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Eine Pokerkreuzfahrt von Miami durch die Karibik und die Strategien dafür Teil I

Zeig, was du hast. Ein großer Geldsegen beim Poker kann einen über alle Maßen aufbauen – weit stärker als ein unverhoffter Gewinn, den man auf herkömmlichere Art und Weise gemacht hat. Angesichts von fünf freien Tagen vor meiner nächsten Station auf der Profitour, einer Pokerkreuzfahrt von Miami durch die Karibik, beschloss ich, Slims Ratschlag anzunehmen und mal wirklich auf großem Fuß zu leben. Als ich ein Kind war, da bezahlte ich wie ein Kind, nämlich mit Plastik; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war (wie Kreditkarten), und ließ die
Hundertdollar-Scheine flattern. Mit dem direkten Ergebnis, dass ich, wie in der Bibel vorhergesagt, durch einen Spiegel ein dunkles Bild sah:

Der Smog von L. A. wirkte hinter den getönten Scheiben meiner VlP-Stretch- limo mit dem Nummernschild CELEB 1 nur noch düsterer. Selbst im Horseshoe hatte man einigermaßen geschockt reagiert, als ich in bar bezahlte. Der Gewinn von 13 732 Dollar innerhalb von drei Tagen kostete mich 230 Dollar für Telefon-gespräche und Zimmerservice, die Rechnung für den Rest über-nahm Jack Binion mit seiner fortwährenden Gastfreundschaft gegenüber einem mittlerweile flügge gewordenen Pro. Nur die Fluggesellschaft US Air hatte so etwas noch nie erlebt. Für den Flug nach Burbank verlangte sie genau 101 Dollar, und der trübselige Angestellte langte schon instinktiv nach dem Kreditkartengerät, als ich mit zwei Dollarnoten vor seiner Nase herumwedelte. Fluggesellschaften, sagte er, sind auf die Bezahlung mit Bargeld nicht eingerichtet, Sir. Dem Computer schmeckte mein Geld noch weniger:

Er brauchte geschlagene zehn Minuten, bis er mein Flugticket schließlich widerwillig ausspuckte. Auf dem Weg zum Flugsteig kam ich an einem Schalter vor-bei, auf dem stand: MIT IHRER SPENDE ZAUBERN SIE KRANKEN KINDERN EIN LÄCHELN AUFS GESICHT. Die Frau hinter dem Schalter las ganz konzentriert in ihrer Ausgabe von People. Offensichtlich hatte sie es längst aufgegeben, vorbeigehende Menschen anzusprechen – vermutlich in der Erkenntnis, dass viel mehr Verlierer als Gewinner Las Vegas verlassen. Aus diesem Grund und aus einem plötzlichen Schuldgefühl, kombiniert mit einem starken Anflug von Aberglauben, schlenderte ich zu ihr hinüber und hielt ihr einen Hundertdollarschein entgegen.

Damit konnte ich ihre Aufmerksamkeit vorübergehend von den neusten Nachrichten über Jackie Onassis ablenken. Tut mir Leid, Sir, sagte sie, wir wechseln nicht. Endlich einmal begriff ich, wie sich das Leben als Rockefeiler anfühlen musste: Statt einer Antwort lächelte ich nur, steckte den Schein in ihre Spendenbüchse, winkte ab, als sie mir die rosafarbene Anstecknadel anbot, und marschierte zum Flugsteig, wobei ich ihren verblüfften Blick auf mir spürte. Dies war das größte Opfer, dass ich während des gesamten Jahres den Pokergöttern dargebracht hatte. Wen versuchte ich eigentlich zu bestechen? Das Wahrscheinlichkeitsgesetz oder mein eigenes Gewissen? Genau betrachtet war das nichts anderes als ein ziemlich niederträchtiger Versuch, mich gegen das Ende meines guten Laufs abzusichern. Als man mir beim Einchecken prompt eine kostenlose Umbuchung in die Business Class anbot, versuchte ich mich gegen alle Theorien von Ursache und Wirkung zu wehren – ich wusste nur, dass meine Glückssträhne nach wie vor anzuhalten schien.

Während der nächsten achtundvierzig Stunden in L. A., das ganz im Bann der bevorstehenden Oscar-Verleihung stand, rollte ich kreuz und quer durch Beverly Hills, von einem Mittagessen zum nächsten Empfang zur übernächsten Dinnerparty. Dabei ließ ich mir meine gute Laune auch nicht durch das enttäuschte Aufstöhnen verderben, das die Fans immer dann von sich gaben, wenn die Limousine nur mich ausspuckte und nicht Tom Cruise oder Kim Basinger. Hinzu kam, dass ich nicht einmal teuer genug gekleidet war, um einer der Drahtzieher hinter den Kulissen des Spektakels sein zu können. Nichtsdestotrotz winkte ich den Massen fröhlich zu und posierte für die Kameras.

Mit der Limousine zum Bicycle Club zu fahren, erwies sich als Geniestreich. Am $ 15/$ 30-Hold’em-Tisch – schließlich kannte ich trotz meines neu gewonnenen Reichtums noch immer meine Grenzen – wurde viel über den uniformierten Fahrer spekuliert, der mit der Schirmmütze auf dem Schoß geduldig auf die nächste Laune seines Dienstherrn wartete. Wer war dieser Kerl auf Platz Drei? Ein reicher englischer Exzentriker? Ich konnte förmlich sehen, wie die anderen am Tisch sich im Geiste ausrechneten, dass der günstigste Tarif für die Limousine beim Doppelten des Buy-In liegen musste. Und ein paar unergründliche, britische Erhöhungen brachten selbst die verhaltensten Spieler am Tisch dazu, heißzulaufen.

Falls Gleichgültigkeit gegenüber Geld ein Schlüssel für gutes Pokerspiel ist, dann brachte ich sogar noch mehr Gleichgültigkeit auf, als ich Geld besaß. In knapp drei Stunden gewann ich 1 200 Dollar – genug, um davon Hotel und Limousine zu bezahlen -, bevor ich das Bike, das Hotel, die Limo und Kalifornien hinter mir ließ. Nun war es an der Zeit, Richtung Osten zu reisen, echtes Geld herbeizuzaubern und das Spielkapital für die Pokerkreuzfahrt aufzustocken. Mein guter Lauf ließ mittlerweile unheilvolle Vorahnungen in mir aufkommen. Kaum eine Flugstunde von L. A. entfernt, hoch über Vegas, befiel mich ein Gefühl der Wehmut. Drei Tage an einem anderen Ort erschienen mir wie drei verschwendete Tage. Von hier oben wirkte Vegas gespenstisch ruhig; doch tief unter diesen gigantischen Betonmauern wartete das riesige, ewige Pokerspiel meiner Träume.

Die Tatsache, dass ich oft in diesem Teil der Welt gewesen war und meine Zeit in Hollywood vertrödelt hatte, erschien mir jetzt als sträfliche Missachtung. Der Gedanke an das Leben, das in meiner Abwesenheit in diesen Kartensälen pulsierte, an all die Pötte, die ich in Angriff hätte nehmen können, fühlte sich an wie die vertraute Wut beim Gedanken an den Tod – die Vorstellung, dass die Welt die Frechheit besitzen wird, ohne mich weiterzumachen, und dass ich nie erfahren werde, wer gewonnen und wer verloren hat. Sogar aus zehn Kilometern Höhe konnte ich Jack Binions goldenes Hufeisen hoch auf jenem Turm erkennen, der mittlerweile zu meiner zweiten Heimat geworden war.

Westlich davon, am oberen Ende des Strip, ließ der skelettartige Koloss von Steve Wynns zukünftigem Mirage seinen nächsten Nachbarn, Caesar’s Palace, beinahe bescheiden wirken. Donald Trump, der sich damals fast so häufig in Vegas aufhielt wie ich, stand angeblich in Verhandlungen über den Erwerb des Caesar’s. Aus dieser Höhe erschien es mir als ein kluger Schachzug von ihm, zunächst den Einfluss abwarten zu wollen, den das Mirage ausüben würde. Eigentlich wären alle Immobilienhaie gut beraten, potenzielle Investitionen aus dieser Vogelperspektive zu betrachten, fand ich. Ich für meinen Teil hätte mich heute mit der Konzession für den Parkplatz des Mirage zufriedengegeben, der ungefähr die Größe von Wales zu haben schien.

Ich unterbrach meine Reise in Cincinnati, Ohio, um dort ein schon lange anstehendes, ein wenig abergläubisches Versprechen mir selbst gegenüber einzulösen: Ich wollte die dortige Zentrale der US Playing Card Company besichtigen, deren Namen ich so häufig – wenn auch nicht so häufig wie gewollt – auf dem Pik- Ass ihres berühmten Bicycle-Kartendecks gesehen hatte. Wahrscheinlich glaubte ich, ein Besuch dieses Heiligtums würde mir mehr Asse auf die Hand bringen. Wenn man Bogen für Bogen der Spielkarten aus den Pressen herauskommen sieht und miterlebt, wie seelenlose Maschinen sie zu Stapeln von je zweiundfünfzig Karten schneiden, stutzen und schichten, dann kann man sich nur über das Maß an menschlichem Elend wundern, das ihre kleinen roten und schwarzen Symbole auszulösen vermögen.

Natürlich bringen sie manchen Menschen auch Glück, doch aus irgendeinem Grund trübte der Gedanke an die verlorenen Häuser, die zerbrochenen Familien, die ruinierten Unternehmen und die weggepusteten Gehirne meine Ehrfurcht gegenüber der gnadenlosen Massenproduktion von etwas so Kleinem und Einfachem, so Unschuldigem und doch so Mächtigem. Ich nahm einen warmen, noch ungeschnittenen Bogen Karten aus der Presse und betrachtete verwirrt die nur allzu vertrauten Motive. In dieser geordneten und für mich ungewohnten Anordnung wirkten die Könige, Damen und Buben wahrhaftig wie eine glückliche Kleinfamilie; dagegen erschienen mir die sonst alles entscheidenden Asse nun kümmerlich, bloße Punkte in einer Wüste von Weiß. Welche Schicksale auf dieser Welt würde genau dieser Bogen aus strapazierfähigem Karton irgendwann wohl entscheiden?

Würde er mich eines Tages irgendwo einholen – vielleicht meine Hypothek abbezahlen, mich die Weltmeisterschaft im Poker gewinnen oder kriminell werden lassen? Von diesem Bogen ging eine derartige Aura der Gefahr aus, die so gar nicht zu seiner ruhigen, zweidimensionalen Schönheit passen wollte, dass in mir ein absurder Beschützerinstinkt gegenüber seinen potenziellen Opfern (mich selbst eingeschlossen) aufkam. Also rollte ich ihn ein, um ihn nach Hause mitzunehmen und einzurahmen, bevor er ernsthaft Schaden anrichten konnte. Die Karte, die mich vor allen anderen hierher gelockt hatte, besitzt einen ganz besonders üblen Ruf: Das Pik-Ass gilt im gesamten Fernen Osten als Karte des Todes. 1 966 produzierte die US Playing Card Company mehrere Millionen dieser Karten als Geheimwaffe für die amerikanischen Truppen in Vietnam. Auf Anforderung der US-Regierung und Vorschlag zweier Offiziere der C-Kompanie, Zweites Bataillon, 35. Regiment, 25. Infanteriedivision, wurden ganze Stapel mit Pik-Assen in schlichte weiße Schachteln verpackt und an die Front geflogen, wo sie in den Reihen des Vietcong offenbar Angst und Schrecken verbreiteten.

Die Asse des Bicycle-Kartendecks waren besonders begehrt, da sie in ihrer Mitte das Bildnis der von Thomas Crawford 1 865 entworfenen Freiheitsstatue für die Kuppel des Kapitols trugen. Offensichtlich galten Frauen für den Vietcong ebenfalls als Symbole des Bösen. Im Zweiten Weltkrieg belieferte die Firma das Militär mit speziellen Kartensets für die Identifizierung von Flugzeugen und Schiffen sowie mit Überlebenskarten, auf denen giftige Pflanzen, Insekten und Reptilien aufgeführt waren. Der amerikanische Geheimdienst Office of Strategie Services, ein Vorläufer der CIA, wurde mit besonders einfallsreichen Kartendecks beliefert: Darin waren laminierte Landkarten von Deutschland eingenäht, um Kriegsgefangene bei Fluchtversuchen zu unterstützen.

Zu den Sonderanfragen gehörten in der Folge feuerfeste Spielkarten für die Astronauten von Apollo 14 im Skylab-Raumlabor. Im Privatarchiv der Firma zeigte man mir Kartensets, die eigens für Poker spielende Prominente angefertigt worden waren, von Präsident Eisenhower bis Howard Hughes. Am wertvollsten und begehrtesten ist eine limitierte, für Hugh Hefner produzierte Ausgabe. Dieses Deck hätte den Vietcong mit Sicherheit in Angst und Schrecken versetzt – schließlich ist jede Karte mit einem anderen Playboy-Playmate verziert, und zwar in einer Pose, die ahnen lässt, dass die Dame kurz zuvor beim Strip-Poker verloren hat.

Die hier in Norwood, einer Vorstadt von Cincinnati, seit 1 867 hergestellten Spielkartensets – insbesondere das Bicycle und sein exklusiver hausinterner Konkurrent, das Bee – werden heute in 90 Prozent aller Spielcasinos der Erde verwendet. Bereits 1 889, also vor über hundert Jahren, stellten rund 630 Angestellte in dieser Fabrik Tag für Tag 30 000 Kartenspiele her. Die ersten Bicycle-Karten datieren von 1 885; damals stellte das gerade erfundene Fahrrad den Gipfel technologischer Errungenschaften dar, für die die Amerikaner 20 Millionen Dollar im Jahr
ausgaben – und das zu einer Zeit, in der ein Ei einen Cent kostete. In seinen ersten hundert Lebensjahren hat das vertraute Rot beziehungsweise Blau der Rückseite, auf der Amor auf einem Fahrrad zu sehen ist, vierundachtzig verschiedene Entwürfe durchlaufen, um mit Entwicklungen wie dem Untergang des Hochrads sowie der Geburt des Motorrads Schritt zu halten. Insgesamt jedoch ist die US Playing Card Company damit auf ein ideales Industrieprodukt gestoßen: Während die Verkaufszahlen beständig steigen, widersetzt sich der Endverbraucher jeglichen Veränderungen.

Pokerspieler und Bridgespieler (die bevorzugt mit dem
Cincinnati’s-Congress-Entwurf spielen) sind sich in ihrer Abscheu gegenüber neumodischen Kartenspielen ausnahmsweise einmal einig. Das Pik-Ass spielt aber noch in anderer Hinsicht eine zentrale Rolle: Es verrät dem Kenner den Hersteller und die Seriennummer des Entwurfs. Jahrelang haben mir persönlich bekannte Pokerspieler den Verdacht gehegt, die Nummer 808 auf dem Pik-Ass der USPCC müsse eine Art magische Bedeutung haben. Heute könnte ich ihnen verraten, dass es sich lediglich um die Seriennummer des Bicycle-Entwurfs handelt. Da die Chinesen das Papier erfunden haben, schreibt man ihnen fälschlicherweise auch die Erfindung der Spielkarten zu. Tatsächlich aber geht deren Einteilung in die heute üblichen Kartenwerte und Symbole auf das Europa des 15. Jahrhunderts zurück.

Noch vor der Erfindung des Buchdrucks stellten die Italiener handbemalte Kartenspiele mit achtundsiebzig Tarotkarten her, zu denen die Bildkarten König, Dame, Ritter zu Pferde und Page zählten. Die Deutschen erzeugten als Erste Spielkarten in Massenproduktion, wobei sie die italienischen Farbwerte der Schwerter, Stäbe, Kelche und Münzen in Blätter, Eichel, Schellen und Herzen umwandelten. Später rangierten die Franzosen die zweiundzwanzig Trümpfe des Tarot aus und reduzierten das Kartenspiel auf zweiundfünfzig Karten, wobei sie Ritter und Pagen zu einem Buben zusammenfügten und die Farbwerte Herz, Karo, Kreuz und Pik einführten. Im Mittelalter spiegelten diese Farben die damaligen gesellschaftlichen Strukturen wider: Herz (Becher oder Kelch) stand für die Kirche, Pik (oder Schwert) für das Militär, Karo (Münze) für den Kaufmannsstand und Kreuz (Stäbe) für die Landwirtschaft und den Bauernstand.

Die Franzosen waren auch die Ersten, die Bildkarten eine Bedeutung zuordneten und mit den entsprechenden Namen bedruckten. So standen beispielsweise die vier Könige für die vier Zivilisationen, aus denen die westliche Kultur hervorging: Hebräer, Heiliges Römisches Reich, Römer und Griechen. Die im Mittelalter zur Darstellung dieser vier Welten gewählten Abbildungen sind bis heute auf allen üblichen Spielkarten gültig. Der Pik-König ist der biblische König David; er trägt das Schwert seines bekanntesten Opfers, nämlich Goliath (dazu auf französischen Blättern, als Autor der Psalme, eine Harfe). Der Herz-König (mit einem Schwert in der Hand) ist Karl der Große. Der Karo- König (mit einer Streitaxt) ist Julius Caesar, in der Seitenansicht, da Profile auf Münzen die einzig erhalten gebliebenen zeitgenössischen Abbildungen darstellten.

Der Kreuz-König ist Alexander der Große (mit einem Reichsapfel als Symbol für die Welt, die er eroberte). Die Pik-Dame – übrigens die einzige Dame mit einer Waffe – ist Pallas Athene, die griechische Göttin der Weisheit und des Krieges. Die Herz-Dame ist Judith von Bayern, Schwiegertochter Karls des Großen, Frau seines Sohns Pippin. Die Karo-Dame ist Rachel, die Frau Jakobs, Vater jener zwölf Söhne, welche die Stämme Israels begründeten. Die Kreuz-Dame ist Argine, mutmaßlich ein römisches Anagramm für das lateinische Wort regina, also Königin. Der Pik-Bube, im Profil mit einer Lanze dargestellt, ist Ogier der Däne, ein Ritter Karls des Großen.

Der Herz-Bube (mit einer Streitaxt, die von faces, also Gesichtern, umgeben wird – ein Symbol der Autorität, wie das lateinische fasces, von dem sich das Wort Faschist ableitet) ist La Hire, dessen richtiger Name Etienne de Vignolles lautete, ein Ritter am Hof von Karl VII. Der Kreuz-Bube ist Lancelot, Erster Ritter an König Artus’ Tafelrunde. Der Karo-Bube (mit einer Waffe, die man meist als Walisische Streitaxt bezeichnete) wurde ursprünglich als der trojanische Held Hektor angesehen, spätere Quellen bestimmen ihn jedoch als Roland. Die ursprünglich in einer Epoche kühner Ritter und primitiver Druckpressen entstandenen Holzschnittbilder besaßen eine starke, dynamische Ausstrahlung und präsentierten stolz eine Reihe von Volkshelden – ein Charakteristikum, das Bildkarten bis heute kennzeichnet.

Und nachdem die Karten in der Tudor- zeit von Soldaten aus Frankreich nach England gebracht worden waren, übernahmen sie auch Stil und Moden der Rosenkriege. Die Könige, mit denen wir heute spielen, sind nach wie vor im Stil von Heinrich VIII. gekleidet, und die Königinnen (Damen) folgen dem Stil seiner Mutter, Elizabeth von York. Die zweifarbigen Rosen in der Hand der Damen symbolisieren das Ende des Kriegs zwischen den weißen und den roten Rosen beziehungsweise zwischen den Häusern York und Lancaster. Die Buben sind gekleidet wie der Knappe in Chaucers Canterbury Tales.

Gleich neben der Fabrik in Cincinnati liegt das Museum der US Playing Card Company, in dem eine Dauerausstellung die Geschichte der Spielkarten über einen Zeitraum von mehr als sechshundert Jahren lebendig werden lässt. Hier findet man Karten aus diversen Epochen, die an ihren Einsatz als Propagandawaffen bei zahlreichen Streitereien und Auseinandersetzungen erinnern. Ein englisches Spiel zeigt beispielsweise die führenden Figuren der Papisten-Verschwörung von 1 678, ein weiteres die Protagonisten der Monmouth-Rebellion von 1 685. Andere repräsentieren die im Laufe der Jahre erfolgten Versuche republikanischer und revolutionärer Kreise, die königliche Komponente der Spielkarten zu beseitigen.

Doch nicht einmal die aus der Französischen und Amerikanischen Revolution stammenden Karten fanden allgemeinen Anklang. Der Beginn der Neuzeit wird von den Ziegenlederkarten der Apachen gekennzeichnet. Die primitiven Zeichnungen weisen die gleiche Struktur von Farben und Werten auf wie ein heutiges Kartendeck. Im frühen 19. Jahrhundert schließlich kommen doppelköpfige Karten auf, die oben wie unten das gleiche Bild aufweisen. Es folgen erste Experimente mit Karteikarten: Miniaturkarten in den Ecken, mit umlaufenden Ziffern und Farben an den Rändern. Sie riefen damals höchst kontroverse Reaktionen hervor, bis sie schließlich von den heute selbstverständlich erscheinenden, numerischen Kennziffern abgelöst wurden.

Das Museum hat darüber hinaus die weltweit einzige Poker-bibliothek aufzuweisen. Besucher können in einer großen Palette von Handbüchern aus dem 19. und 20. Jahrhundert stöbern. Besonders berühmt ist ein Original des ersten Buches zur Festlegung der Pokerregeln, verfasst 1 871 von Robert C. Schenk, dem damaligen amerikanischen Botschafter in England – angeblich auf Bitten von Königin Victoria, der er das Spiel vorgestellt hatte. Daneben findet sich hier aber auch die Erstausgabe eines Werks aus dem späten 19. Jahrhundert mit dem Titel What I Know About Poker, verfasst von einem gewissen Richard Carle: Das Buch besteht aus zwölf Seiten, die allesamt unbeschrieben sind. Ebenso gefiel mir der Titel eines Bands aus dem Jahre
1 887 namens Poker: How to Play It, by One of lts Victims. Darin wurden all meine Bemühungen übertroffen, Shakespeare mit einer gequälten Parodie von Hamlets berühmtem Dilemma an den Kartentisch zu bemühen:

Ziehn oder Nichtziehn, das ist hier die Frage: Ob’s sicherer im Spiel, das schrecklich Bangen auf einen Straight zu erdulden oder standhaft zu bleiben und alles bis zum Limit zu erhöh’n, und so, durch Bluffen, ans Ziel zu kommen. Ziehn – nicht weiter ziehn! – und durch das Ziehn ein Full oder zwei Paare zu erlangen, zwei große fette Könige, die unsers Glückes Erbteil – ’s ist ein Ziel, auf’s innigste zu wünschen. Ziehn, nichtziehn: Nichtziehn! Vielleicht auch pleitegehen! Ja, da liegt’s: Was nach dem Nehmen dreier Karten kommen mag, wenn wir dies ungewisse Deck gemischt haben, das zwingt uns stillzustehen. Das ist die Rücksicht, die Elend lässt zu einem Flushansatz kommen.

Denn wer ertrüg den überwältigenden Blind, der Blindverdoppelung Druck, des Wartens bange Spannung, den Übermut perfekter Blätter und die Last, die die Geduld vom Bluffenden verlangt, wenn er sich selbst in Ruh’stand setzen könnte Mit schlichtem Passen bloß? Wer hielte den Einsatz Und schiede aus bei einer kleinen, fortlaufenden Erhöhung? Nur dass die Furcht vor etwas nach dem Schieben, Das unentdeckte Ass-Full-House, vor dessen Macht solch Hände sich beugen müssen, den Willen irrt, Dass wir die Chips, die wir haben, lieber behalten, als Neugier zu unbekannten Händen zeigen! So macht das Bluffen feige uns alle; Die angeborene Farbe eines Flushs mit viermal Herz Wird durch ein dunkles und gemeines Kreuz getrübt; Und Spekulanten auf des Jackpots Reichtum, Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, Verlieren so das Recht zu eröffnen.

New York war schlimmer denn je. Für mich sind die Zeiten lange vorbei, als mir alle Winkel und Ecken der Stadt Nervenkitzel versprachen; inzwischen empfinde ich es nur noch als Ausgeburt der Hölle, voller Lärm, Ärger und Unhöflichkeit. Jahrelang war mir jeder Vorwand recht, die Stadt zu besuchen; heute will ich in New York nur noch meine Geschäfte erledigen, meine Freunde besuchen und dann so schnell wie möglich wieder verschwinden. Im konkreten Falle bedeutete das: Mir blieben genau sechsunddreißig Stunden, um einige Mittag- und Abendessen hinter mich zu bringen, mich mit der Puppe zu treffen und das Spiel-kapital aufzustocken. Nachdem ich 10 000 Dollar als Kaution im Horseshoe hinterlassen und etwas mehr als 1 000 Dollar für die Reise hierhin ausgegeben hatte, blieben mir nur noch 9 500 Dollar auf meinem Kreuzfahrtkonto, was mir bei weitem nicht genug erschien.

Schließlich war ich inzwischen an fünfstellige Umsätze gewöhnt – damit war ich zum ersten Mal seit Beginn meiner Karriere als Pokerprofi gezwungen, nebenher in meinem alten Beruf zu arbeiten. Der Chefredakteur des Magazins Conde Nast Traveler, derselbe Harold Evans, der auch bei der Times in London mein Boss gewesen war, zeigte sich verhalten empfänglich für die Idee eines Artikels über die Pokerkreuzfahrt. Im Verlauf eines stilvollen Abendessens a deux, serviert in meiner Suite im Grand Bay Hotel, machte ich ihm den Mund wässrig mit der Aussicht auf ein paar Schiffbrüchige noch vor dem Verlassen der amerikanischen Gewässer. Alles schön und gut, aber was sollte der Spaß kosten? Na ja, die private Luxuskabine, die ich bereits gebucht hatte, belief sich auf 3 500 Dollar inklusive Hin- und Rückflug nach Miami. Vor diesem Hintergrund schien mir sein Angebot von 4 500 Dollar, bestehend aus 2 500 Dollar Spesen plus einem Honorar von 2 000 Dollar für den Artikel, überaus vernünftig. Nur eine Kleinigkeit noch: Könnte ich die Summe wohl im Voraus bekommen? In bar? Morgen früh?

Kein Problem, sagte er mit nachsichtigem Lächeln und ließ mir meine unprofessionelle Chuzpe durchgehen, mit der ich das Honorar im Voraus verlangte. Jetzt standen nur noch die Unwägbarkeiten des amerikanischen Bankensystems zwischen mir und meinem Topf voll Gold. Am nächsten Morgen fand ich mich im Büro des Traveler an der Madison Avenue ein und wedelte mit einem Auszahlungsformular herum, das der Chef persönlich unterzeichnet hatte. Ah, les Anglais, murmelte die Chefin vom Dienst, Leslie Smith, deren Aufgabe es war, Harrys Versprechen einzuhalten. Was um alles in der Welt mich denn glauben ließe, dass sie hier so viel Geld in bar aufbewahrten? Dies hier sei schließlich die Redaktion einer Zeitschrift und keine Wechselstube.

Auch wenn seine Hoffnungen noch so brutal enttäuscht werden – kein ordentlicher Zocker gibt ohne einen längeren Kampf auf. Mein Flug nach Miami ging an diesem Nachmittag, so dass ein erneuter Besuch beim Conde Nast Traveler am nächsten Tag nicht in Frage kam: Um diese Zeit wollte ich Kuba schon weit hinter mir gelassen haben. Es bedurfte einer Stunde schamlosen Flehens, garniert mit einer dicken, klebrigen Schicht englischen Charmes, damit Ms. Smith mir einen Scheck über die gesamte Summe zu Lasten ihres Privatkontos ausstellte, verbunden mit der schriftlichen Anweisung an ihre Bank, mir auf der Stelle Bargeld in die Hand zu drücken.

Ich hielt nur noch kurz inne, um sie die Schutzheilige aller Chefinnen vom Dienst zu nennen, dann war ich auch schon zur Tür hinaus und eilte die Straße hinunter zum Manufacturers’ Hanover Trust. Dort ließ man sich nicht so einfach überzeugen: Es brauchte eine weitere Stunde, in der man mich von Schalter zu Schalter verwies, sowie eine Reihe von Telefonaten mit Ms. Smith, in deren Verlauf sie den Beweis erbringen musste, im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte zu sein. Erst dann konnte ich die fünfundvierzig Hunderter einsacken, die Puppe aus ihrem Jetlag-Schlummer reißen und nach La Guardia schleppen, um wieder auf Reisen zu gehen.

Ein Gewittersturm von gewaltigen Ausmaßen begleitete uns auf dem Flug nach Süden und ließ den Atlantikhimmel wie ein riesiges Videospiel erscheinen – ein dramatisch schöner Übergang aus dem Land des Stoßens und Drängelns in die geriatrische Stille einer Kreuzfahrt. Doch kaum hatten wir in unserem Hotel am Hafen eingecheckt, als uns auch schon wieder jene surreale Welt einholte, die einzig und allein von Glücksspielern bevölkert wird. Am gleichen Abend hatte ein Stud-Spieler aus New Jersey beschlossen, das Mädchen zu heiraten, das ihn auf die Pokerkreuzfahrt begleitete. Die Feier fand genau zum Zeitpunkt unserer Ankunft im Hotelzimmer der beiden statt, wobei der Champagner von denselben Mitarbeitern des Zimmerservice serviert wurde, die auch als Trauzeugen fungierten.

Robin Powell, Präsident von Poker Cruises International, begleitete den Bräutigam zum Altar, während der Manager des Kartensaals, Bob Thompson vom Dunes, den Brautführer spielte. Die Flitterwochen würden die beiden am Pokertisch verbringen. Vierundzwanzig Stunden später, als die SS Norway aus dem Hafen von Miami auslief, dürfte auch dem Letzten an Bord klar geworden sein, dass es sich hier nicht um eine x-beliebige Kreuzfahrt handelte. Noch bevor das Schiff überhaupt den Anker gelichtet hatte, wurde die Checkers Cabaret Lounge in einen grellbunten Kartensaal im Vegas-Stil umgebaut und mit Dealern und Floormen aus den Casinos der Westküste besetzt – und sofort danach erschienen die ersten Edelzocker, um üppige Bargeldeinlagen vorzunehmen:

Ehe die Mitarbeiter des Zahlmeisters wussten, wie ihnen geschah, waren alle Safes des Schiffes belegt. Währenddessen ging die Begrüßungsparty an Bord gerade widerwillig in die obligatorische Rettungsübung über. Als die Passagiere der ersten Klasse, die in ihren unförmigen gelben Schwimmwesten aussahen wie gestrandete Wale, sich pflichtgetreu an der Reling versammelten, bewegten sich attraktive junge Damen mit Flugblättern durch ihre Reihen. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass es nicht um Verhaltensregeln für den Notfall ging, sondern um eine Einführung in das Regelwerk des Pokerspiels.

Diese über jeden Verdacht erhabenen Urlauber waren der Köder, mit dem die
Pokerkreuzfahrt-Veranstalter die Edelzocker an Bord gelockt hatten. Bald steckten Zettel unter allen Kabinentüren der Luxusklasse, auf denen KOSTENLOSE POKERSTUNDEN in der Checkers Cabaret Lounge angeboten wurden. Nur nicht schüchtern!, hieß es. Spielen Sie mit und versuchen Sie Ihr Glück … Unter den 2 000 Passagieren an Bord der SS Norway – einst-mals die SS France und nach wie vor das größte Kreuzfahrtschiff der sieben Weltmeere – befanden sich weit über hundert typische Mitglieder der Pokergemeinde von Kalifornien bis New Jersey, von Nevada bis Florida.

Nach vierundzwanzig vergeudeten Anreisestunden saßen sie am gleichen Abend, noch bevor das Gepäck in ihren Kabinen eingetroffen war, allesamt auf ihren Plätzen und warteten auf den ersten Grundeinsatz. Als die gesetzlich vorgeschriebene Wartezeit von einer halben Stunde nach dem Ablegen vorüber war, begann sofort an sechs Tischen das Spiel – von $ 1/$ 2/$ 5-Stud-Poker bis zu einer $ 50/$ 100- Hold’em-Partie. Das Ganze kam zwar nicht ganz an Nathan Detroits wanderndes Würfelspiel heran, war aber fast ebenso gut. Das Klappern der Chips und die Rufe Erhöhe, Passe und Paar auf dem Board wetteiferten mit dem Dröhnen der Schiffsmotoren, während draußen die Dunkelheit einsetzte und die Norway kaum wahrnehmbar auf das offene Meer hinausfuhr.

Paare in den zweiten Flitterwochen, religiöse Pauschaltouristen, feine Leute im Smoking sowie Zwischendeckpassagiere schauten ehrfürchtig zu, wie die Edelzocker beiläufig um Pötte kämpften, die doppelt so hoch waren wie der Preis für eine Kabine in der ersten Klasse. Die Spieler auf den Flussschiffen des Mississippi hätten ihre Freude daran gehabt. Profis und Amateure fühlten sich bald so sehr zu Hause und waren so gefangen vom Spiel, dass diesem einsamen Londoner wiederholt die Frage Sind Sie von hier? gestellt wurde. Ich hörte sie sogar noch, als wir uns bereits im Bermuda-Dreieck befanden. Diese Kartenhaie schenkten ihrer Umgebung so wenig Beachtung, dass die Kreuzfahrt genauso gut nach Staten Island hätte gehen können statt nach St. Maarten.

Als es an diesem ersten Abend Zeit zum Essen war – eine Pause, die die meisten Spieler schon jetzt nur widerwillig akzeptierten -, fanden die Puppe und ich uns zu unserer Überraschung am besten Tisch der Pokerkreuzfahrt wieder, gemeinsam mit Robin Powell und seiner Frau Janis, Eric Drache, einigen gut aussehenden weiblichen Angestellten des Kartensaals sowie einer Reihe freundlicher Millionäre samt Gattinnen. Heute Abend gingen die Drinks aufs Haus. Powell war ein in Rhodesien geborener, damals 36-jähriger Engländer, der lange Lehr- und Wanderjahre in der Welt des Glücksspiels hinter sich hatte: Er arbeitete in Casinos von Afrika bis Australien, von London bis Monte Carlo und von Spanien bis auf den Bahamas. Inzwischen kümmerte er sich als Floorman des Golden Nugget in Las Vegas um die exklusiven Bakkarat-Tische des Hauses.

Als sein Freund Bob Thompson aus dem Dunes irgendwann mit der Idee einer Pokerkreuzfahrt kam, nahmen Powell und seine Frau ihn beim Wort – und ließen sich damit auf das Spiel ihres Lebens ein. Dies hier war bereits die dritte Kreuzfahrt, die sie organisierten, und es versprach die erste zu werden, die Gewinn abwarf. Für die Zukunft waren Pokerkreuzfahrten von Kalifornien aus geplant, die nach Norden in Richtung Alaska und nach Süden in Richtung Mexiko führen sollten. Powells wahres Ziel war jedoch ein eigenes Kreuzfahrtschiff. Bis dahin lautete sein maritimes Motto: Oh wie schön, ich glaube, es regnet bald. Entschuldigen Sie mich, ich muss noch ein paar Tische organisieren.

Zwar war das Allerweltsessen auf der Norway kaum genießbar, doch dafür floss der Dom Perignon mitten auf dem mond-hellen Ozean in Strömen. Gegen Mitternacht, bei meiner Rückkehr an die Tische, war es mir wie durch eine Art Osmose gelungen, meinen Las-Vegas-Ankunftszustand zu erreichen – erschöpft, angetrunken und ganz wild auf Action. In der Checkers Cabaret Lounge spielten die Profis abwechselnd Stud und Hold’em um astronomische Beträge; bereits jetzt gab es nicht mehr genug Chips an Bord, um der Summen Herr zu werden, so dass man sich mit mentalen Schuldscheinen behalf, die später an Land beglichen werden sollten. Zwischen dieser und der nächstkleineren Partie klaffte eine gewaltige
Lücke – ein $ 10/$ 20-Hold’em-Tisch war selbst nach meinen aktuellen Maßstäben Kinderkram, aber besser als nichts.

Erfreut über ihren Amateurstatus warfen meine neuen Millionärsfreunde mit ihrem Geld nur so um sich, so dass ich mir bereitwillig den letzten freien Platz schnappte. Drei Stunden später, nach einem sagenhaften Lauf an Blättern im richtigen Moment, lag ich mit erstaunlichen 1 700 Dollar im Plus. Die Millionäre waren sternhagelvoll zu Bett gegangen, und nun spielte ich allein gegen eine der weitbesten Spielerinnen, nämlich Barbara Enright. Man muss keinen übermäßigen feministischen Eifer an den Tag legen, um größten Respekt für Barbaras Fähigkeiten aufzubringen; doch mein Glück hielt an, und ich gewann Hand um Hand. Während sie einen Geldschein nach dem anderen aus ihrer Handtasche holte, spielte Barbara mit liebenswürdigem, wissendem Lächeln weiter, im unausgesprochenen gegenseitigen Einverständnis, dass es so ja wohl nicht weitergehen konnte.

Dabei war es nicht so, als hätte ich die Gewinnchancen nicht beachtet – sie schienen sich eher zu meinem Vorteil zu verändern. Zehn Hundertdollar-Scheine später war auch Barbara davon überzeugt, dass ich in letzter Zeit immer sauber geblieben sein musste. Als ich schließlich gegen 6.00 Uhr ins Bett ging, entspannte acht Stunden vor Beginn meines ersten Pokerturniers auf See, betrug mein Gewinn für den ersten Abend 2 700 Dollar. Zuvor galt es jedoch, noch eine größere mathematische Herausforderung zu meistern. Berechnungen dieser Größenordnung erfordern frische Luft; also drehte ich eine Runde über das dunkle, menschenleere Deck und ließ mir die Zahlen noch einmal durch den müden Kopf gehen.

Ich hatte 10 000 Dollar im Horseshoe gelassen und war mit 9 500 Dollar in der Tasche in New York angekommen, um dort dank des Auftrags von Conde Nast einen imaginären Gewinn von tausend Dollar einzustreichen (falls ich den Artikel gewissermaßen kostenlos schrieb). Abzüglich der 700 Dollar in bar für das Hotel in New York stockte der heutige Gewinn von 2 700 Dollar meine gesamten Gewinne auf 22 500 Dollar auf. Die rund 2 000 Dollar, die ich British Airways schuldete, ließ ich für den Augenblick außer Acht – dank der wunderbaren Welt des Plastikgelds musste ich mich darum im Augenblick nicht kümmern, sondern konnte den Moment genießen. Denn im Grunde zählte nur eines: Ich hatte alle Ausgaben bis zum heutigen Tag beglichen, und mein Spielkapital war immer noch im Plus.

Dieser Erkenntnis schloss sich der süßeste Schlaf an, den ich das ganze Jahr über gehabt hatte – so süß, dass ich das Frühstück verpasste, obwohl ich dafür bezahlt hatte. So also leben die Reichen, schmeichelte ich mir am nächsten Morgen. Und dann stellte ich fest, dass ich nicht der einzige Pokerkreuzfahrer war, der seinen Festschmaus versäumt hatte – allen war es so gegangen. Während der Tag über der Checkers Cabaret Lounge anbrach, in der sich die Nachtschwärmer noch immer gebratenes Huhn aus Pappschachteln schmecken ließen, wurde deutlich, dass Norwegian Cruise Lines all das hier nicht gewohnt war.

Da der im Voraus zu entrichtende Fahrpreis sämtliche Mahlzeiten an Bord enthielt, war es anscheinend noch nie vorgekommen, dass ein Tisch für zehn Personen während beider Frühstücksperioden vollkommen unbesetzt blieb. Die Menge an Flyern, die unter unseren Kabinentüren hindurchquollen und uns VIEL VERGNÜGEN!!!

versprachen – wobei die Auswahl zwischen dem Amateur-Talentwettbewerb, den Vorläufen zu den Olympischen Schwimmwettkämpfen und dem
Wer-wird-Millionär- Quiz auf dem Dolphin Deck ziemlich schwerfiel -, brachte den Papierkorb täglich zweimal zum Überquellen. Und da auch das Mittagessen im Herzen des Leeward Dining Room nicht wirklich überzeugen konnte, trafen sich die meisten von uns zu einem Brunch im Freien an der Lido Bar.

Angeblich war es das erste Mal in der Geschichte des Zimmerservices auf offener See, dass rund um die Uhr Sandwichs und gebratenes Huhn in die Checkers Cabaret Lounge geliefert werden mussten. Ebenso wenig waren die Kellner auf der Norway daran gewöhnt, für ein einziges Glas Mineralwasser 50 Dollar Trinkgeld zu erhalten. Innerhalb der Crew sprach sich natürlich schnell herum, dass der Pokersaal der beste Platz auf dem ganzen Schiff war. Selbst der Kapitän schaute von Zeit zu Zeit dort vorbei, da er den Berichten, die die Brücke erreichten, offenbar keinen Glauben schenkte. Erst als jemand rief: Hey Skipper, steigst du mit ein?, wurden seine Besuche seltener.

Nachdem am Morgen an Deck Tontaubenschießen und Wurfringspiele stattgefunden hatten, gönnten sich die regulären Passagiere ein herzhaftes Mittagessen. Dann legten neunundzwanzig verschlafene Kleingeldzocker jeweils 350 Dollar auf den Tisch, um bei Bob Thompsons Seven-Card-Stud-Turnier dabei zu sein. Abzüglich des Rake, des Anteils für die Organisatoren von 50 Dollar pro Spieler, ergab das ein Preisgeld von insgesamt 8 700 Dollar – nicht genug, um das Interesse der großen Fische drüben am $ 50/$ 100-Tisch zu wecken, wo es bei jeder Hand um einen Pot von ähnlicher Größenordnung ging. Allem Anschein nach waren die meisten von ihnen seit gestern Abend nicht vom Tisch aufgestanden; einige erschöpfte Dealer in einer Ecke zeugten von der Ausdauer dieser Nachteulen.