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Die Geschichte eines Zockers in Poker Europa Teil I – erfahren Sie mehr

Es ist ein wundervoller Sommerabend Anfang der siebziger Jahre in den Seitenstraßen von Salzburg, der Stadt Mozarts und der Festspiele. Zwei junge Engländer, die mit Jackett und Krawatte eigentlich einen ganz passablen Eindruck machen, sprechen Passanten an und bieten ihnen einen hohen Betrag in bar für ihre Schuhe. Über eine Stunde lang holen sie sich eine schroffe Abfuhr nach der anderen. Schließlich bedrängen sie mit gierigen Augen einen erstaunten Inder, unter dessen Shorts, Khakihemd und Tourenrucksack die elegantesten, glänzendsten braunen Budapester hervorlugen, die die beiden jungen Engländer je gesehen haben.

Einer von ihnen (der mit dem Bart) zieht seine Sandalen aus und preist dem verwirrten Weltenbummler diese robuste deutsche Wertarbeit an. Nach einem erregten Wortwechsel, geprägt von vielerlei ungläubigen Gesten des Inders, verschwindet das seltsame Trio in einer benachbarten Jugendherberge. Wenige Minuten später tauchen die beiden Engländer gehetzt wieder auf; der mit dem Bart trägt nun die Budapester. Der Inder starrt ihnen unglücklich hinterher und wirft dann einen Blick auf die deutschen Sandalen an seinen Füßen, während die beiden in Richtung des Salzburger Casinos verschwinden.

Und genau so hat es sich abgespielt. Während ich mit meinem Freund John David Morley, damals arbeitsloser Landsmann im Ausland, heute ein bekannter Romanautor, den Sommer in Österreich verbrachte, entdeckte ich im schicken Casino von Kitzbühel den süchtig machenden Kitzel des Roulettespiels. Morley und ich traten als Team auf, setzten dabei unterschiedliche, doch kompatible Systeme ein und fuhren einen – für unsere damaligen Verhältnisse – satten Gewinn von etwa 300 Pfund ein. Am nächsten Tag wurden wir von befreundeten Musikliebhabern zu einem Ausflug nach Salzburg gedrängt. Also steckten wir notgedrungen unseren Gewinn ein, beschlossen, Mozart Mozart sein zu lassen und fanden uns stattdessen pünktlich zur Öffnung des dortigen Casinos ein, einer der eindrucksvollsten Spielbanken Europas.

Während wir das verzierte, von Kronleuchtern erhellte Treppenhaus hinaufgingen, machten wir uns auf die üblichen verächtlichen Blicke gefasst. Obwohl wir, wie vorgeschrieben, Jackett und Krawatte trugen und ordnungsgemäß mit unseren Reisepässen bewaffnet waren, wirkten wir einfach wie zwei Studenten – was wir kurz zuvor ja auch noch gewesen waren. Unser Haar war nicht so sorgfältig gepflegt, wie man es in derlei Etablissements gerne sah; Ausnahmen wurden nur für die Häupter bekannter Stars von Bühne, Leinwand oder Hitparade gemacht. Den Haushofmeistern dieser Spielstätten sind in der Regel aalglatte Edelzocker lieber.

Während wir das Treppenhaus hinaufgingen, ließ uns einer der Angestellten nicht aus den Augen, mit bösem Blick bemüht, in unserer abgetragenen Touristenkluft eine Schwachstelle zu entdecken. Als wir ihm selbstgefällig unsere Reisepässe vorlegten, suchten seine Augen fieberhaft nach item Grund, uns den Einlass zu verwehren. Schließlich beugte sich über seinen Schreibtisch, schaute auf unsere Füße hinunter und entdeckte Morleys Sandalen. Triumphierend erklärte er diese Art von Fußbekleidung für verboten und wies uns Ute Treppe hinunter. Obwohl mein Partner die hier gesprochene deutsche Mundart beherrschte, waren seine lang anhaltenden und vehementen Proteste völlig umsonst.

Uns blieben noch fünf Minuten, bis die Geschäfte schlossen, und wir hatten den österreichischen Gegenwert von 300 Pfund Sterling in der Tasche. Also rannten wir die Treppe hinab und die Straße entlang und erreichten just in dem Augenblick das nächste Schuhgeschäft, als dieses seine Türen verriegelte. Egal, wie heftig wir an die Schaufenster klopften und mit Geldscheinen herumwedelten – man ließ sich nicht erweichen, uns noch einmal aufzumachen. Irgendwann sahen wir ein, dass uns nur noch eine einzige Möglichkeit blieb: Wir mussten jemandem seine Schuhe abkaufen.
Bei all unserer Verzweiflung verspürten wir auch unschuldige Freude an unserer Entdeckung eines neuen Zweigs der Sozialanthropologie, der Menschen ausschließlich nach ihren Schuhen bewertete. Schicke Lederschuhe mit Schnürsenkeln reagierten in der Regel entrüstet und drohten uns teilweise sogar mit der Polizei.

Slipper waren freundlicher: Sie hörten sich erst die genauen Konditionen unseres Angebots an, bevor sie uns für verrückt erklärten. Stiefel lagen außerhalb unserer finanziellen Mittel, und Sandalen oder Trainingsschuhe kamen natürlich nicht in Betracht. Fast hätten spitze Schuhe das Rennen gemacht: Während ihr Besitzer sich im Hauseingang einer zwielichtigen Absteige in den Zähnen herumstocherte, ließ er uns ausdruckslos ausreden, ehe er müde den Kopf schüttelte und uns zu verstehen gab, wir sollten uns verkrümeln. In diesem Augenblick kam jener großartige Inder, beziehungsweise seine großartigen Schuhe, um die Ecke, wie ein Komparse in einem Film in der Wüste Nevadas. Inzwischen blieb uns keine Zeit mehr für den Austausch von Höflichkeiten: Brüsk bedeuteten wir dem Mann, er solle seine Budapester aus- ziehen und das Geld in Empfang nehmen.

Zusätzlich zahlten wir ihm sogar eine Übernachtung in der Jugendherberge; daher der kleine Umweg. Als wir erneut die Treppen des Casinos hinaufstiegen, beugte sich derselbe Haushofmeister über denselben Schreibtisch und musterte uns erneut von Kopf bis Fuß. Dieses Mal fand er jedoch keinen Vorwand, uns den Eintritt zu verwehren. Und natürlich verloren wir nach einigen Anfangserfolgen bis auf den letzten Groschen alles, was wir besaßen. Seltsamerweise zeigte sich die Casinoleitung nicht gewillt, uns die Schuhe des Inders auf Impair oder Rouge setzen zu lassen – zum Glück, denn beim nächsten Spiel landete die Kugel auf Pair und Noir.

Pleite, aber zufrieden machten wir uns auf den Heimweg nach Kitzbühel. Morley redete sich sogar ein, die indischen Budapester (die wir in der Folge Jahr für Jahr abwechselnd tragen sollten) seien ihren Preis mehr als wert gewesen. Nach unseren Maßstäben hatten wir alles riskiert und waren dabei vor nichts zurückgeschreckt – und der Verlust unseres gesamten weltlichen Besitzes schien ein geringer Preis für ein derart beflügelndes Abenteuer zu sein. Mit anderen Worten: Wir waren beide klinische Archetypen des zwanghaften Glücksspielers. Den Verlust unseres gesamten Bargelds empfanden wir als erregende Bestätigung für die Größe des von uns eingegangenen Risikos – ein Gefühl, das sich ebenso großartig anfühlte wie das Gewinnen. Auf dem Weg nach Salzburg hatte ich Morley einen Brief empfohlen, den Dostojewski 1 863 seiner Schwägerin schrieb. Darin bat er sie, seiner Frau etwas von dem Geld weiterzuleiten, das er auf seiner Reise nach Paris bei einem Aufenthalt in Wiesbaden gewonnen hatte:

Bitte glauben Sie nicht, ich sei, da ich nicht verloren habe, nun so zufrieden mit mir selbst, dass ich prahlerisch behaupten wolle, das Geheimnis des Verlierens und Gewinnens zu kennen. Doch dieses Geheimnis ist mir tatsächlich bekannt; es ist schrecklich kindisch und einfach und besteht daraus, immer kühlen Kopf zu bewahren, ganz gleich, wie das Spiel steht, und niemals nervös zu werden. Das ist das ganze Geheimnis, und es macht Verlieren schlichtweg unmöglich und Gewinnen zur Gewissheit. Auf dem Nachhauseweg las ich ihm den nächsten Absatz vor:

Aber darum geht es gar nicht; vielmehr geht es darum, ob jemand, der das Geheimnis enträtselt hat, daraus Nutzen zu ziehen vermag. Ein Mann kann so weise sein wie König Salomon und einen eisernen Charakter haben und dennoch die Kontrolle über sich verlieren … Selig sind daher diejenigen, die nicht spielen und das Rouletterad voll Verachtung als größte aller Dummheiten betrachten.

Eine Woche später hatte auch Dostojewski alles verloren und schickte ein Telegramm nach Hause, in dem er dringend um Geld bat. Morley und ich stellten fest, Der Spieler sei vermutlich doch ein besserer Roman als ursprünglich angenommen. Wen scherte es da schon, dass er schludrig geschrieben, langatmig und verschachtelt war? Die Roulette-Passagen beschreiben überzeugend den Nervenkitzel des Lustprinzips, der sich hinter zwanghaftem Glücksspiel verbirgt – auch wenn es ihnen bezeichnenderweise nicht gelingt, diesen Kitzel rational zu erklären. Ohnehin hatte der alte Fjodor das ganze Buch in sechs Wochen heruntergehackt, um seine Spielschulden zu begleichen. Nun fühlten wir uns ihm ganz nah – nicht zuletzt deshalb, weil uns unsere eigene Torheit dazu zwang, mindestens ein halbes Jahr täglich irgendwelche Texte zu produzieren.

Bis zum Ende der siebziger Jahre stürzte ich mich in unregelmäßigen Abständen auf Roulette, Blackjack oder Pferderennen und verlor dabei beständig. Irgendwann kam ich dahinter, dass Poker die besseren Gewinnchancen bot und dass ich in der Regel auch mehr Nervenkitzel für mein Geld erhielt. Während meines ersten halben Jahres als professioneller Pokerspieler gab es allerdings Augenblicke, in denen sich der alte Glücksspieler in mir meldete. Ich hatte immer argumentiert, dass Poker kein Glücksspiel sei und dass das Glücksspiel nur als Spielstil etwas mit dem Pokern zu tun habe – als lockerer und äußerst verlust-reicher Pokerstil. Hatte ich meine eigene Warnung in den Wind geschlagen?

War dieser tölpelhafte Verlust am Ende meines vorweihnachtlichen Besuchs in Vegas ein Zeichen dafür, dass ich mich auf dem absteigenden Ast befand, dass ich nicht genug Selbstdisziplin aufbrachte, um mit meinem tiefen inneren Bedürfnis nach Action und ständig hohen Einsätzen am Spieltisch umzugehen? Oder stand ich schlichtweg neben mir? Alles, was man anerkanntermaßen über zwanghafte Glücksspieler weiß, beginnt mit Freuds 1 928 veröffentlichter Abhandlung Dostojewski und die Vatertötung. Nachdem er die Schuldgefühle des Schriftstellers im Hinblick auf die Ermordung seines Vaters besprochen hat und seiner Ödipustheorie gegenüberstellt (mit Bezügen zu König Ödipus von Sophokles, Shakespeares Hamlet und Dostojewskis Die Brüder Karamasow), tut Freud Dostojewkis Spielsucht als Ersatzhandlung für Masturbation ab.

Das Laster der Onanie ist durch das der Spielsucht ersetzt, die Betonung der leidenschaftlichen Tätigkeit der Hände ist für diese Ableitung verräterisch … Wirklich ist die Spielwut ein Äquivalent des alten Onaniezwanges.

Edmund Bergler, ein amerikanischer Freud-Schüler, entwickelte diese Vorstellung weiter, und zwar in einer einflussreichen Abhandlung namens Zur Psychologie des Hasardspielers, die erstmals 1 936 in der Zeitschrift Imago veröffentlicht wurde, nur acht Jahre nach Freuds Essay über Dostojewski. Der neurotische Glücksspieler, so führt Bergler aus, leidet unter unbewussten Schuldgefühlen wegen des Grolls, den er als Kind seinen Eltern gegenüber hegte – den ersten Menschen, die ihn das Gefühl der Zurückweisung spüren ließen, um so den instinktbedingten kindlichen Größenwahn zu brechen. Dieses Schuldgefühl bringt den Glücksspieler dazu, sich unbewusst zu bestrafen.

Obwohl er weiß, dass die Gewinnchancen gleich null sind, versucht er dennoch hartnäckig, der Wahrscheinlichkeit zu trotzen, als letztes verzweifeltes Flehen um Vergebung durch die Autoritäten (eines oder beider Elternteile). Selbst im Falle anfänglicher Gewinne gibt er sich erst dann zufrieden, wenn er verloren hat. Das Verlieren ist gleichbedeutend mit der Selbstbestrafung für sein kindliches Aufbegehren gegen die Autoritäten. Mit anderen Worten: Der zwanghafte Glücksspieler will verlieren. Ganz unverblümt führt Bergler aus: Glücksspiel ist kein Beruf. Es ist eine gefährliche Neurose. Verlieren sei zwingend erforderlich für das psychische Gleichgewicht [des Glücksspielers]. Es ist der Preis, den er für seine neurotische Aggression bezahlt, und es ermöglicht ihm gleichzeitig, mit dem Spielen fortzufahren.

Berglers Theorie erschien genau zur richtigen Zeit. Die amerikanische Boulevardpresse hatte derartige Freude an seiner Hauptthese – Jeder Spieler will unbewusst VERLIEREN! -, dass er sich genötigt sah, sie mit detaillierten klinischen Beweisen in einem Buch zu untermauern, das sogar noch größeren Einfluss erlangte: The Psychology of Gambling, veröffentlicht 1 957. Bergler zufolge lag das Grundproblem des Spielers in seinem psychischen Masochismus. Er fasste die Gefühlslage des zwanghaften (oder neurotischen) Glücksspielers wie folgt zusammen:

Zuerst unbewusste Aggression [gegen die Eltern], danach eine unbewusste Neigung zur Selbstbestrafung eben wegen dieser Aggression. Erkannt wird der Faktor der Selbstbestrafung, obwohl immer gegenwärtig, fast ausschließlich im Rahmen psychoanalytischer Behandlung. Das kindlich-unbewusste neurotische Missverständnis des ganzen Spielvorgangs setzt so einen unguten, endlosen Kreislauf in Gang. Daher die innere Notwendigkeit zu verlieren.

Obwohl fälschlicherweise häufig Freud zugeordnet, wurde Berglers Theorie im Lauf der Jahre so populär, dass man selbst in zahlreichen Casinos von London bis Las Vegas nervöse Witze darüber machte. Und deshalb war dies auch die erste These, die ich mit dem Seelenklempner ausdiskutieren wollte, der schon am Rand meines gegenwärtigen Bekanntenkreises auf mich lauerte. Unsere Söhne besuchten dieselbe Schule; wir waren uns bei diversen Abendessen gemeinsamer Freunde begegnet; er war in groben Umrissen über meine Profikarriere informiert und hatte sich auch schon ein Bild von meinem Charakter gemacht. Auch wenn man Psychoanalyse und gesellschaftlichen Umgang nicht vermischen sollte, war der Spieler in mir auf den Gedanken gekommen, ein gewisses Informationsplus, und sei es noch so oberflächlich, könnte Zeit und Geld sparen.

Vom Geklacker eines verräucherten Casinosaals zur klinischen Kargheit eines Krankenhaus-Sprechzimmers – das war nicht wirklich der Weg, den ich als angehender Pokerprofi ein- zuschlagen gedacht hatte. Die formelle, geschäftsmäßige Art, mit der mein Seelenklempner das Klemmbrett auf seinen Knien fixierte, jagte mir ziemliche Angst ein. Dies war nicht der freundliche Bursche, den ich schon seit unseren Sherry-Partys in der Schule kannte, sondern ein ernsthafter Fachmann, dessen wissender Blick und stummes Kopfnicken ihm sofort einen Vorteil verschafften. Ob er wirklich etwas über mich wusste, das mir nicht bekannt war? Und wenn ja, würde er es dann mit mir teilen, oder würden vorher die Männer in den weißen Kitteln kommen? Eigentlich hatte ich von ihm so etwas erwartet wie: Ihnen fehlt nichts, Mr. Holden. Wir haben doch alle unsere Bedürfnisse, unsere kleinen Stimmen. Das sind bloß Überdruckventile.“ Stattdessen schien er über einen Einweisungsbeschluss
nachzudenken.

Mein Ego und meine Sexualität, zwei meiner wichtigsten stutzen, an denen ich ziemlich hänge, waren offenbar beide gefährdet – zumindest so lange, bis wir drei uns einen Weg aus seinen Lehrbüchern freikämpfen konnten. Also beeilte ich mich zu Anfang unseres Gesprächs zu betonen, dass ich mich keinesfalls als zwanghaften Spieler betrachtete und dass daher die Freud- Bergler-These in meinem Fall nicht in Betracht komme. Korrekt gespielt, sei Poker das kontrollierteste aller Glücksspiele. Was hatte Freud überhaupt gemeint, als er eine Beziehung zwischen Spielsucht und Onanie herstellte? Bestimmt dachte der alte Knabe dabei an einen undefinierbaren Nervenkitzel, der der sexuellen Erregung entfernt verwandt war und für manche auf eine sexuelle Ersatzhandlung hinauslief?

Und musste Berglers These denn heutzutage nicht relativiert werden? Ich kannte zwar Leute, die seine Theorie gestützt hätten, weil das Verlieren sie in gewisser Weise läuterte, ja sogar befriedigte, doch ich selbst hatte diese Gefühlsregung noch nie verspürt und rechnete auch nicht damit, sie jemals zu spüren … Ah ja. Der erste Schritt des Seelenklempners bestand darin, meiner dahingefaselten Selbstrechtfertigung Einhalt zu gebieten. Er wollte damit beginnen (wie Freud es sich gewünscht hätte, vermutete ich finster), dass ich ihm etwas über meine Eltern erzählte. Also ging ich kurz die Höhepunkte meiner Kindheit durch: das Kartenspielen, das Pokerverbot, die Anmeldung im Internat als Achtjähriger, die Entfremdung von meinen Eltern während meiner Studentenzeit. Besonders beeindruckte den Seelenklempner dabei die Geschichte vom Unglück meines Vaters – nicht diejenige, dass er auf dem Heimweg aus dem Krieg 50 Pfund Sterling verspielt hatte, sondern die, dass ihm das ganze Leben ein beschissenes Blatt zugeteilt hatte.

Mein Vater wurde als zweiter Sohn eines Baumwollmillionärs aus Lancashire geboren: Sir John Holden, zweiter Baronet of The Firs. Er wuchs in einem Haus auf, das so groß war, dass es heute als Krankenhaus dient; das Frühstück wurde von Butlern auf Silbertabletts serviert. Der Vater meines Vaters war, wie sein Vater vor ihm, Bürgermeister von Leigh – der jüngste britische Bürgermeister aller Zeiten und der erste, den man in dieses Amt einlud, anstatt ihn zu wählen. Er galt in seiner Gegend als derartige Persönlichkeit, dass eine der wichtigsten Straßen der Stadt Leigh nach ihm benannt wurde, die heutige Holden Road. Nach seiner Ausbildung in einer Privatschule – dieselbe Schule, die schon sein Vater vor ihm besucht hatte (und die der Crony und ich nach ihm besuchten) – sollte mein Vater in das Familienunternehmen eintreten und sofort einen Traumjob an der Baumwollbörse von Manchester übernehmen.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg musste mein Großvater jedoch schwere Verluste am Aktienmarkt hinnehmen und starb mit siebenundvierzig an einem Herzinfarkt. Als sein Sohn aus dem Krieg nach Hause zurückkehrte – ohne einen Cent in der Tasche, dank des bereits erwähnten Pokerspiels -, kam der Familienbesitz mitsamt dem Haus unter den Hammer. Aus der Traum von der Baumwollbörse in Manchester, aus der Traum vom gut bezahlten Job im Familienunternehmen. Mein Vater musste ganz von vorn anfangen, im Ferienort Southport in Lancashire, als Lehrling und Hansdampf in allen Gassen in einer Autowerkstatt. Aus Gründen, die ich nie ganz durchschaut habe, arbeitete er anschließend in einer Maschendrahtfirma in Manchester. Aber er hasste diese Arbeit so sehr, dass er 1 953 – damals war er fünfunddreißig (und ich sechs) Jahre alt – alles hinwarf, sich von seinem Schwiegervater Geld lieh und ein Sportgeschäft in Southport eröffnete, das er bis ans Ende seiner beruflichen Laufbahn betrieb.

Mein Vater liebte Sport und war glücklich und zufrieden damit, sechs Tage die Woche hinter dem Tresen seines Sportgeschäfts zu verbringen und nach Ladenschluss die Buchhaltung zu machen. Den Rest der Zeit verbrachte er in einem zur Mittelschicht gehörenden Golfclub-Umfeld, in dem der Großteil seines Freundeskreises besser gestellt war als er und auch beruflich erfolgreicher zu sein schien als ein Ladenbesitzer. In jedem Fall fiel es meinem Dad immer schwer, finanziell mitzuhalten. So war er beispielsweise beliebt und integer genug, um wie alle seine Freunde und Bekannten als Spielführer des Golfclubs berücksichtigt zu werden (was so ziemlich den Gipfel des gesellschaftlichen Erfolgs darstellte), doch hätte er sich die damit verbundene Bewirtung von Gästen nie erlauben können und wurde daher diskret übergangen.

Deshalb tat er sich als begeisterter und gewissenhafter Vorsitzender des Grünkomitees hervor – vor allem in jenem Jahr, in dem der Ryder Cup in die Stadt kam. Obwohl er fünfundvierzig Jahre glücklich verheiratet und stolz auf die aufstrebenden Karrieren seiner beiden Söhne war, glaube ich, dass er als mehr oder minder enttäuschter Mann gestorben ist. Er war zu sehr Gentleman, als dass er dies zugegeben hätte, doch ich vermute, im Stillen war er durchaus der Meinung, das Leben hätte ihm ein besseres Blatt austeilen können. Was hätten Freud und Bergler daraus gemacht? Ich hatte meinen Vater innig geliebt, erzählte ich dem Seelenklempner.

Abgesehen von meiner jugendlichen Missachtung seines Pokerverbots (die er mir längst verziehen hatte) war ich mir keiner Schuld bewusst. Wir waren plötzlich und allzu früh auseinandergerissen worden, aber doch in aller Freundschaft. Meine Gefühle gegenüber meiner Mutter mochten vielleicht etwas vielschichtiger sein, doch für meinen verstorbenen Vater empfand ich, ohne meinem Unterbewusstsein zu nahe treten zu wollen, schlicht und einfach tiefste Zuneigung. Dies alles fessele ihn, erklärte der Seelenklempner, denn es biete ihm reichlich neues Material. Dann bat er mich um ein kurzes Resümee meiner journalistischen Karriere, mit besonderer Berücksichtigung der Frage, wie weit ich meine Wünsche und Ziele erreicht hätte. Und nachdem er sich meine Ausführungen eine Weile schweigend angehört hatte, verscheuchte der Seelenklempner mit einem einzigen verblüffenden Satz jeden Gedanken an Freud und Bergler: Was mir auffällt, ist weniger Ihr Wille zu verlieren als vielmehr Ihr Wille zu gewinnen.

Mit diesen Worten versetzte er mich in derartige Hochstimmung, dass ich am gleichen Abend bei der Dienstagabendrunde durch schiere Willenskraft ordentlich abräumte. Und auch die beiden folgenden Sitzungen mit dem Seelenklempner verliefen mehr oder weniger nach diesem Schema – etwas wahlloses Geplapper meinerseits, jede Menge Nicken und Notieren seinerseits, ganz wie bei einem Sherlock Holmes, der gerade ein besonders wirres Knäuel von Spuren entflechtet. Das Gefühl, dass er aus jedem meiner ausgesprochenen Gedanken verborgene Bedeutungen herauslas, unterschied sich nicht besonders von meinen Empfindungen bei einer besonders unangenehmen Pokerhand. Vor Beginn unserer Sitzungen hatte ich insgeheim daran gezweifelt, dass ein Seelenklempner mir etwas über mich verraten konnte, das ich nicht ohnehin schon wusste. Am Ende unseres dritten, langen und intensiven Gesprächs jedoch kam er mit einer geistreichen Bemerkung an, die mich aus den Schuhen haute.

Seiner Ansicht nach gab es eine direkte Querverbindung zwischen dem Bild meines Vaters als gescheiterter Mann und der Entwicklung eines unnachgiebig starken Siegeswillens in mir – im beben wie beim Poker. Alles in allem kam es ihm so vor, als wollte ich mit Macht das Pech meines Vaters rächen.
Der Name Toledo, Ohio – ansonsten ein unauffälliges Städtchen im amerikanischen Mittelwesten -, ist in Pokerkreisen für immer dadurch stigmatisiert, dass hier das so genannte Jacks-or- Better erfunden wurde. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts hatten gute Pokerspieler – egal, ob in Toledo oder sonstwo – regelmäßig gewonnen und schlechte Pokerspieler regelmäßig verloren. Dafür gibt es einen einfachen Grund.