Geschichte und Strategien im Poker während des Cajun Cup Teil III

Ich würde also keine weiteren Moss-Storys für die Jungs daheim verpassen und konnte mit dem guten Gefühl eines ordentlichen Gewinns aufhören. Offensichtlich hielt meine Glückssträhne überall und gegen jeden. Ich lag für den Tag mit 1 600 Dollar und für das Wochenende mit knapp über 12 000 Dollar im Plus. Mein Spielkapital, das zu Anfang dieser Reise nur 7 500 Dollar betragen hatte, war bis auf 300 Dollar wieder auf die ursprünglichen 20 000 Dollar aufgestockt. Falls ich weiter so zulegte, konnte ich vor meiner Abreise sogar die 10 000 Dollar Teilnahmegebühr für die World Series an Ort und Stelle hinterlegen. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf zwackte ich 2 000 Dollar von meinem Gewinn für den Abend ab und beschloss, den Rest in Sicherheit zu bringen.

Die Kassiererin am Schalter zog ein wenig gekränkt die Augenbraue hoch, als sie sah, wie ich 10 000 Dollar in Hundertdollar-Scheinen in meinem Schließfach deponierte. So reich, wie ich aussehe, bin ich gar nicht, erklärte ich ihr. Um 17.01 Uhr herrschte dichtes Gedränge vor Spaghetti Red’s, dem größten Restaurant des Binion’s, das eigentlich um fünf Uhr seine Türen öffnet. Wir hungrigen Mäuler standen schon kurz davor, die Türen einzutreten, als eine unauffällige, kleine Gestalt mit einem großen Stetson auf dem Kopf am Ende der Schlange auftauchte und sich dort einreihte: Benny Binion persönlich.

Seine Präsenz war derart deutlich zu spüren, dass sich alles in mir danach drängte, die unglückseligen Italiener im Restaurant vor einem schweren Fehler zu bewahren und ihn nicht noch länger warten zu lassen. Da er meine Körpersprache offenbar verstand – und wohl auch seinen zahlenden Kunden weiteres Warten ersparen wollte-, schlenderte Binion höflich an den Anfang der Schlange, woraufhin sich wie durch ein Wunder die Türen öffneten. Während ich hinter dem Boss das Restaurant betrat, beglückwünschte ich insgeheim den sichtlich erschrockenen Oberkellner zum offenkundigsten Fall von Sesam-öffne-dich, den ich je miterleben durfte.

Als ich das nächste Mal hinschaute, hatten sich Johnny und Virgie Moss zu Benny an dessen abgeschiedenen Ecktisch gesellt. Ich dachte gerade an das große Spiel mit dem Griechen vor all diesen Jahren und daran, wie viel Pokergeschichte wohl in dieser Ecke versammelt saß, als Moss mich zu ihnen heranwinkte. Was machst du denn hier, mein Sohn? Du hättest da unten deinen Lauf ausreizen sollen. Ohne auf meinen gemurmelten Erklärungsversuch zu achten, fuhr er fort: Trink einen mit uns. Wir feiern. Weißt du, was wir feiern? Ich wusste nur, dass er im Mai Geburtstag hatte, irgendwann um meinen eigenen Geburtstag herum, etwa zu Beginn der World Series. Nein, nein, sagte er, und Ostern ist es natürlich auch nicht. Er schaute zu Binion hinüber, der ein Grinsen aufsetzte. Benny und ich feiern fünfundsiebzig Jahre Freundschaft.

Benny Binion sollte neun Monate später sterben, doch zu jener Zeit wirkte er unsterblich. Ich erhob mein Glas zu einem ehrfürchtigen Toast, hörte mir ein paar ihrer Kindheitserzählungen an, hatte dann aber das Gefühl, ich sollte sie besser alleine lassen. Ich weiß, wann etwas eine Nummer zu groß für mich ist. Außerdem hatten Don und ich verabredet, dass ich mein Glück in jenem riesigen Turnier versuchen sollte, das jeden Sonntagabend im Las Vegas Hilton stattfand und wo zahllose Rebuys aus den gerade einmal 30 Dollar Startgebühr der wenigen Teilnehmer völlig unproportionierte Gewinne machen konnten. Nach einem kräftigenden Nudelgericht ging es Richtung Uptown.

Dort stellten wir fest, dass das Turnier im Hilton wie immer die lohnendsten – und zugleich entmutigendsten – Quoten der ganzen Stadt bot. Als nach zwei Stunden die Pause kam, die das Ende der Rebuy-Phase bedeutete, hatten sich achtzig Turnierteilnehmer hundertzwanzig Nachkäufe gegönnt und das Preisgeld auf über 6 000 Dollar anschwellen lassen – ein Gewinn von 200:1 auf die Einlage. Und außerdem gab es nur neunundsiebzig andere Spieler, die diesen Pot knacken wollten. Die Großmütigkeit des armen alten Don wurde nun ihrer härtesten Prüfung unterzogen.

Okay, meine noch immer anhaltende Glückssträhne hatte ihm eine Reihe kostenloser Mahlzeiten beschert; doch er hatte sich die ganze Woche über mit bescheidenem Erfolg am $ 3/$ 6-Tisch abgerackert, während ich mühelos bei den $ 20/$ 40-Spielen abgeräumt hatte. Und zu allem Überfluss flog er kurz nach dem Ende der Rebuys aus dem Turnier und musste mit ansehen, wie ich tüchtig ins Geld kam. Es war wirklich meine Woche. Um Mitternacht nahm ich stolz am Finaltisch Platz, wo ich in einen Showdown mit Bill Smith geriet, einem der wenigen ehemaligen Weltmeister, die sich bei diesen Kleingeld- Veranstaltungen blicken lassen. Bills Paar hielt gegenüber meinem optimistischen Flushansatz stand, und ich flog an achter Stelle aus dem Turnier.

Ich hatte fünf Stunden dafür benötigt, zweiundsiebzig andere Teilnehmer aus dem Feld zu schlagen – einhundertundzweiundneunzig, falls man die Rebuys mit einbezog – und mir so ein Preisgeld von 75 Dollar zu sichern. Und eine Baseballkappe mit dem Logo des Kartensaals im Hilton. Wow. Das Ganze erschien mir als ziemlich wertloser Sieg. Es war mein letzter Abend in Vegas, und ich hätte meinen Lauf in meiner neuen $ 20/$ 40-Heimat im Binion’s oder, bei mehr Ehrgeiz, an irgendeinem anderen Tisch zu größeren Geldgewinnen nutzen sollen. Wie viel hätte ich dort wohl gewonnen, wenn ich mit derart nachhaltigem Erfolg gespielt hätte – geschweige denn bei der Pot-Limit-Partie? Das ließ sich nur herausfinden, wenn ich zu einem letzten Gastspiel ins Binion’s zurückkehrte.

Verblüffenderweise – so als warte er geradezu auf mich – war mein nachmittäglicher Platz wieder frei. Abgesehen vom Abstecher ins Hilton am heutigen Abend hatte ich dort achtundvierzig Stunden am Stück gespielt. Meine Liebesaffäre mit dem $ 20/$ 40-Tisch erinnerte langsam an die Endlospartien der guten alten Zeit. Im Verlauf des Tages waren einige wenige neue Gesichter aufgetaucht, doch niemand hatte sich hier behauptet, seit ich gestern Morgen meinen Platz eingenommen hatte. Und nur ich allein wusste, dass ich in sieben Stunden zum Flughafen würde fahren müssen. Kaum hatte ich mich hier wieder häuslich eingerichtet – ein alter Recke an diesem Tisch, auch wenn die Hälfte der Spieler dies nicht wusste -, geriet ich in einen Streit. Die Sache zeigte zwar, wie müde ich inzwischen war, doch immerhin konnte ich erfreut feststellen, dass mein Kontrahent meinen Fehler meinem angeblichen Amateurstatus zuschrieb.

Eigentlich hatte ich geglaubt, mittlerweile sämtliche Verhaltensregeln beim Pokern zu beherrschen, doch dann beschwerte sich Schnurrbart, ein nervöser junger Nachtschwärmer, über meinen angeblich fehlerhaften Einsatz. Um seine 40 Dollar zu erhöhen, hatte ich eine Hand ausgestreckt, in der ich eine willkürliche Zahl von Chips hielt – insgesamt 75 Dollar, wie sich herausstellte. Als ich nach dem fehlenden Fünfdollar-Chip griff, protestierte er mit den Worten: String Bet! Die anderen Spieler lehnten sich in ihren Sitzen zurück und richteten sich auf eine längere Auseinandersetzung ein – wie sie in Vegas häufig vorkommt, dort allerdings dank der größeren Erfahrung der Dealer schneller und freundschaftlicher geregelt wird als in London. Doch statt wie erwartet zu widersprechen, plädierte ich stumm auf nicht schuldig. Nach einer kurzen Rüge wurde ich als Tourist abgestempelt, der frisch von der Straße hereingeschneit war, und man gestattete mir, meine Erhöhung zu vollenden. Es war das Ende von Schnurrbart und der Anfang eines weiteren, allerletzten Laufs für mich. Um 2.00 Uhr morgens hatte ich 1 100 Dollar gewonnen, und noch war kein Ende abzusehen. Aber ich musste die Partie beenden. Zwar brach langsam der Ostermontag an, aber die anderen waren keinesfalls in der Stimmung, pleite ins Bett zu gehen. Doch im Gegensatz zu mir blieb ihnen auch noch der ganze morgige Tag zum Spielen. Um 2.30 Uhr waren wir nur noch zu dritt. Zum ersten Mal während der ganzen Nacht redeten wir miteinander und diskutierten darüber, ob sich das Weiterspielen lohnte. Ich schlug vor, dass wir noch eine halbe Stunde weitermachten – im Gedanken an meine unmittelbar bevorstehende Abreise nach Los Angeles sowie an das Bedürfnis nach ein wenig Schlaf, bevor ich bei einem glanzvollen Oscar-Mittagessen erwartet wurde. Der Vorschlag wurde angenommen, und so schlugen wir noch eine letzte halbe Stunde damit tot, uns gegenseitig die Chips abzunehmen. Um 3.00 Uhr brachen wir im allgemeinen Einverständnis die Partie ab.

Beim Einlösen stellte ich fest, dass ich mit 1 487 Dollar im Plus lag. Zählte man meinen hart verdienten Gewinn von 45 Dollar im Hilton dazu, schloss ich das Wochenende mit einem Gewinn von 13 732 Dollar innerhalb von drei Tagen ab. Während die Pokerkreuzfahrt noch bevorstand, war mein Spielkapital von 7 500 auf über 21 000 Dollar angewachsen. Zum ersten Mal in diesem Jahr hatte ich die Gewinnzone erreicht.

Ich beschloss, dass dies genug war, und genoss einen kurzen Augenblick lang den Moment, auf den ich das ganze Jahr hin-gearbeitet hatte. Dann hinterließ ich 10 000 Dollar in meinem Schließfach im Horseshoe, die mich bei meiner Rückkehr in kaum sechs Wochen für die World Series of Poker erwarten würden. Ich hatte die Teilnahmegebühren gewonnen!