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Die Chipmenge bestimmen und als Vorteil nutzen Teil I – Poker Turnierstrategien

Der wesentliche Unterschied zwischen Poker in Cashgames und Turnierpoker ist die verfügbare Chipmenge. Beim Spiel um Geld können Sie – solange der Geldbeutel es hergibt – immer wieder Chips nachkaufen und weiterspielen. Alles Tischgeld verloren? Kein Problem, besorgen Sie sich neues (siehe für weitere Hinweise zu Cashgames). In der Turnierwelt bekommt jeder die gleiche Menge an Chips. Wenn die Chips weg sind, ist auch der Spieler weg. Normalerweise. Manchmal findet man eine Turniervariante, die allgemein Re-Buy-Turnier genannt wird. Das ist eine besondere Form von Mehrtischgeschichte, wo man Chips nachkaufen kann, wenn man rausgeflogen ist. Man erhebt sich sozusagen wieder aus dem Grab und spielt weiter (möglichst nicht wie ein Zombie). Und manche dieser Re-Buy-Turniere haben eine noch verzerrtere Variation, die als Add-on bezeichnet wird.

Dabei können Sie die ursprüngliche Chipmenge nochmals drauflegen – und zwar zum Vorzugspreis. Ein faszinierendes Merkmal im Turnierspiel ist, dass die verfügbare Chipmenge die Spielweise bestimmen kann (und auch sollte). Ihr Chipstapel bestimmt die Sorten von Blättern, die Sie spielen, wie hoch Sie setzen und die Entscheidungen, ob Sie mitgehen sollen. In diesem Poker-Artikel legen wir Ihnen alles genau dar. Wir geben ein paar Ratschläge, wie Sie den meisten Gegenwert aus Ihren Chips ziehen. Wir haben Tipps, wie kleine Stapel aufgebessert werden können und wie man sich durch ein Re-Buy-Turnier manövriert. Und wir haben auch ein paar Durchhaltetipps, falls Sie in der Nähe des Geldes sind, damit Sie letztlich auch dort hinkommen. Immerhin heißt es, der mieseste Platz, den man im Turnier erreichen, ist der einen vor den Geldrängen (wer das schon mal erlebt hat. weiß, was wir meinen).

Die Bedeutung der Chipmenge
Ihr Chipstapel ist der Turnierwert Ihrer Chips in Relation zu allen anderen Spielern in einem Turnier. Wenn Sie sich mit Live-Turnieren auskennen, wissen Sie, dass dort eine Aufgabe einen langsam in den Wahnsinn treiben kann: festzustellen, wie viele Chips Sie relativ zu den anderen Spielern im Turnier haben. Theoretisch müssen alle Spieler ihre Chips so stellen, dass jeder andere sie im Blick hat, aber natürlich gibt es Tausende von Methoden, wie Chipstapel verborgen werden können: Physische Hindernisse wie Getränke oder Hände und Arme auf dem Tisch, große Türme, die kleinere (und wertvollere) verbergen, und nachlässiges Auftürmen von Chips verschiedener Werte. Seihst wenn alles gut sichtbar ist, müssen Sie immer wieder zählen oder zumindest gut abschätzen, wie es heim gegnerischen Stapel relativ zu Ihnen aussieht. Wenn Sie in einem Turnier mit mehr als ein paar Tischen spielen, ist das nahezu unmöglich, es sei denn Sie haben die Mathe- und Observierungsfähigkeiten des Rain Man. Ah! Welche Schönheit bietet doch das Netz! Sie sind ständig genau über Ihren Chipstapel informiert.

Sie müssen nur einen Blick in das Turnierlobby-Fenster werfen, um eine komplette Aufstellung Ihres Chipstapels relativ zu den anderen zu sehen. Außerdem sehen Sie die Gesamtmenge der Chips im Spiel, den Durchschnittsstapel pro Spieler und Minimal- und Maximalmenge. Allgemein sollten Sie auf vier Dinge achten:
– Wie steht Ihr Chipstapel in Relation zum Durchschnittswert während des Turniers? Dieser Wert ist ein Indikator dafür, wie gut Sie sich innerhalb des gesamten Turniers schlagen. Am Anfang ist der Wert nicht so wichtig; je mehr es aber auf die Geldränge zugeht und Spieler aus dem Turnier fliegen, desto wichtiger wird die Relation. Nach Möglichkeit sollten Sie nicht mehr als zehn Prozent unter den Mittelwert fallen. Sollte es dennoch passieren, müssen Sie einen Gang herunterschalten und vorsichtiger spielen. Sie sollten jetzt nur sichere Blätter spielen und damit möglichst viel gewinnen.

– Wie steht Ihr Chipstapel relativ zu den Gegnern an Ihrem Tisch? Dieser Wert ist enorm wichtig, denn er bestimmt indirekt, welche Rolle Sie am Tisch annehmen können und welches Image Sie erzeugen – wir werden das im nächsten Abschnitt zeigen.
– Wie ist ihr absoluter Chipstand im Turnier (beispielsweise Siebter von 135)? ln kleinen Turnieren. Einzeltischwettbewerbe eingeschlossen, ist der Rang besonders wichtig, weil er direkt zeigt, wie Sie im Vergleich zu den anderen am Tisch stehen (wenn ein Spieler früh ein gutes Blatt bekommt und zwei andere aus dem Turnier kickt, wird der Durchschnittswert verzerrt, aber nicht Ihr Ranking). Wo Sie stehen, ist in großen Turnieren in der Frühphase nicht sehr wichtig (obwohl es wie ein kurzer Rausch ist, wenn man eine der ersten Hände groß gewinnt und plötzlich als Nr. 1 von 5.000 Spielern dasteht), es wird später aber immer wichtiger und bestimmt letztlich, oh Sie im Geld landen oder außen vor bleiben.
– Wie ist die Relation zwischen dem Chipstand und den Blinds (oder Blinds plus Grund-einsätzen in späteren Runden mancher Turniere)? Wenn Sie weniger als 10 Big Blinds übrig haben, müssen Sie in den Kung-Fu-Modus für kleine Stapel umschalten, den wir im nächsten Abschnitt beschreiben.

Wenn jeder an Ihrem Tisch etwa gleich viele Chips hat und das Turnier noch nicht nahe am Geld ist. sollten Sie ganz normal in Ihrer üblichen Weise spielen. Wenn aber die Chipstapel außer Balance geraten (und das passiert unweigerlich), ändern sich auch die Machtverhältnisse am Tisch, und merkwürdige Dinge passieren.

Mit einem größeren Stapel andere schikanieren
Wenn Sie Glück genug haben und an Ihrem Tisch einen dicken Stapel aufbauen konnten – mehr als 30 % über dem nächsten Gegner – dann steht Ihnen ein Luxus zur Verfügung, den die einfacheren Sterblichen nicht haben. Bei Holdem und Omaha sollten Sie in jedem Pot erhöhen, der vor Ihnen noch nicht erhöht wurde. Es gibt zweierlei Gründe dafür:
– Die Blinds sollen keine freien Karten sehen. Zumindest aktuell geben Sie den Ton an, das bedeutet, wenn Sie spielen, wird es für alle anderen teurer,
– Poker ist vermutlich mehr als alle anderen Spiele, bei denen sich Glück und Geschicklichkeit kombinieren, ein Spiel, bei dem es um eine gewisse Schwungmasse geht

Wenn Sie diesen Schwung haben, fühlen Sie es und wirken wie eine unaufhaltsame Kraft. Und wenn Sie es fühlen, fühlen es die anderen am Tisch auch und geben Ihnen eher Spielraum. Diese Strategie gilt für beide Pokerwelten, die virtuelle und die reale. Mit Aggression wird eine Präflop-Investition viel besser bezahlt, wenn der Flop passt. Außerdem werden die Gegner zukünftig weniger gegenschlagen, wenn Sie schlechtere Karten haben. Und Sie hindern andere daran, mit spekulativen Blättern weiterzuspielen, die sich eventuell zu starken Blättern entwickelt hätten. Diese Strategie ist besonders bei Holdem und Omaha wichtig, wo gewöhnlich No Limit oder Pot Limit gespielt wird. Wir sagen jetzt nicht, Sie sollten mit einem starken Stapel öfter bluffen, denn wenn Sie gewinnen, wecken Sie bei den anderen böse Absichten: Die werden auf Sie losgehen, wenn sie gute Karten haben. Wir sagen nur, dass Sie mit einem großen Chipvorrat viel mehr Blinds spielen können (unabhängig davon, wie der aktuelle Blind ist) als Ihre Wettbewerber. Nutzen Sie Ihre Chips zu Ihrem Vorteil.

Hohe Stapel bei Seven-Card Stud
im Stud hilft ein großer Stapel nicht so effektiv, hat aber trotzdem eine gewisse Kraft Sie sollten niemals mehr als eine Wettrunde durchchecken lassen. Mit anderen Worten Sie sollten immer setzen, es sei denn, Sie sind ziemlich sicher, dass jemand ein besseres Blatt hat. Oder Sie haben ein unschlagbares Blatt und wollen so viele Einsätze wie möglich aus den anderen herausholen. ln der Theorie braucht es zum Mitgehen ein besseres Blatt als zum Setzen. Wenn Sie also anspielen, sollten (in der Theorie) Blätter des gleichen Kalibers aussteigen. Damit kriechen Sie den Gegnern im Laufe der Zeit langsam, aber sicher davon, indem Sie aggressiv sind. Trotzdem muss man die den Spielern mit wenig Chips aufpassen – besonders bei No Limit. Leute mit weniger als der fünffachen Menge des Big Blinds sind anfälliger, all in zu gehen. Wenn also so jemand hinter Ihnen sitzt und Ihr Blatt nicht so dominierend ist, sollten Sie eher erwägen, nur mit dem Big Blind mitzugehen, ohne zu erhöhen. Ihre Chips sollen nicht an einen Verzweifelten gespendet werden. Mit einer sehr starken Hand ist eine Erhöhung aber gerechtfertigt, denn vielleicht provozieren Sie damit das all in, wenn Sie hoher Favorit sind.

Die Chipmenge bestimmen und als Vorteil nutzen Teil II