Ihre Chips vorteilhaft benutzen Teil II – Pokerstrategien am Einzeltisch

Ihre Chips vorteilhaft benutzen Teil I

Eine andere denkbare Situation
Was wäre ein Beispiel für eine Situation, bei der Sie angreifen sollten? Wir haben schon gedacht, Sie würden nie fragen. Angenommen, Sie spielen No Limit Holdem (was sonst?) und haben 1.000 Chips, die Blinds sind bei 50 und 100. 350 sind im Pot. Sie haben Q♦ J♣. Nach Ihnen ist ein Spieler mitgegangen, er hat 2.000 Chips. Der Flop bringt K♥ 10♥ 9♥. Die gute Nachricht ist, dass Sie den bestmöglichen Straight gefloppt haben. Schlecht ist, dass ihm jede Herzkarte beim Gegner den Flushansatz gibt, außerdem besteht die Minichance, dass er bereits zwei Herzkarten hält. Sie sollten sofort alles in den Pot schieben. Abhängig von den Handkarten des Gegners und angenommen, dass er nur eine Herzkarte hat, sind Sie mindesten 60 zu 40 (maximal 65 zu 35) Prozent Gewinnfavorit. Sie können es schlichtweg nicht erlauben, dass der Gegner hier preiswert an die nächste Karte kommt. Andererseits lassen Sie sich nicht von Karten mit eingebauter Schwäche mitreißen. Dann wird es gefährlich, dem Gegner durch Schieben preiswerte Verbesserungsmöglichkeiten zu bieten, mit denen er Sie dann vielleicht erledigt.

Bewusst zurückhaltendes Spiel wie eben beschrieben sollten Sie nur mit den bestmöglichen oder zweitbesten Karten in einer gegebenen Situation versuchen. Mit den Nuts (der bestmöglichen Hand unter den gegebenen Umständen) und wenig Chips sollten Sie weder im Holdem noch im Omaha auf dem River schieben. Setzen Sie zumindest minimal (oder maximal, wenn Sie ziemlich sicher sind, dass der Gegner mitgehen wird). Wenn Sie auf dem River beginnen müssen und schieben, verlieren Sie vielleicht einen Einsatz, weil der Gegner ebenfalls schiebt. Viele Spieler interpretieren solche Schlusswetten als Versuch, den Pot zu stehlen, und erhöhen vielleicht zurück. Wenn das passiert, erhöhen Sie erneut um das Minimum. Wir betonen es nochmals: Sie wollen aus diesem Blatt das maximal Mögliche herausholen. Sie brauchen jede Patrone, deswegen versuchen Sie, so viel wie möglich zu gewinnen. Je mehr Chips Sie haben, desto länger sind Sie im Rennen und desto besser sind die Chancen, zurückzukommen und das ganze Turnier zu gewinnen.

Aus Verzweiflung spielen
Neun von zehn Spielern fliegen aus einem Einzeltischturnier. Der Großteil dieser Leute (und Sie werden manchmal auch dabei sein) ist manchmal gezwungen, Blätter aus reiner Verzweiflung zu spielen. Obwohl man das in jeder Form von Turnier erlebt, passiert es am häufigsten in Einzeltischturnieren, weil die Strecke vom Start zum Ziel so kurz ist. Verzweiflung ist der Punkt, an dem Sie so wenige Chips haben, dass Sie die nächsten Blinds eventuell schon nicht mehr komplett bezahlen können. Sie sind nun in dem gefürchteten Gebiet unterhalb der 5-bis-U)-Regel und müssen auf dem Boden kriechen. Angenommen, Sie haben noch Chips für zwei Big Blinds. Jetzt müssen Sie sehr genau auf Ihre Blätter achten, wohl wissend, dass jetzt jedes Ihrer Spiele Action von anderen bekommt, die Sie untergehen sehen wollen (so wie wir es in dem Kasten Die Gefahr, nur wenige Chips zu haben etwas vorher beschreiben). Die grausame Wahrheit ist nun, Sie können niemanden mehr bedrohen, höchstens sich selbst. Der beste Weg ist deswegen jetzt, dass Sie sich selbst so gut wie möglich behandeln.

Holdem
Wenn Sie A-K, A-Q, gleichfarbige A-J oder K-Q, A-A, K-K oder Q-Q bekommen, gehen Sie all in. egal was vor Ihnen passiert ist und egal aus welcher Position. Sie wollen mit einem sehr guten Blatt sozusagen dem (Turnier-)Tod von der Schippe springen. Aus mittlerer Position binnen Sie 10-10 und J-J hinzufügen, ebenso jede K-Q, abhängig vom Stil des Gegners. Noch einmal: Sie werden vermutlich keine Chance haben, bessere Karten zu erhalten und Ihre Chips zu verdoppeln, deswegen sollten Sie auch mit niedrigeren Paaren angreifen. Wir meinen, dass es ein Idiotenmanöver ist, hier mit Q-J all in zu gehen, weil zu viele nahezu abgewürgte Überkarten (wie K-2) dagegen stehen könnten und von Spielern mit mehr Chips einfach mal gespielt werden. Sie verlieren mit solchen Blättern öfter als Sie gewinnen, weil Ihr Startblatt ohnehin schon niedriger ist (als K-2) und Sie ein Paar mit dem Board finden müssen, um nicht perdu zu sein. Außerdem werden Sie meist mehr als einen Gegner haben, die wegen Ihrer wenigen Chips mitgehen. Als Letzter, wenn niemand vor Ihnen gesetzt hat, sollten Sie mit jedem Paar und beliebigen zwei Karten 10 oder besser oder jedem Ass all in gehen. Sie möchten, dass die anderen aussteigen oder dass jemand gegen Ihr halbwegs gutes Blatt verliert. Im Big Blind sollten Sie – aus Verzweiflung – jede Erhöhung des Small Blind mitgehen, wenn Sie ein Paar oder verbundene gleichfarbige Karten halten.

Wir empfehlen sehr, sogar mit beliebigen zwei Karten 8 oder höher mitzugehen, weil der Small Blind vielleicht einfach versucht. Sie aus dem Spiel zu drängen. Sie brauchen zum Mitgehen nur ein Drittel des Pots zu zahlen, und nahezu alle Karten haben hei Holdem in einem von drei Fällen die Chance, zwei beliebige andere Karten zu schlagen. Es gibt fast nur einen Fall, wann Sie nicht alle Chips riskieren sollten. Das ist unmittelbar vor dem Geld, wenn es sein könnte, dass jemand anderes vorher hinausfliegt und Sie damit eine echte Chance auf einen (zumindest kleinen ) Geldsegen hätten (mehr zum Thema Spiel auf der Blase finden Sie in Poker-Artikel ). Im Small Blind ohne vorheriges Engagement anderer Spieler – und nicht unmittelbar vor dem Geld – sollten Sie mit beliebigen zwei Karten 8 oder besser all in gehen. Mit kleinen gleichfarbigen verbundenen Karten sollten Sie nur mitgehen, und wenn der Big Blind erhöht, gehen Sie mit. Immerhin haben Sie schon etwas Geld im Pot, und wenn Sie jetzt einfach aussteigen, geben Sie einiges an Tischleben auf. Das sollten Sie in Ihrer verzweifelten Lage nicht tun. Wenn Sie mit einem Ministapel auf dem Flop ein Paar machen, gehen Sie all in oder gehen Sie bei jedem Einsatz vor Ihnen mit, sowohl im Holdem als auch im Omaha. Noch einmal: Sie sind in einer verzweifelten Situation, und das Board ist freundlich zu Ihnen. Vielleicht gibt der Gegner auf, und Sie gewinnen automatisch; wenn er nicht aufgibt, haben Sie ihn vielleicht trotzdem in diesem Moment geschlagen. Sie müssen auch hier Ihre Ausbeute maximieren, um eine Chance auf Turniergeld zu haben.

Omaha
Im Omaha schieben Sie mit einem Paar Buben, vier Karten 10 oder besser oder großen doppelt gleichfarbigen Karten (Beispiel: A♥ 2♥ K♦ 9♦) alles in den Pot (oder Sie erhöhen, wenn es kein Pot Limit ist). Sie wollen, dass alle aussteigen oder dass einer mit schwächeren Karten mitgeht. Aus Verzweiflung werden Sie zum aggressivsten Spieler, wenn Ihr Blatt gut ist. Aus mittlerer Position können Sie alle Zehnerpaare oder besser hinzufügen und alle vier Karten mit Ausbaumöglichkeit zum Straight. Sie müssen jetzt die Belohnung maximieren, denn Sie spielen mit dem Rücken zur Wand. Mit halbwegs guten Karten heißt es jetzt Spannen, laden und aus allen Rohren feuern.

Eine Beispielübung mit wenigen Chips
Hier nun eine Analyse aus einem Limit-Spiel, damit Sie ein Gefühl bekommen, wie grundlegende Pokertheorie auf ein reales Problem angewendet wird. Angenommen, Sie halten verschiedenfarbige 2-5 auf dem Button. Es ist eine Partie mit fünf Spielern. Sie haben noch Chips für genau zweimal den Big Blind. Ein Spieler eröffnet mit einfacher Erhöhung, der nächste Spieler (direkt vor Ihnen) geht mit. Nun sind Sie dran. Mitgehen oder aussteigen? Die kurze Antwort ist, Sie sollten nahezu sicher aussteigen. Sehen wir uns die Verhältnisse im Detail an: Wenn Sie mitgehen und gewinnen, bekommen Sie mindestens fünfeinhalb Einsätze, wenn Sie al! in gehen. Wenn Small oder Big Blind mitgehen (sehr wahrscheinlich, weil Sie der Winzling im Pot sind), werden Ihre Auszahlungsquoten noch besser. Und wenn einer der Blinds fies wird und erhöht, sind Sie nun im All-in-Schutz. Sie können nichts mehr setzen, aber auch nicht mehr aus dem Pot gedrängt werden. Die anderen Spieler müssen nun entscheiden, ob sie weitermachen wollen, Sie nicht. Jeder, der jetzt aussteigt, verbessert Ihre Chancen, denn Sie werden alle Gemeinschaftskarten sehen, und weitere Einsätze bilden einen Sidepot.

Das große Problem ist hier allerdings, dass Sie mit 2-5 vermutlich der absolute Außenseiter sind. Sie müssen etwas tun und haben nicht viel Zeit. Vermutlich wird immer jemand mitgehen, wenn Sie spielen. Wenn Sie jetzt aussteigen, haben Sie immerhin noch drei Chancen (inklusive wenn Sie Big Blind sind), bessere Startkarten als diese zu bekommen. Wie immer sollten Sie auf bessere Karten warten. In diesem Fall werden sie nahezu sicher besser, denn es gibt kaum schlechtere als 2-5. Selbst wenn Sie auf dem Big Blind zum all in gezwungen werden, ist es fast sicher, dass Sie bessere Karten ziehen als diese. Achten Sie auf die Quoten, die Sie für Ihren Einsatz bekommen. Dazu vergleichen Sie. wie viel Sie einsetzen müssen, mit dem potenziellen Gewinn, wenn der Flop zu Ihren Karten passt. Sie sollten immer den möglichen Gewinn gegenüber den noch möglichen Blättern in dem kurzen Chipleben abwägen, das Ihnen noch bleibt. Allgemein müssen Sie bei wenigen Chips natürlich immer da spielen, wo Sie am meisten für sich herausholen können, trotzdem dabei aber immer die Gewinnmöglichkeit im Auge behalten.