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Soll ich mal Nischen suchen beim Sportwetten

Gespräch mit Andreas Schlögl, 28, Diplom-Wirtschaftsmathematiker (arbeitet heute bei einem der größten Rückversicherer der Welt und kümmert sich um die Modellierung von Naturkatastrophen).

Warum beschäftigt sich ein Mathematiker mit Sportwetten?
Ich bin Fußballschiedsrichter, habe früher Partien bis zur Landesliga geleitet, Fußball ist schon immer mein Hobby. Im Rahmen meiner Diplomarbeit konnte ich mein privates Interesse mit den fachlichen Kenntnissen der Stochastik kombinieren, weil sich mein Professor an der Uni auch für Sportwetten interessiert hat.

Womit hat sich Ihre Diplomarbeit genau befasst?
Man kann ja heutzutage auf alles wetten, die Anzahl der Tore, den Zeitpunkt des zweiten, dritten Tores oder was auch immer. Die Idee war, sich aus so einer Vielzahl von Wetten die beste Wette herauszusuchen. Ich habe ein mathematisches Modell gebaut, mit dem man eine Wette mit allen anderen Wetten vergleichen kann und so die bessere Wette herausfinden kann.

Mit welchem Ergebnis?
Es ist sinnvoll nach Wetten zu suchen, die auf den ersten Blick schwer einzuschätzen sind. Bei solchen Extremwetten hat man bessere Chancen wirklich zu gewinnen, als bei den üblichen Dreierwetten. Nehmen Sie beispielsweise eine Wette auf die Summe der Minuten, in denen in einem Spiel Tore fallen. So etwas ist natürlich schwer vorherzusagen, aber in Wetten wie diesen liegt das größte Gewinnpotenzial.

Warum?
Der Wettanbieter richtet seine Wette so aus, dass der Wetter normalerweise nie gewinnen kann. Sonst würde sich das Geschäft ja nicht rentieren der Wettanbieter will immer gewinnen und gibt sich nicht zuletzt seine Rendite selbst vor. Auf eine handelsüblichen Wette zu wetten kann sich also nur schwer auszahlen. Aber wenn man Lücken im System herausfindet, kann man durchaus Geld gewinnen.

Und wie schafft man das?
Hier kommt die Mathematik ins Spiel. Wenn Sie sich auf eine Wette festgelegt haben, können Sie aus ihr bestimmte Parameter ableiten. Die können Sie dann bei den anderen Wetten einsetzen. Viele wissenschaftliche Modelle beziehen sich etwa auf die Torrate. Dabei wird eine mittlere Torrate für ein Spiel für beide Mannschaften bestimmt. Diese Torrate gibt man in ein mathematisches Modell ein und erhält automatisch die Wahrscheinlichkeiten für die entsprechende Partie.

Wie ermittelt man diese Rate?
Da spielen verschiedene Faktoren eine wichtige Rolle. Historie zu Beispiel, also Statistik. Außerdem die allgemeine Stärke und die aktuelle Form einer Mannschaft. Ganz wichtig ist auch der Heimvorteil der bringt statistisch im Schnitt ein halbes Tor Vorsprung und ist damit der wesentlichste Parameter für ein Modell. Die Grundidee für mein Modell war aber eine andere. Wenn ich aus den Quoten die Wahrscheinlichkeiten ermittelt habe, kann ich daraus mit meinem Modell die durchschnittliche Torrate ermitteln. Wenn ich eine Wahrscheinlichkeit für einen Heimsieg von 40 Prozent habe, für ein Unentschieden von 20 Prozent und für einen Auswärtssieg wieder von 40 Prozent, kann ich daraus mit meinem Modell die Torrate berechnen. Diese so ermittelten Torraten setze ich dann in alle anderen Wetten ein und schaue, was dabei herauskommt. So ermittle ich den fairen Preis für meine Wette und kann das mit dem Preis vergleichen, den der Wettanbieter vorgibt. Wenn es hier große Unterschiede gibt, habe ich eine Inkonsistenz gefunden. Das ist dann die ideale Wette, auf die ich setzen sollte.

Auf was wette ich dann konkret?
Im deutschen Wettmarkt ist ja die Dreierwette der verbreitetste Typ. Damit können Sie aber aus meiner Sicht kein Geld verdienen, in diesem Bereich steckt so viel Erfahrung. Heutzutage kann man über das Internet auch international wetten. In Großbritannien zum Beispiel können Sie auf alles wetten, die sind total verrückt. Das kann die Summe der Torminuten sein, der Zeitpunkt des ersten Tores, was auch immer. Man müsste sich die Wetten angucken und sich immer die beste Wette heraussuchen. Das kann jedes Mal eine andere sein, abhängig von den Quoten. Das zu entdecken ist für Laien aber schwierig.

Was kann ich dann als Laie tun?
Ich kann auf jeden Fall zwischen den verschiedenen Wettanbietern vergleichen und gucken, wer die besten Quoten bietet. Nehmen Sie etwa das Spiel Bayern gegen Nürnberg. Sie tippen vermutlich auf Bayern und suchen sich die besten Quoten dafür aus. Schauen Sie sich am Montag vor dem Spiel die Quoten an – Sie werden mit einiger Sicherheit feststellen, dass sie schlechter sind als die im Internet veröffentlichten der Grund ist klar: In einer Woche kann ja noch unglaublich viel passieren, wichtige Spieler können sich verletzen oder Ähnliches. Diese Unsicherheit gleicht ein Anbieter wie etwa ODDSET von vornherein durch niedrige Quoten aus. Diese Anbieter wollen damit sicher gehen, Gewinn zu machen. Im Internet können Sie noch bis kurz vor dem Anpfiff wetten, die Quoten sind entsprechend flexibel. Damit fahren Sie viel besser.

Haben Sie noch mehr Tipps?
Ein weiterer Punkt ist, sich Quoten bei Langzeitwetten im Zeitablauf anzugucken. Nehmen wir einmal an. Sie sehen jetzt eine Wette bei der Sie sicher sind: Die Quoten werden sich in den nächsten Monaten noch ändern. In so einem Fall können Sie jetzt darauf wetten und dann in ein paar Monaten die Gegenwette antreten. Sie könnten beispielsweise heute darauf wetten, dass Deutschland Weltmeister wird, weil Sie sich sicher sind, dass die Quoten bis zum Start noch nach unten gehen werden. Dann wetten Sie in ein paar Monaten, dass Deutschland nicht Weltmeister wird. Dann erzielen Sie auf jeden Fall einen Überschuss,
egal wie es ausgeht: Einmal gewinnen Sie und einmal verlieren Sie, und die Differenz ist Ihr sicherer Gewinn.
Wenn ich ein und dieselbe Wette also mit verschiedenen Quoten zu verschiedenen

Zeiten bewerte, dann habe ich einen sicheren Gewinn?
So gesehen ja. Voraussetzung ist natürlich wie immer, dass die Wetten wirklich über- oder unterbewertet sind. Aber die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen ist hier wesentlich höher als bei allen anderen Wetten. Das kann man auf jedes Sportereignis übertragen. Man muss sich die Wetten heraussuchen, die einem im zeitlichen Ablauf über- oder unterbewertet erscheinen. Das ist die gleiche Strategie wie im Aktienmarkt: Das ist ja letztlich nichts anderes als eine Wette auf einen Aktienkurs in der Zukunft. So gesehen ist Sportwetten also auf jeden Fall mehr ab ein Glücksspiel.
Bei Sportwetten haben Sie den großen Vorteil gegenüber Glücksspielen wie Lotto oder Roulette, dass Sie ein gewisses Fachwissen mitbringen, und nicht nur vom Zufall abhängig sind. Die Wahrscheinlichkeit, beim Lotto einen Sechser zu kriegen, liegt bei eins zu vierzehn Millionen. Beim Fußball ist die Wahrscheinlichkeit für einen Treffer weit höher. Sie kriegen aber natürlich auch nicht solch hohe Gewinne.
Je größere Kombinationen Sie wetten, desto mehr nähert sich Ihre Wette dem Glücksspiel. Wenn Sie 16 Spiele jeweils auf Sieg tippen, die Wahrscheinlichkeit bei jedem Tipp bei 40 Prozent ist, dann stehen Sie insgesamt bei einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 2,3 Millionen. Aber wenn Sie sich einzelne Spiele herauspicken und immer die beste Wette dafür herausfinden, dann können Sie auch wirklich Geld gewinnen. Man wird nicht Millionär, aber man bekommt eine gewisse Rendite. Sie müssen das wie eine Geldanlage auf der Bank sehen: Wie viel können Sie aus 1.000 Euro machen? Man muss eben einen Risikoausgleich zwischen den Spielen finden.
In der Realität schreiben vor allem die Wettanbieter Gewinne.
Richtig, weil eben nur wenige Leute Wetten mit System betreiben. Das ist ja auch kein Wunder: Man muss schon einen großen Arbeitsaufwand
hineinstecken, selbst wenn man sich bestimmter Hilfsmittel bedienen kann. Es gibt Internetseiten, die zeigen Ihnen alle Quoten im Vergleich an. (In Großbritannien: oddschecker*com.) Die Unterschiede können sich im Zehntelbereich bewegen, aber diese Unterschiede zwischen den Anbietern machen dann in der Summe den Unterschied aus, ob man gewinnt oder verliert – wenn man mit System wettet. Wenn man nicht mit System wettet, immer auf die Standardspiele setzt, dann gewinnt man mal, und verliert mal, wird aber insgesamt nicht reicher.

Haben Sie selbst schon gewettet?
Nein, ich habe die Modelle gebaut, aber um damit eine Strategie zu verfolgen, müsste man eine unglaubliche Menge an Daten verarbeiten. Angenommen, Sie haben fiir ein Spiel 20 verschiedene Wetten und es gibt ungefähr 20 Wettanbieter dann haben Sie für ein Spiel schon 400 verschiedene Wetten, die Sie miteinander vergleichen müssen. Bei einem normalen Bundesliga-Spieltag mit 9 Spielen sind das dann 3.600 Daten, die man verarbeiten müsste. Das ist einfach wahnsinnig zeitaufwändig. Und die Quoten in der Bundesliga sind doch fast ausnahmslos schlecht.

Wo sind die Quoten besser?
Sie könnten sich zum Beispiel auf andere Sportarten konzentrieren, die nicht so frequentiert sind. Da haben die Wettanbieter die wenigste Erfahrung, und der Wetter kann noch mehr von seinem Fachwissen einbringen. Man muss sich Nischen suchen und schauen, was noch nicht so ausgereizt ist. Fußball ist derart erforscht, dass es schwierig ist, solche Nischen zu finden. In der Wirtschaft macht man ja auch am meisten Geld in einem neuen Markt, der noch nicht so ausgereizt ist. Auf einem fast gesättigten Markt können Sie keine großen Sprünge mehr machen.
Also besser Finger weg vom Fußball?
Wenn, dann sollte man strategisch wetten und wie anfangs erwähnt ruhig auch auf ausgefallene Wetten setzen. Zum Beispiel auf den Zeitpunkt, an dem das Gewinntor fällt. Wenn Sie jetzt die 75. Minute aus wählen, müssten Sie das bei vielen verschiedenen Spielen wetten. Oder Sie wetten auf die Tordifferenz, die Zahl der Gesamttore, den Spielstand zur Halbzeit – aber nie nur auf ein einziges Spiel, sondern immer auf mehrere. Durch einen Treffer gleichen Sie die Nicht-Treffer wieder aus. Das ist in jedem Fall besser als die normale Dreierwette, mit solchen Nischenwetten kann man eher etwas gewinnen. Diese Möglichkeit hat der Fan.

Kann man denn sein Risiko gleich Null setzen?
Gleich null kann man es nie setzen, aber man kann es durch das Ausgleichen schon relativ beschränken. Man kann damit Geld machen, aber keine Millionensprünge. Kleine Sprünge immerhin, die eine bessere Rendite geben als herkömmliche Anlagen. Ich denke, man könnte sogar davon leben, wenn man das richtig mit Zeitaufwand machen würde.

Dann verkaufen Sie doch Ihr Modell.
Ich denke, dass der Umgang mit dem Modell für Nicht-Mathematiker zu schwierig ist, schließlich gehen die Formeln über mehrere Seiten, weil man einfach so viele Parameter berücksichtigen muss. Zum Beispiel: Wie berücksichtigt man die 45. und die 90. Minute bei der Ermittlung der Torwahrscheinlichkeit? In jedem Spiel gibt es ja eine Nachspielzeit, das muss man in die Berechnung einbeziehen. Leider habe ich, seit ich fest im Berufsleben bin, nicht die Zeit, diese vielen Daten zu verarbeiten.