Einleitung in Lotto- und die anderen Glücksspiele – erfahren Sie mehr

Es muss Anfang des Jahres 1763 gewesen sein, da schenkte Casanova den Preußen ein diesen damals noch unbekanntes Laster: das Lotto. Alle anderen waren hier auch schon bekannt. Dafür mangelte es dem Staat an Geld. Die Schlesischen Kriege waren teuer gewesen, und noch immer herrschte Ebbe in der Staatskasse. Gemeinsam mit Casanova spazierte Friedrich der Große an diesem Tag durch den Park von Sanssouci.

Sie kennen doch bestimmt Calzabigi, erkundigte sich der König der Preußen. Gerade nämlich hatte er den Italiener Giovanni Antonio Calzabigi damit beauftragt, eine Lotterie einzurichten.
Ja, Sire, antwortete Casanova, denn vor sieben Jahren haben wir in Paris die genuesische Lotterie eröffnet.

Und diese ist für Sie auch eine Art Steuer?
Ja, Sire. Es ist eine Steuer der exzellenten Gattung, wenn der König den Gewinn nützlichen Zwecken zuführt.

Noch immer war Friedrich der Große nicht zufrieden: Aber der König kann dabei verlieren.
Casanova beruhigte ihn: In einem von zehn Fällen.

Casanova musste offenbar auch in der Lage gewesen sein, Monarchen zu betören. Unmittelbar nach dem Gespräch, am 8. Februar 1763, erklärte ein Erlaß Friedrichs des Großen alle Lotterien einschließlich der Klassenlotterien zum Staatsmonopol und führte das Lotto ein. 5 aus 90 hieß das Spiel – es sorgte für Pegelanstieg in den Staatskassen. Später hat der vorsichtige Herrscher die Lotterie verpachtet. Sicher ist sicher.

Heute können die staatlichen Lotterien in keinem Fall mehr verlieren. Die Höhe der Gewinne errechnet sich bei Toto und Lotto aus den Einsätzen, und selbst da, wo feste Gewinne die Spieler locken (Glücksspirale, Sofortlotterien), haben die Statistiker ausreichend Sicherheitspuffer eingeplant.

Den Brauch, einen Teil der Einsätze für gemeinnützige Zwecke abzuzweigen, haben die Veranstalter beibehalten. Sogar die Bundesregierung legte sich vor dem Europäischen Gerichtshof eindeutig fest: Gelder, die aus der Betätigung des Spielbetriebs entstanden sind, sollen nicht demjenigen zufließen, der sich diese Einnahmequelle erschlossen hat. Vielmehr sollen diese Gelder unter gemeinwohlorientierten Gesichtspunkten der Gesellschaft zugutekommen (z. B. für Sport, Kultur, Soziales, Umwelt).

Die Lotterien sind in Deutschland in der Hand der Länder. Jedes gibt dem Glücksspiel Regeln, und diese sind in jedem Bundesland anders. Die Lotteriesteuer beträgt zwar überall ein Sechstel der Einsätze – aber wie die Konzessionsabgaben und Zweckerträge verwendet werden, das bestimmen die Landesregierungen selbst. Und die – besser gesagt: deren verantwortliche Politiker – haben in diesen Zeiten der knappen Kassen ihre eigenen Interessen. Beispiel Berlin:

Es ging um 20 Millionen €. Eine Überweisung in dieser Höhe hatte der Lawn-Tennis-Turnier-Club Rot-Weiß e. V. von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin erhalten, um seine Tribüne auszubauen. Damit sollte sichergestellt werden, dass die deutsche Tennisspielerin Steffi Graf auch in Zukunft während der German Open die Hauptstadt beehrt und mit ihr die ganze weibliche Weltelite dieser Sportart. 20 Millionen € sind eine Menge Geld, und auch andere Sportvereine, die dahindümpelnde Hauptstadtkultur oder Hunderte von sozialen Einrichtungen hätten sich über eine Zuwendung aus diesem Sondertopf gefreut. Doch die 20 Millionen erhielt ein Nobel-Tennisclub, über dem wenige Jahre zuvor schon einmal das Lottofüllhorn ausgeschüttet worden war.

Drei Boulevardzeitungen hat die deutsche Hauptstadt. Doch der Skandal blieb aus. Dem Tagesspiegel war die Story nur eine kleine Meldung im Lokalteil wert. Ein ganz normaler Berliner Lottospieler, nennen wir ihn Otto Lotto, 46, verheiratet, zwei Kinder, stellte sich dagegen schon die Frage, wer denn da so großzügig mit seinen Spieleinsätzen umgegangen war und sie einem Großkotz-Club in den Rachen geworfen hatte. Entschieden hatte der Stiftungsrat, der in Berlin die sogenannten Zweckerträge aus den staatlichen Lotterien verteilt – jährlich zwischen 125 und 140 Millionen €. Senat und Abgeordnetenhaus stellen darin je drei Mitglieder, alle sechs gehören den beiden großen Volksparteien CDU und SPD an. Mittenmang: CDU-Fraktionschef Klaus-Rüdiger Landowsky und sein Parteifreund, der Bundestagsabgeordnete Dankward Buwitt. Wäre Otto Lotto Angehöriger der hauptstädtischen Honoratiorenriege, wäre er sicher auch Mitglied in besagtem Tennisclub. Und wen würde er da auf den Hauptversammlungen regelmäßig treffen? Landowsky und Buwitt! Außer ihnen zählt eine ganze Reihe von prominenten Berlinern aus Politik und Wirtschaft zu den Mitgliedern. Weil schon auch einmal die Günstlinge der Genossen ihren Teil der Lottomittel abbekommen, sprechen die Grünen in der Hauptstadt von einer geschlossenen Gesellschaft und von Regierungsfilz.

Aber so ist das eben beim Lotto: Einer gewinnt, dem großen Rest bleiben die Brosamen. Dabei klingen die Werbebotschaften der 16 Ländergesellschaften, die das Glücks-geschäft betreiben, ganz anders: Toto-Lotto, ein großer Gewinn für alle, wirbt die Sport-Toto GmbH Staatliches Zahlenlotto Rheinland-Pfalz. Von jeder eingesetzten €, so lassen uns die Koblenzer Glücksspielmanager wissen, werden 50 Pfennig dafür benutzt, Millionäre zu machen, und fast 39 Pfennig werden zugunsten von guten Taten eingesetzt. Jede Spielmark leiste also für das Land Altenhilfe, fördere den Behindertensport oder pflege ein Denkmal. Dies sei eine Tatsache, die noch viel zu wenigen bekannt ist.

Leider entspricht diese Tatsache nicht der Wahrheit. Wer Lotto spielt, ein Rubbellos zieht oder auf Ergebnisse tippt, will gewinnen. Ja, renn’ nur nach dem Glück, doch renne nicht zu sehr! Denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher. In seinem Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens spottet Bertolt Brecht über die Glückssucher. Das Lied könnte auch auf die Glücksspieler zutreffen. Denn am schnellsten und erfolgreichsten beim Zugriff auf die Millionen sind die Finanzminister und die in den 16 Länderresidenzen der Lottogesellschaften Beschäftigten. Weit mehr als zehn, teils bis zu 18 Prozent des Einsatzes der deutschen Tipper gehen für exorbitante Gehälter, Provisionen, Verwaltungsbauten und -kosten drauf. Bei den Klassenlotterien, Süddeutsche Klassenlotterie (SKL) und Nordwestdeutsche Klassenlotterie (NKL), ist der Kostenanteil noch erheblich höher.

Aber immerhin ist die Chance, beim Lotto sechs Richtige zu haben, mit eins zu 14 Millionen dreimal größer als die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden. Und so zahlen die Deutschen jährlich mehr als zwölf Milliarden € an den 22 000 Toto-Lotto-Annahmestellen des Landes ein, mehr als die Hälfte allein für die Hoffnung auf sechs Richtige am Samstag. Zusammen mit den Spielbanken, den Rennwetten, den Daddelautomaten und anderen Glücksspielen ist das ein riesiger Markt. Rund 1000 € durchschnittlich geben die Deutschen für Wetten und Glücksspiel jährlich aus – mehr als etwa die Engländer (800 €). In Europa nimmt der Glücksspielmarkt unter den Wirtschaftsbranchen den 13. Rang ein, noch vor der Computerindustrie oder dem Werft- und Schiffbau.

Der Erfolg der staatlichen Lotterien, um die es hier geht, basiert auf einem harten Wettbewerb mit ungleichen Chancen. Bis heute ist keine Lotterie zugelassen worden, die nicht staatlich kontrolliert wäre und unter der Regie der 16 Lotteriegesellschaften stünde. Der Markt für Neues, behaupten Politiker und Lottomanager stets, wenn Konkurrenz droht, sei gesättigt. Gegen ausländische Wettbewerber wehren sie sich mit den Argumenten, der den Menschen innewohnende Spieltrieb müsse begrenzt werden. Das ist nach dem Gesetz sogar ihre Aufgabe. Die Freizügigkeit der Lotterien in Europa ist deshalb bis heute eingeschränkt.

Wie bei den Fernsehlotterien trägt auch beim Lotto zur hohen gesellschaftlichen Akzeptanz bei, dass der Spielverlust einem guten Zweck zukommt, wie es heißt. Das schwer durchschaubare System aus Verordnungen und Sonderregelungen bedingt allerdings auch die offensichtliche Selbstbedienungsmentalität einiger Lottofunktionäre. Öffentliche und private Interessen, so stellt der Berliner Journalist Harry Nutt fest, treten hier eng aneinander auf und sind als unüberschaubares Feld für lobbyistische Aktivitäten und persönliche Bereicherungen vorstellbar. Unser Sportwetten Ratgeber soll Licht auch in dieses Dunkel bringen.

Wer nicht gewinnt, kann sich damit trösten, wenigstens einem guten Zweck genutzt zu haben – sagt uns die Werbung. Und so glaubt nicht nur die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass von den Einsätzen ein hoher Prozentsatz sozialen, kulturellen und sportlichen Zwecken zugeführt worden ist. Der Bonner Jurist Fritz Ossenbühl kommt deshalb in einem Gutachten zum Schluß, dass die öffentlichen Lotterien grundsätzlich eine höchst nützliche Bedeutung für das Gemeinwohl haben. Was aber ist ein hoher Prozentsatz?

Weder gelangt die Hälfte der Einsätze an die Gewinner, noch kommen alle Überschüsse gemeinnützigen Zwecken zugute. Von den 39 Pfennigen für letzteres geht ein Sechstel an die Finanzminister der Länder und damit an den allgemeinen Staatshaushalt – insgesamt rund zwei Milliarden € jährlich. Dass Politiker immer dem Gemeinnutz dienen, kann leider nicht behauptet werden. Wie der Rest der Lotterieüberschüsse ausgegeben wird, haben die Bundesländer unterschiedlich geregelt. In manchen werden, wie in Berlin, tatsächlich mehr oder weniger gemeinnützige Zwecke bedient. Doch wo es um Millionen geht, da sind Begierden. Die Kultur-, Sport- und Sozialpolitiker rangeln und zerren um jede Lotteriemark. Selbst höchste Landespolitiker sind sich nicht zu schade, beim Gemauschel um die Millionen mitzumischen.

Eine Übersicht über den Lottosumpf hat außerhalb der Lottogesellschaften niemand. Bayerns Staatliche Lotterie-verwaltung entzieht sich gar vollständig einer Kontrolle, die über das Beamtenwesen hinausgeht. Jahresabschlüsse wer-den nicht veröffentlicht. Ihrem Wunsch auf Zusendung eines Geschäftsberichts können wir leider nicht entsprechen, schrieb die Behörde, da die Staatliche Lotterieverwaltung als Unternehmen einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft weder nach dem Gesetz über die Rechnungslegung von bestimmten Unternehmen und Konzernen (Publizitätsgesetz) noch nach dem Handelsgesetzbuch zur Offenlegung und Bekanntgabe ihres Jahresabschlusses verpflichtet ist. Auch Nordwest Lotto in Schleswig-Holstein zeigt sich frostig. Schon die Frage nach der Zahl der Annahmestellen bereitete in der dortigen Pressestelle Kopfzerbrechen, und sie weigerte sich, auch nur einen Geschäftsbericht zur Verfügung zu stellen. Eine höchst undemokratische Geheimniskrämerei! In Nordrhein-Westfalen hat sich Manfred Busch, bündnisgrüner Abgeordneter im Düsseldorfer Landtag, die Zähne ausgebissen beim Versuch, hinter die Kulissen der Westdeutschen Lotterie GmbH & Co. zu blicken. Das sei, sagt er, ein richtiger Sumpf, die Gesellschaft habe sich allseitig interessengeleitet abgeschottet.

Wem es jedoch gelingt, den Nebel zu lichten, der erkennt, wo die Millionen der Tipper bleiben: in vielen Bundesländern dienen sie – was meist verschämt verschwiegen wird – als Einnahmequelle für die Finanzminister der Länder, verschwinden also wie Steuern in den öffentlichen Haushalten. In den Ländern, in denen die Zweckerträge gemeinnützigen Zwecken zugute kommen sollen, fehlt es an Transparenz. Häufig führt das zu einer Verwendung der Mittel, die nicht den Lotteriegesetzen und schon gar nicht den Interessen der Spieler entspricht, die sich in diesen Fällen um ihre Einsätze betrogen fühlen dürfen. Und schließlich erlauben Politiker einigen Lotteriegesellschaften, einen allzu üppigen Teil der Einsätze zusätzlich zu den Bearbeitungsgebühren für die Verwaltung abzuzweigen. Immer wieder führt dies zu ausgeprägten Fällen von Selbstbedienung durch Lottofunktionäre. Häufig genug sind das ehemalige Politiker.

Und schließlich: Weil die Lotterien ausgesprochen einträgliche Geschäfte mit garantiertem Gewinn zugunsten der Länderhaushalte sind, wehrt eine Koalition aus Politik, Sport und Veranstaltern jeden Versuch ab, Alternativen zum staatlichen Glücksspielangebot aufzubauen. Dem offensichtlich verärgerten Lottospieler Frank Rösner aus Bürgstadt ist zuzustimmen: Unter dem Titel Die Lotto- Mafia analysierte er den Lottoschwindel am Beispiel Bayern. Sein Resümee, das er im Internet verbreitet: Die Lottospieler sind lediglich die Melkkühe des Finanzministers. Doch andere melken mit!