöttin Fortuna, die mich ja erst in diese Lage gebracht hatte, heute Abend bei besserer Laune war als ich:

Bei etwa 200 Spielern, deren Position nach dem Zufallsprinzip zugeteilt wurde, wies sie mir einen Platz neben einem alten Freund aus London und Vegas zu, den ich das ganze Jahr über noch nicht getroffen hatte. Es war schön zu merken, wie Don sich darüber freute, mich zu sehen. Er lebte in Vegas und verdiente sich seine Brötchen mühsam an den $ 2$ 5-Tischen, während er den großen amerikanischen Roman verfasste. Wir würden noch Zeit für ein gemeinsames Essen haben, prophezeite er. Natürlich, doch zunächst einmal gab es ein Turnier zu gewinnen. Die Action an den Tischen kam nur langsam und gemächlich in Fahrt, aber ich musste schon nach wenigen Minuten zum ersten Mal Chips nachkaufen – bei diesen Einsätzen brachte ich nicht genug Geduld auf, anständig zu spielen.