Der passiv-verhaltene Tisch kann gefährlich werden Teil I – neue Pokerstrategien lernen

Wenn wir uns mit Pokerlektüre befassen – und der amerikanische Buchmarkt ist voll davon dann lernen wir meist Strategien, die, wenn auch nicht ausschließlich, so doch zumindest vorwiegend, auf passiv/ verhaltenen Tischen einsetzbar sind. Was im trockenen Spiel ein Vorteil ist, wird im lockeren Spiel zum Nachteil und umgekehrt! Der gute Spieler ist natürlich mit allen auftauchenden Situationen vertraut und weiß sich entsprechend zu verhalten. Das ist, wie bereits erwähnt, insbesondere dann von größter Wichtigkeit, wenn sich die Dynamik des Tisches plötzlich ändert. Je schneller Ihnen dies bewusst wird, je rascher Sie sich den veränderten Gegebenheiten entsprechend verhalten, desto größer wird letztendlich Ihr Erfolg sein.

Meist gehen wir davon aus, dass Tische mit niedrigen Limits eher aktiv und locker sind und Tische mit hohen Limits sind eher passiv und verhalten. Beides ist eine Tendenz, aber keine Regel!

So wie es Ihnen auf Tischen mit Einsatz $ 0.50/1 (so niedrige Tische und sogar niedrigere gibt es natürlich nur im Internet) passieren kann, dass jeder Spieler nur seine besten Karten unter größter Vorsicht spielt, so können Sie an einem Tisch $ 30/60 sitzen – und die Chips fallen in den Pot, als wäre es Monopolygeld.

In den meisten Fällen können wir natürlich davon ausgehen, dass das Spielverhalten ein anderes ist, wenn ein ganzer Pot kaum dazu ausreicht, sich in kleines Glas Bier zu kaufen, verglichen mit einem einzigen kleinen Einsatz, dessen Wert bereits für ein gutes Abendessen reichen würde – und mit einem guten Pot lässt sich die Wohnungsmiete für einen ganzen Monat bezahlen. Wenn Sie Ihre ersten Versuche auf höheren Tischen unternehmen – wir gehen jetzt natürlich von solchen aus, die auch wirklich passiv und verhalten gespielt werden -, dann werden Sie mit einer völlig neuen Situation konfrontiert sein. Natürlich ist es genau das Gleiche, wenn Sie an einem Tisch mit niedrigen Einsätzen spielen, der plötzlich überwiegend von trockenen Spielern besetzt ist.

Sie waren gewohnt, dass die Pothöhe oft 20 und mehr kleine Einsätze betragen hat, dass die Potquote meist erlaubt hat, Kaufchancen wahrzunehmen, dass es meist Flushs und Straßen waren, die gewonnen haben, und dass es in fast jedem Spiel einen Showdown gegeben hat.
Plötzlich wird oft gar kein Flop geteilt, weil nach einer einzigen Erhöhung alle anderen passen. Oft genug gibt es überhaupt keinen Einsatz, und der Spieler am Big Blind rettet den seinen, den halben Einsatz des Small Blind dazugewinnend. Viele Begegnungen werden zwischen einem einzigen Spieler und dem Big Blind ausgetragen. Auch nach dem Flop, am Turn und am River, vernehmen wir wesentlich häufiger das Wort: „Check!“ oder: „Fold!“, und es scheint, als würde jeder Spieler auf das wirklich unschlagbare Blatt warten, bevor er wirklich einen Einsatz wagt – und alle laufen vor diesem einen Einsatz weg, das wirklich unschlagbare Blatt befürchtend!

Sie wollen diese günstige Situation nützen und bluffen! Einer geht mit, und Sie verlieren! Dann haben Sie endlich gute Karten! Wieder verlieren Sie, denn ein anderer hat bessere! Endlich schauen Sie auf Ihr Traumblatt: Pocket-Rockets, A – A! Sie erhöhen Under-the-Gun. Einer, vielleicht zwei werden mitgehen, denken Sie – hoffen Sie! Uups! Alle passen, und Sie gewinnen gerade die Blinds!

Jetzt halten Sie 10 – 10 am Dealerbutton. Hier bringen Sie nur einen Einsatz, denn dieses mittlere Paar ist ohnehin zu gefährlich für aggressives Spiel. Außer Ihnen kaufen sich noch zwei weitere Spieler in den Pot. Es folgt der Flop:
10♥ – 3♥ – 6♠

Erster Spieler: check!
Zweiter Spieler: check!
Dritter Spieler (Sie): bet!
Erster Spieler (nach langem Überlegen): fold!
Zweiter Spieler (nach ebenso langem Überleben): fold!

Über 20 kleine Einsätze waren Sie bereits im Verlust. Jetzt haben Sie zwei Pots in kurzen Abständen gewonnen. Zusammen: 5 kleine Einsätze! Und Spiel um Spiel geht es so weiter! Wenn immer jemand im Pot bleibt, hat er bessere Karten. Haben Sie ein Topblatt, steigen alle aus! Wie ist das möglich?

Das ist natürlich ganz einfach erklärt: Auf den lockeren Tischen waren Sie gewohnt, dass jeder Müll gespielt worden ist. Niemand hat daran gedacht, was Sie in der Hand halten könnten, wenn Sie einen Einsatz erbracht haben, wenn Sie eine Erhöhung vorgenommen haben. Jeder hat seine eigenen Karten gesehen und diese eigenen Karten gespielt.

Am trockenen Tisch wird jeder einzelne Einsatz respektiert, denn, wie Sie mittlerweile bereits in Erfahrung bringen mussten, sobald Sie 20 Einsätze hinten sind, wird’s schwer, die wieder aufzuholen. Auf lockeren Tischen können die Schwankung Ihres Stacks ohne weiteres 100 Stück und mehr betragen. Auf extrem trockenen Tischen sind 20 Einsätze bereits ein schwerer Rückschlag – oder ein solider Gewinn!

Hier wird nicht nur das eigene Blatt gespielt – gefüllt mit Hoffnungen und Wunschträumen. Hier spielt man das eigene Blatt gegen das des Gegners. Sie brauchen kein Full House und kein Flush zum Gewinnen. Hat der Gegner nichts als ein A hoch, dann brauchen Sie entweder A – K oder 2-2. Schätzen Sie den Gegner auf ein hohes Taschenpaar ein, was brauchen Sie, um ihn zu schlagen? Ein höheres Paar oder einen Drilling! Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie kaufen? Zu klein! Also, Sie passen!

Die unangenehmen Konfrontationen, die uns – sind wir erst einmal an lockeres Spiel gewöhnt – schmerzhafte Verluste zufügen, liegen nicht nur an mangelnder Risikobereitschaft der Gegner, sondern auch am Reading, am Einschätzen der Karten unseres Opponenten; ein Punkt,
mit dem wir uns bei all den wilden Aktionen zuvor sehr selten, wenn überhaupt, beschäftigt haben. Wie sollte es auf lockeren Tischen auch möglich sein, die Strategie der Gegner zu ergründen, wenn hinter all den wirren Aktionen kaum Strategie steckt?

Gehen wir davon aus, dass Sie sich auf lockeren Tischen, nach entsprechender Erfahrung, relativ leicht tun, so werden Sie sehen, dass Sie, nach dem Praktizieren auf trockenen Tischen, Ihre Spielweise auf den lockeren trotzdem noch weiter bereichert haben werden!

Wie gewohnt, beginnen wir bei unserer Analyse natürlich mit den beiden Anfangskarten. Halten Sie sich vor Augen, dass Spieler an trockenen Tischen mit all dem, was Sie hier lernen, zumindest bis zu einem gewissen Grad, ebenfalls vertraut sind! Ab wir uns mit lockeren Tischen befasst haben, kam das Thema der Verbindung von Einsatz und Position kaum zum Tragen, denn auf lockeren Tischen schenkt dem kaum jemand Beachtung. Doch jetzt? Bringt ein Spieler, Under-the-Gun oder in früher Position, einen Einsatz, taucht sofort die Frage auf, was hält er in der Hand, dass er es wagt, in dieser Position zu spielen? Die erste Idee ist ein entsprechend hohes Taschenpaar! Dann kommen A – K hinzu, vielleicht auch noch A – Q in der gleichen Farbe. Der nach-folgende Spieler hält nun J♦ – 10♦. Ohne Zweifel würde er am lockeren Tisch mitgehen. Sobald der Flop auch nur halbwegs passt, werden genügend Spieler im Pot bleiben, und dadurch wird die Potquote entsprechend hoch sein, um ein weiteres Mitgehen zu rechtfertigen.

Nicht hier! Nicht am trockenen Tisch!
Der Spieler in der mittleren Position muss davon ausgehen, dass die Nachfolger passen werden und er somit nur einen, vielleicht zwei Gegner haben wird – und beide mit entsprechend hohen Kartenwerten.
Wie klein ist die Chance, J♦ – 10♦ durch Kauf entsprechend zu verbessern, um ein Taschenpaar oder A – K zu schlagen?!

Vor dem gleichen Problem stehen wir mit 3 – 3 in der Hand. Gegen einen einzelnen Spieler mit A – K hätten wir zwar einen minimalen Vorteil, doch wissen wir, ob er nicht 10 – 10 oder J – J in der Hand hält? Sogar gegen 4-4 sind wir deutlich im Nachteil.

Die Zahl der verschiedenen Möglichkeiten ist grenzenlos. Was ich hier beleuchten möchte, ist die Situation, mit der Sie nun konfrontiert sind: die Wichtigkeit des Abschätzens des gegnerischen Kartenpotenzials unter Berücksichtigung der Position!

Spekulation und Gambling schließen wir aus! Natürlich werden auch hier gelegentlich schwache Karten und so genannte spekulative Kaufkarten gespielt, doch nicht aus der blinden Hoffnung heraus, dass die richtige Karte auf den Tisch fallen könnte, sondern aus rein strategischen Gründen und somit in Situationen, wenn diese Strategie auch angebracht erscheint. Wir werden in weiterer Folge dementsprechende Beispiele analysieren!

Sobald der Flop am Tisch liegt, werden Sie nun wesentlich öfter erleben, dass alle Spieler checken! Strategische Gründe immer ausgenommen: Wer kein solides Paar geformt hat, der checkt, denn er hofft, den Turn gratis zu sehen. Auch kann es durchaus sein, dass ein Spieler mit besonders gutem Blatt checkt, denn er möchte seine Gegner lange genug im Pot halten. Er wartet, dass ein anderer Spieler davon überzeugt ist, über das beste Blatt am Tisch zu verfügen. Das bedeutet natürlich, dass das Ausbleiben von Einsätzen niemals als Garantie schlechter Karten missverstanden werden darf!

Wir haben bereits besprochen, dass jeder einzelne Einsatz – insbesondere im Vergleich mit lockeren Tischen – nun sehr wertvoll ist. Nehmen wir an, Sie halten A9 – JO in der Hand, und es folgt der Flop:
3♦ – 10♦ – J♣

Vor dem Flop ist vor Ihnen ein Einsatz gebracht worden, dann Ihrer, Small Blind hat gepasst, und Big Blind hat gecheckt! Somit sind 3 1/2 Einsätze im Pot. Wir spielen an einem Tisch Limit $ 20/40, also sind das $ 70.
Big Blind: check!
Nächster: check!
Sie?

Wieder überdenken Sie Ihre Position! Der erste Spieler, der vor dem Flop den Einsatz erbracht hatte, sitzt in mittlerer Position. Also, mit welchen Karten könnte er mitgegangen sein? Werfen wir einen Blick auf die anfangs erwähnten Richtlinien:
Mittlere Position

Jedes Paar ab 5 – 5 In gleicher Farbe:
■ A-x
■ K – Q, J, 10, 9
■ Q – J, 10, 9
■ J – 10, 9
■ 10-9

In verschiedener Farbe:
■ A – K, Q, J, 10
■ K – Q, J, 10
■ Q-J

Wie sieht es mit zwei Karo aus? Die Chance, zwei gleichfarbige Karten zu erhalten, entspricht 24%. Somit sind es 6%, dass es sich um eine bestimmte Farbe handelt. Der Umstand, dass zwei Karten dieser Farbe im Flop liegen, reduziert die Wahrscheinlichkeit wiederum. Ein weiterer Re-duktionsfaktor ist natürlich auch, dass ein Spieler, der zwar zwei Karten gleicher Farbe erhält, beide aber in niedrigem Wert, vermutlich passt!

Wenn wir berücksichtigen, dass ein J am Tisch liegt und Sie einen weiteren in der Hand halten, ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch er über einen J verfügt, entsprechend geringer. Größer hingegen ist die Wahrscheinlichkeit von K oder Q. Ebenso, logischerweise, ist es für den Fall eines Taschenpaars deutlich wahrscheinlicher, dass es ein Paar ist, das durch den Flop nicht zum Drilling geworden ist.