Wie soll man die Verluste begrenzen und annehmen – Poker lernen

Seine Verluste zu begrenzen ist vor allem deshalb schwieriger als seine Gewinne zu steigern, weil Verluste weitere Verluste erzeugen. Wenn Sie 500 Dollar haben und fünfzig Prozent verlieren, bleiben Ihnen 250 Dollar. Jetzt müssen Sie hundert Prozent Gewinn machen, um auf plus/minus null zu kommen. Ganz schön ungerecht, was? Es ist ziemlich einfach, sich an den Kartentisch zu setzen, ein paar Mal zu gewinnen, dabei ein paar Kröten einzustreichen und dann zu spielen wie ein Weltmeister. Mit Miesen aus dem Rückstand zu spielen oder nach einer Bad Beat einen kühlen Kopf zu bewahren, ist dagegen richtig schwer.

Spieler gehen oft bankrott, weil sie das zweitstärkste Blatt halten. Ein zweiter Platz beim Pokern erzeugt weit mehr als den üblichen Ärger, den man empfindet, wenn man sich von seinem Geld trennen muss. Eine solche Niederlage beeinflusst die seelische Verfassung auf ganz subtile Weise. Zweifel und Beklommenheit schleichen sich in das eigene Spiel ein. Eine unglückliche Niederlage wirkt oft niederschmetternd, und man denkt im Stillen, dass man lieber seine Miete hätte bezahlen sollen, als sein Geld diesen Schwachköpfen in den Rachen zu werfen. Enttäuschung macht sich breit. Der Zorn eskaliert. Und man verliert weiter. Verlieren ist Scheiße, sagte meine Freundin Tessa, nachdem sie ihre erste Partie mit Miesen beendet hatte. Das mag stimmen, aber dennoch gehört das Verlieren zum Spielen dazu. Selbst große Spieler kassieren ihre Niederlagen. Sie verlieren sogar öfter, als man glaubt. Sie tun es nur ökonomischer als der Rest der Poker spielenden Bevölkerung.

Das ist ein Teil ihres Erfolgs. Ein Pokerspieler darf nie vergessen, dass durch die willkürliche Verteilung der Karten jeder Spieler irgendwann verlieren muss. Das beste Startblatt beim Texas Hold’em ist ein Paar Asse. Eine Computersimulation hat jedoch gezeigt, dass in einem Spiel, in dem neun weitere Teilnehmer bis zum Flop mitbieten, das Paar Asse in nur dreiunddreißig Prozent aller Fälle gewinnt. Obwohl Sie mit zwei Assen die beste Chance auf den Pot haben, ist es wahrscheinlich, dass einer Ihrer Mitspieler Sie schlagen wird. Bei neun Bietern gewinnen Sie mit dem bestmöglichen Startblatt nur in einem Drittel aller Fälle. Der Trick liegt darin, sich und sein Spiel nicht davon beeinflussen zu lassen. Wenn die anderen Sie zum Prügelknaben machen, müssen Sie sich folgende wichtige Frage stellen: Warum passiert mir das?

Das ist keine hoffnungsvolle Bitte an die Götter, Ihnen einen Einblick in die himmlische Gerechtigkeit zu gewähren. Die Frage soll Ihnen vielmehr eine Antwort geben, weshalb Sie Ihr ganzes Geld verlieren. Spielen Sie schlecht, spielen die anderen einfach besser oder stecken Sie mitten in einer Pechsträhne? Erst wenn diese Frage geklärt ist, können Sie über Ihren nächsten Schritt entscheiden. Viele Spieler, die ich kenne, laufen, wenn Sie bankrott sind, sofort zur Kasse und kaufen neue Chips. Das spricht zwar für bewunderungswerten Mut, erweist sich aber erfahrungsgemäß als kolossaler Fehler. Aus dem Rückstand zu spielen, ist sehr schwierig. Die Vorstellung, den ganzen Abend lang in den Miesen zu sein, zieht viele Menschen runter. Sie legen großen Wert darauf, wie sie an diesem einen Abend abschneiden, und der verzweifelte Wunsch, ihre Gewinn-und-Verlust-Bilanz auszugleichen, hängt nahezu spürbar im Raum. Das ist natürlich ausgesprochen kontraproduktiv.
Poker ist kein Mikro-, sondern ein Makrospiel.

Ihre Tagesleistung ist irrelevant. Sie müssen Ihre Profite über einen längeren Zeitraum betrachten – ein Jahr, zehn Jahre oder ein ganzes Leben. Mit dieser Einstellung rücken eine einzelne Partie oder ein einzelnes Spiel in den Hintergrund, und es wird viel leichter, aus dem Rückstand zu spielen. Auf diese Weise behalten Sie einen klaren Kopf und können entscheiden, ob Sie nachkaufen wollen. Sie sollten nur dann neue Chips kaufen, wenn Sie eindeutig der beste Spieler am Tisch sind, der nur eine vorübergehende Pechsträhne durchläuft. Dann haben Sie eine reelle Chance, Ihr Geld zurückzugewinnen. Sind Ihnen die anderen Spieler überlegen (und das widerfährt jedem früher oder später), gehen Sie lieber nach Hause und kommen ein andermal wieder. Ich sehe es mit sehr gemischten Gefühlen, wenn ein Spieler ohne Chips vom Tisch aufsteht. Einerseits freue ich mich, denn wenn er verloren hat, habe ich wahrscheinlich gewonnen. Andererseits empfinde ich aufrichtiges Mitgefühl.

Du hast das letzte Spiel verloren und bleibst noch einen Augenblick sitzen. Die anderen fühlen sich unbehaglich, und keiner sieht dich an. Die Karten für das nächste Spiel werden gegeben, und als man dich fragt, ob du weiterspielst, sagst du: Ich hatte genug Spaß für heute, oder etwas ähnlich Blödes. Dann versuchst du, möglichst lässig aufzustehen. Du denkst im Stillen, dass alle wissen, wie mies du dich fühlst, obwohl du dich so sehr bemühst, es zu verbergen. Als Nächstes denkst du: Na gut, das ist jedem schon passiert, aber das tröstet dich auch nicht. Jeder Spieler steht auf ganz eigene Weise vom Tisch auf. Manche sind fröhlich und vergnügt und bedanken sich beim Gehen für den wunderbaren Abend. Auch wenn sie damit den Eindruck erwecken, ihre Verluste wären nicht der Rede wert, werden Sie diese Menschen oft spät nachts in der nächsten Bar sitzen sehen, wo sie allein ihren Tequila trinken.

Andere Spieler sind niedergeschlagen. Ihr Kopf sinkt immer tiefer, je mehr ihr Chipsstapel schrumpft. Vielleicht ist diese Reaktion nur vernünftig, denn schließlich verlieren sie. Das Problem dabei ist, dass Pokern Spaß machen soll. Manche Spieler drehen komplett durch. Ich habe schon miterlebt, wie Leute dem Geber die Karten an den Kopf schmissen, die Kellnerinnen wüst beschimpften, Prügeleien anfingen oder noch Schlimmeres taten. Einmal war ich sogar Zeuge, als ein ehemaliger Linebacker der New York Jets nach einer besonders unglücklichen Niederlage fast ein ganzes Kartendeck entzweiriss. Obwohl man nach derartigen Entgleisungen wie ein Vollidiot dasteht, gibt es noch viel dümmere Verhaltensweisen. Das Schlimmste, was ein Spieler nach einem schlechten Abend am Pokertisch tun kann, ist heißzulaufen.

Es kommt vor, dass ein Spieler, der mit einem hohen Blatt verloren hat, so geladen ist, dass er selbst mit einem Müllblatt bietet und erhöht. Er verliert weiter und gerät in einen Teufelskreis. Wer einmal heißläuft, ist meistens rettungslos verloren. Ein Pokerspieler, der heißläuft, lässt sich mit einem Tennisspieler vergleichen, der nach mehreren unglücklichen Breaks einen Satz verliert und sich plötzlich entschließt, die Schlägerhand zu wechseln und jeden Ball mit voller Wucht übers Netz zu dreschen. Seine Chancen, das Match auf diese Weise zu gewinnen, sind ausgesprochen gering. Ich rühme mich immer damit, dass ich niemals heißlaufe, dabei tue ich es komischerweise ständig. Ich bin mir dessen nur mehr bewusst als andere. Ich gehörte mal zu einer Hold’em-Runde mit lauter schnieken Typen von der Wall Street.

Das Minimum-Buy-in lag bei 2 000 Dollar. Als ich zum ersten Mal von dieser Runde hörte, glaubte ich, leichte Beute zu haben. Es stellte sich aber heraus, dass die Mehrzahl der Teilnehmer irgendwann einmal professionell gespielt hatte. Darunter waren John Tear, Dämon Rein sowie Brad und Andrew Moss, und die Runde war wahrscheinlich die brutalste, in der ich je gespielt habe. Ich gewann dort mehr als ich verlor, aber das war harte Arbeit. Im Grunde war es ziemlich blöd, sich auf diese Runde einzulassen, aber ich mochte die Jungs halt richtig gern. Eines Abends ließ ich mich auf ein teures Spiel gegen Brad Moss ein. Mein Einsatzkapital war schon auf zirka fünfzehnhundert geschrumpft, und mein Spiel wurde zusehends schlechter. Aber dann sah es plötzlich so aus, als würde sich das Blatt doch noch wenden. Ich war dran mit Geben und Brad musste eröffnen. Er erhöhte. Roy, ein Terminhändler, ging als Einziger mit, und dann war ich an der Reihe. Ich warf einen Blick auf meine Pocket- Cards.

Ich hatte mir selbst B♥ B♠ gegeben. Ich entschied mich, noch einmal zu erhöhen. Brad und Roy zogen mit. Der Flop kam mit B♣ 4♠ 5♣. Es ist schwierig, sich bei einem so spitzenmäßigen Flop das Lächeln zu verkneifen, aber es gelang mir, mich zu beherrschen. Ich starrte die Karten an und versuchte verzweifelt, mir nichts anmerken zu lassen. Brad checkte, Roy machte seinen Einsatz, und ich erhöhte. Brad zog weder mit noch passte er, er erhöhte weiter. Nachdem Roy gepasst hatte, erhöhte ich noch einmal und beendete damit die Bietrunde. Ich will zu meiner Verteidigung anführen, dass ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht versuchte, Brad auf ein Blatt zu setzen, da ich das bestmögliche Blatt hielt. Ich war fest davon überzeugt, dass seine Karten nichts daran ändern würden. Die Turn-Card war die 3♣. Brad checkte, ich machte meinen Einsatz, und er erhöhte. Diesmal nahm ich mir einen Augenblick Zeit, um über sein Blatt nachzudenken.

Er hatte schon vor dem Flop erhöht, und als der Flop schließlich kam, machte er einen erfreuten Ein druck. Normalerweise hätte ich ihn bei diesem Verhalten auf Ass-Bube gesetzt, aber da ich selbst zwei Buben hatte, tippte ich auf ein höheres Paar (König oder Dame). Ich entschied mich, die Wette zu halten und nicht zu erhöhen, weil ich verhindern wollte, dass er vor der River- Card passte. Mit dieser Taktik konnte ich noch einmal erhöhen und einen Extraeinsatz herausschlagen. Die River-Card war eine weitere Fünf. Gott sei Dank. Damit hatte ich das höchste Full House, das in diesem Spiel möglich war. Brad machte wieder ein Check Raise, worauf ich ihn auf den bestmöglichen Flush setzte. Ich erhöhte noch einmal, weil ich glaubte, das Spiel damit zu beenden. Aber er erhöhte weiter. Sobald beim Hold’em nur noch zwei Bieter übrig sind, kann unbegrenzt erhöht werden, und so erhöhte ich wieder. Nachdem jeder viermal erhöht hatte, dämmerte es mir plötzlich, dass er vier bünfer hatte.

Ich warf einen Blick auf meine Chips und stellte fest, dass von meinen 2000 Dollar Startkapital nur noch zirka 100 Dollar übrig waren. Ich fragte ihn, ob ich All-in gehen und alles setzen dürfe, was vor mir auf dem Tisch lag. Da Brad das bestmögliche Blatt hielt, war er so gnädig, es mir zu gestatten. Ich setzte meine hundert; er wollte sehen und drehte seinen Vierling um. Ich wusste bereits, was er hatte, aber ich ertrug es einfach nicht, mit kläglichen zwanzig Chips am Tisch zu sitzen, nachdem er die einzige Gewinnkarte im Deck bekommen hatte, mit der er mich schlagen konnte. Ich warf meine letzten 100 Dollar weg, damit ich gehen konnte, ohne mit ansehen zu müssen, wie er mit meinen Chips Türme baute. Für lange Zeit redete ich mir ein, ich hätte an jenem Abend korrekt gehandelt und mich verhalten wie ein richtiger Mann. Ich erzählte die Geschichte sogar weiter, um mit meiner Coolness zu prahlen. Fazit bleibt jedoch, dass ich, obwohl ich mir über meine Niederlage im Klaren war, einem relativ wohlhabenden Mann völlig grundlos 100 Dollar meines sauer verdienten Geldes in den Rachen gestopft habe.

Ein großer Spieler hätte gepasst. Er wäre nicht einmal die letzte Erhöhung mitgegangen. Dafür muss man gar kein großer Spieler sein. Es reicht schon, sich nicht wie ein Dummkopf zu verhalten. Ich hätte seine letzte Erhöhung halten sollen, anstatt weiter zu erhöhen. Anschließend hätte ich meine Chips eingelöst und wäre mit 100 Dollar in der Tasche nach Hause gegangen. Stattdessen lief ich heiß, daran gibt es nichts zu rütteln. Wenn Spieler verlieren, geschehen die seltsamsten Dinge mit ihnen. Ich habe oft miterlebt, wie plötzlich Wesenszüge zu Tage treten, die sich radikal von ihrem sonstigen Charakter unterscheiden. Da ist zum Beispiel die umgängliche aber schüchterne brasilianische Großmutter, die zu einem wahren Prahlhans mutiert, sobald sie in den Miesen ist. Oder der effeminierte Theaterkritiker, der richtig gewalttätig wird, wenn er eine Bad Beat kassiert. Oder der sanftmütige Grundschullehrer, der den Pot bescheißt, sobald er verliert.

Chip Adler (alias Holy Chip) ist ein weiteres illustres Beispiel. Tagsüber ist er der nette, liebenswürdige Geistliche aus Maine, der sich quasi rund um die Uhr für die Belange anderer Menschen einsetzt. Aber abends ist er wie ausgewechselt. Sobald er am grünen Filz Platz nimmt, verwandelt er sich in die biblische Schlange. Er zinkt Karten, bescheißt den Pot, klaut Chips und guckt anderen in die Karten. Das ist wohl mit das Skurrilste, was ich bisher erlebt habe. Er ist ein reizender Kerl, aber beim Kartenspiel ist er ein übler Betrüger. Das Komische ist, dass er nach jeder Partie eine zutiefst schuldbewusste Miene aufsetzt. Oft denke ich, dass er hinterher sofort zur Beichte rennt. Das ist jedoch nichts im Vergleich zu dem, was mit dem Psychiater Dr. Liam Kelly geschieht, wenn er verliert. Ich laufe heiß. Ich weiß, dass ich heißlaufe, sagt er.

Das Verrückte ist, dass ich eine Therapiegruppe leite, in der Kriegsveteranen lernen sollen, ihre Wut zu verarbeiten. Dabei werde ich ständig selbst von meiner Wut übermannt. Ich weiß, das klingt paradox. In der Psychologie gibt es eine Richtung, welche die so genannte prophylaktische Intervention predigt. Man soll erkennen, inwieweit man zu selbstdestruktiven Emotionen und Handlungsweisen neigt. Dazu gehören Angst, Wut oder Unaufrichtigkeit. Anschließend konfrontiert man sich damit, indem man eine Problemsituation immer wieder herstellt, anstatt ihr aus dem Weg zu gehen. Holy Chip ist das perfekte Beispiel für Letzteres. Viele Psychiater würden ihm raten, er solle sich einfach von jeglichem Glücksspiel fern halten. Das ist eine simple Lösung, aber ich vermute, sein Problem ist nur das Symptom für etwas viel Tiefliegenderes.

Hätte sein Problem nicht ausgerechnet mit dem Spielen zu tun, würde ich ihm raten, sich einer Therapie oder Analyse zu unterziehen. Doch obgleich ich ein großer Befürworter der Psychotherapie bin, tendiere selbst ich in seinem Fall mehr zu Enthaltsamkeit als zur Aufarbeitung der Ursachen. Er sollte sich auf der Stelle von allem fern halten, das mit Wetten zu tun hat. Er verfällt schon in Depressionen, wenn er in der Lotterie verliert. Sein Problem sitzt sehr tief. Ich bin nicht sicher, ob die Macht, die Poker und andere Glücksspiele auf die Persönlichkeit ausüben, jemals nachlässt. Ich sage das, weil ich mich im Rahmen meiner Promotion einer jahrelangen Therapie und Analyse unterzogen habe. Und mein Problem hat sich eher verschlimmert. Damit meint er natürlich seine Neigung heißzulaufen.

Der englische Ausdruck für heißlaufen, to go on tilt, kommt vom Flippern. Wenn man zu stark am Flipperautomaten rüttelt, um den Lauf der Kugel zu beeinflussen, kippt das Gerät. Es blockiert, und man verliert seine Kugel. Die neueren Geräte kippen nicht sofort, sondern warnen den Spieler vor. Genau wie Dr. Liam. Zu Beginn jeder Pokerpartie schäumt er vor guter Laune fast über. Er lächelt und schwatzt über Sport und das Wetter. Aber sobald er zum ersten Mal mit einem favorisierten Blatt verliert, blockiert er. Er schaltet auf taub und bricht jedes Gespräch ab. Das ist die Warnung für den Tisch. Noch eine Bad Beat, und es ist um ihn geschehen. Ich pokere viel normalerweise sechs Abende die Woche. Ich spiele so viel, dass die Statistiken sich eigentlich bestätigen müssten, aber aus unerfindlichen Gründen tun sie es nicht. Das lässt sich nicht mit dem Verstand erklären. Ich absolviere ungefähr fünfhundert Spiele pro Woche. Davon lasse ich mich höchstens zweimal von meiner Intuition leiten.

Da ich so oft spiele und fast immer nach den statistischen Gewinnchancen handle, müsste ich eigentlich gewinnen. Und zwar deshalb, weil meine Gegner statistisch gesehen nicht korrekt spielen. Das macht mich so ungeheuer wütend, denn eigentlich dürfte ich nicht verlieren. Die Leute, mit denen ich seit Jahren zusammenspiele, wissen nichts davon, aber ich spüre, wenn ich kurz vorm Heißlaufen bin. Ich versuche es durch Lesen abzuwenden. Deshalb habe ich am Kartentisch immer ein Buch dabei. Aber meistens hilft es nichts. Es liegt nicht daran, wie viel Pech ich habe oder wie oft; meistens liegt es daran, wie schnell die Niederlagen aufeinander folgen. Wenn ich zwei oder drei Bad Beats in Folge kassiere, sollte ich sofort nach Hause gehen. Manchmal tue ich das auch. Aber meistens bleibe ich. Ich bleibe und spiele wie das letzte Rindvieh. Wenn Liam heißläuft, kann er nicht mehr rational denken. Diese vorübergehenden Anfälle von geistiger Umnachtung sind mit normalen Stimmungsschwankungen nicht zu vergleichen. Dr. Liam wirkt dann desorientiert, verzweifelt und gefährlich.

Ich führe ein Pokertagebuch. Hast du gewusst, dass deine Gewinnchancen angeblich bei 88 Prozent liegen, wenn du zwei Pocket-Asse hältst und gegen nur einen Gegner spielst? 1998 lag mein Gewinnanteil in diesem Szenario bei 75 Prozent. Weit unter dem zu erwartenden Ergebnis. Und es hat nichts mit meiner Spielweise zu tun. Achtundachtzig Prozent sind reine Statistik. Meine Karten sind oft einfach nicht so stark, wie die Statistik es vorgibt. Wie erklärst du dir das? Dieser Baustein seines umfangreichen Pokerwissens hilft Liam nicht viel weiter. Er rechtfertigt eher seine Wut. Wenn er erst einmal am Verlieren ist, spült er seinen intelligenten und sehr erfolgreichen Plan, nach Schema f zu spielen, im Klo runter und führt sich auf wie ein blutiger Amateur. Ich werde wütend, weil ich so konservativ und lehrbuchmäßig spiele, dass ich in einer Welt, in der die Karten gerecht verteilt werden, eigentlich gewinnen müsste. Ich müsste gewinnen, weil die anderen schlechter spielen als ich.

Sie nähern sich dem Spiel ohne jegliche Logik. Manchmal sogar ohne ein Fünkchen gesunden Menschenverstand. Sie gehen zum ungünstigsten Zeitpunkt mit und erhöhen vollkommen unsinnig, und das mache ich mir zunutze – das heißt, sofern meine Karten es zulassen. Wenn ich mit Ass-Bube erhöhe, und irgendein Dummkopf geht mit König-Bube mit, verlässt er sich im Grunde auf drei Gewinnkarten im ganzen Deck. Drei elende Könige und sonst nichts. Meine Chancen, ihn zu besiegen, stehen bei drei zu eins. Ein einziger Bube im Flop, und ich mache ihn platt. Aber wie könnte es anders sein, liegen ein König und zwei Müllkarten im Flop, und ich bin erledigt. Nein, ich verliere kein Geld beim Poker. In den letzten sieben Jahren habe ich den zweit- oder dritthöchsten Gewinn von allen gemacht. Ich müsste nur öfter gewinnen, das ist mein Problem. Und das macht mich rasend. Wenn Liam heißläuft und seine irrationalen Anwandlungen kriegt, fängt er an, die anderen zu belehren.

Er ist berühmt für seine brillanten Schmähreden, in denen er nach einer Bad Beat denjenigen Spieler herunterputzt, der gerade schlecht gespielt und ihn trotzdem besiegt hat. Er rasselt Statistiken und Theorien herunter, um zu beweisen, wie unmöglich der andere gespielt und mit wie viel Glück er Liam sein sauer verdientes Geld abgenommen hat. Dieses Verhalten ist absolut unklug. Würde Liam tatsächlich an die Wahrscheinlichkeitsrechnung glauben, müsste er daran interessiert sein, dass der andere weiter gegen die Statistik anspielt, denn dann wird er eines Tages alles, was er gewonnen hat, wieder verlieren. Ich weiß, es bringt nichts, andere Spieler zu kritisieren, aber ich tue es trotzdem. Es mag sich unwahrscheinlich blöd anhören, aber es ist ein tolles Gefühl, jemanden in der Luft zu zerfetzen, der gerade seine Dummheit zur Schau gestellt hat und dafür noch belohnt wurde. Es geht nicht so sehr darum, was ich tue, sondern darum, wieso ich es tue.

Es kommt mir fast so vor, als sei eine Verschwörung gegen mich im Gange. Ich mache alles richtig, aber irgendeine höhere Macht belohnt einen anderen, der alles falsch macht. Ich bin nicht paranoid. Ich leide nicht unter Verfolgungswahn. Es kommt sehr häufig vor, dass Menschen mit Spielproblemen absichtlich verlieren. Sie spielen schlecht, um sich selbst zu bestrafen, als hätten sie es nicht verdient zu gewinnen. Das hört man bei den Treffen der Anonymen Spieler immer wieder. Süchtige fühlen sich ungeliebt. In gewisser Weise spielen sie, um diese Empfindung zu bestätigen. Wenn sie, wie die meisten, verlieren, verstärkt das nur ihr Minderwertigkeitsgefühl. Sie meinen, sie hätten es verdient; es ist ihre Bestrafung. Aber bei mir und den anderen unberechenbaren Spielern, die ich kenne, ist das anders. Unser Problem ähnelt eher dem Phänomen der Transsexualität. Manche weibliche Transsexuelle, die als Kind von einem Mann missbraucht wurden, verspüren den inneren Zwang, das andere Geschlecht anzunehmen, um sich zu schützen. Vielleicht laufe ich heiß und spiele schlecht, damit ich meinen Peinigern ähnlicher werde. Wer weiß, irgendeinen Grund muss es ja geben. Vielleicht.