An unterbesetzten Tischen spielen – Cashgame Poker-Strategien

Weil Online-Pokerclubs eine nahezu unendliche Zahl an Pokertischen generieren können. gibt es viel mehr Auswahl an Möglichkeiten für Tischgrüßen als in realen Casinos mit vier Wänden. Im Netz können Sie an verkürzten bzw. unterbesetzten Tischen spielen, wo nur fünf oder sechs Teilnehmer sitzen können. Sie können die Version Mann gegen Mann erforschen, wo Sie gegen einen gesichtslosen Gegner irgendwo auf der Welt kämpfen. Jeden Tisch, der nicht voll besetzt ist fneun oder zehn Spieler, je nach Site), nennen wir unübliche Größe (das ist unsere Bezeichnung, nicht ein verrückter Slangausdruck). Spielen an Tischen unüblicher Größe macht wegen der dort stattfindenden Action zumindest viel Spaß. Weil weniger Spieler präsent sind, kommt man öfter mit Setzen, Aussteigen, Erhöhen dran, man sieht mehr Karten pro Stunde – kurz: Man spielt öfter. Wie jede andere Unterspezies im Internet-Poker können diese Tische sehr profitabel sein, wenn man sich drauf konzentriert und spezialisiert. Wenn Sie gewöhnlich an den voll besetzten Neuner- oder Zehnertischen spielen, sollten Sie einmal einen unterbesetzten Limit-Tisch ausprobieren, um eine Gefühl für die Pokeraktion dort zu bekommen. Wenn Sie sich ernsthaft als Turnierspieler versuchen wollen, ist es ein Muss, auch an unterbesetzten Tischen bis hin zu Heads up zu spielen. Denn alle Turniere kommen irgendwann in die Phase des Finaltisches, wo mehr und mehr Spieler ausscheiden, bis zwei um die Entscheidung ringen. Wir hoffen. Sie sind oft dabei (mehr zu Turnierpoker in Poker-Artikel).

Es kann auf verschiedene Arten zu einem unterbesetzten (short-handed) Tisch kommen:
– Die Spielerzahl ist durch die Pokersite von vornherein auf fünf oder sechs Spieler beschränkt: Das sieht man schon am Tischlayout, oft sind die Tische in der Liste mit Bezeichnungen wie maximal 5 Spieler gekennzeichnet.
– Ein größerer Tisch verliert Spieler, und die Nachrücker kommen nur verzögert.
– Ein neuer Tisch füllt sich nicht so schnell, so dass mit weniger Spielern begonnen wird.

Wenn Sie bisher nur an vollen Tischen Ihre Erfahrung gesammelt haben, kann das Spiel an unterbesetzten Tischen zunächst vielleicht etwas überwältigend oder einschüchternd wirken. Die Spiele beginnen und enden etwa 40 % schneller als bei vollen Tischen (sechs anstatt zehn Spieler bedeutet logischerweise schnelleres Spiel). Im Ergebnis sehen Sie mehr Karten pro Stunde. Außerdem muss die Durchschnittsqualität eines Blattes an unterbesetzten Tischen nicht so hoch sein wie an vollen Zehnertischen. Sie treten gegen weniger Gegner an, müssen daher weniger schlagen, deswegen reichen oftmals weniger gute Karten. Daher sollte es nicht überraschen, dass unterbesetzte Tische die actionhungrigen Spieler anziehen, die das schnellere Spiel bevorzugen (und natürlich gibt es hin und wieder faule Nachzügler, die von einem sich langsam auflösenden Tisch nicht weg wollen). Ohne angemessene Realwelt-Erfahrung an unterbesetzten Tischen sollten Sie Ihre Online-Pokerkarriere nicht an short-handed-Tischen beginnen. Wenn Sie dort experimentieren wollen, beginnen Sie an vollen Tischen und arbeiten Sie sich langsam zu den nicht vollbesetzten Tischen hinunter: neun, acht, sieben, sechs Spieler. An vollen Tischen haben Sie mehr Zeit, sich an den Rhythmus, die visuellen Bedingungen und das Verhalten in der Online-Pokerwelt zu gewöhnen.

Aufbruch in die Welt verkürzten Spiels
Wenn Sie sich bereit für short-handed-Spiel fühlen, entscheiden Sie zunächst, welche Einsätze Sie dort riskieren wollen. Suchen Sie in der Liste einen Tisch, an dem fünf oder sechs Leute spielen und die Einsätze etwa ein Viertel Ihres normalen Einsatzlimits betragen. Zunächst einmal sollen Sie sich dort wohl fühlen und nicht sofort und zu schnell zu viel Geld aufs Spiel setzen. Wenn Sie gewöhnlich $3/$6 an vollen Omaha-Tischen spielen, suchen Sie sich einen unterbesetzten Omaha-Tisch mit $l/$2-Einsätzen. Wenn Sie bei Ihrem Sammeln von Erfahrung an den kleineren Einsätzen verlieren, ist das nicht soviel, als wenn Sie bei Ihrem gewöhnlichen Limit eingestiegen wären. Aber wenn Sie gewinnen, kommen Sie immerhin ins Plus. Beobachten Sie das Spiel eine Weile, bevor Sie Platz nehmen. Beobachten Sie so viel wie möglich. Dann machen Sie eine Pause und beobachten erneut. Die Unterschiede zum Spiel an vollen Tischen sind fein, aber dennoch erkennbar. Achten Sie besonders auf die Rolle der führenden Setzer gegenüber den Blinds. Versuchen Sie herauszufinden, warum sie in Führung sind.

Experten für verkürztes Spiet treffen
Wie bei allen Formen von Poker im Internet gibt es auch echte Spezialisten für short-handed- Poker, die nichts anderes spielen. Einige dieser Spezialisten können sehr gut sein. Wenn Sie an einem vollen Tisch gespielt haben, der sich langsam auflöst und keiner der Teilnehmer wechselt (kein Spezialist hat den Tisch entdeckt und sich dazugesellt), dann spielen Sie vermutlich nicht gegen short-handed-Spezialisten. Wenn der Tisch aber von vornherein auf fünf oder sechs Spieler verkürzt ist, dann werden dort vermutlich Experten sitzen oder Schlange stehen. Wenn Sie an einem unterbesetzten Tisch sitzen und ein Spieler dort viele Chips angesammelt hat, weil er sehr gut spielt, dann versuchen Sie, über die Spieler finden-Option der Site herauszufinden, ob er noch an weiteren unterbesetzten Tischen spielt. Sollte das der Fall sein, haben Sie vermutlich einen short-handed- Experten gefunden. Wie dem auch sei, wenn Sie glauben, jemand sei besser als Sie, könnten Sie jetzt an einen anderen Tisch verschwinden. Wenn Sie sich aber wirklich verbessern und bei der Arbeit etwas dazu lernen wollen, dann sollten Sie vielleicht bleiben und die Verluste als Unterrichtsgeld betrachten.

Aggression an unterbesetzten Tischen kanalisieren
Hier ein Beispiel, um die aggressive Form des Bietens an unterbesetzten Tischen zu illustrieren. Wir haben es kürzlich an einem $3/$6 Cashgame-Tisch beobachtet:
Sechs Spieler sind am Tisch. Spieler 1 und 2 sind die Blinds. Spieler 3 erhöht vor dem Flop. Spieler 5 geht mit. Spieler 1 erhöht erneut, Spieler 2 (Big Blind) steigt aus, Spieler 3 geht die zweite Erhöhung mit, ebenso Spieler 5.Der Flop kommt mit 9♠ 10♠ Q♦.
Spieler 2 setzt $3. Spieler 3 erhöht auf $6, Spieler 5 erhöht auf $9. Spieler 1 gibt seine $3-Wette auf und steigt aus. Spieler 3 bringt die erforderlichen $3. Die Turnkarte ist die 7♥.
Spieler 3 schiebt, weil er an die Erhöhung von Spieler 5 aus der Vorrunde denkt. Spieler 5 setzt $6, Spieler 3 geht mit.
Die Riverkarte ist die 2♣.

Spieler 3 schiebt, Spieler 5 setzt $6. Spieler 3 bringt den Einsatz. Spieler 5 zeigt A4 Q4. Er hat ein Damenpaar gefloppt und hat ein A4 als Kicker. Spieler 3 deckt seine Karten nicht auf. Wir vermuten (wegen des vorangegangenen Wettgeschehens), dass Spieler 3 ebenfalls ein Damenpaar hatte, allerdings mit schlechterem Kicker. Spieler 1 hatte eventuell A K oder ein hohes Paar als Handkarten. Er stieg aus, als durch das Verhalten von Spieler 3 und 5 klar wurde, sie hatten die Dame im Flop gepaart. Diese aggressive Spielweise ist an unterbesetzten Tischen sehr verbreitet. Wir mussten nur vier Partien beobachten (drei davon kamen nicht einmal bis zum Flop), bis wir dies spezielle Spiel sahen.

Bietstrategien dem verkürzten Spiet anpassen
Wenn Sie das Spiel am unterbesetzten Tisch beobachten und selbst eine Zehe ins Wasser stecken. werden Sie bemerken, dass Erhöhen dort sehr viel verbreiteter ist, besonders an Tischen mit höheren Einsätzen. Bei festen Einsätzen sind zwei Erhöhungen auf dem Flop nicht unüblich. Der Grund für diese Aggression ist. dass die Spieler Stärke demonstrieren wollen. Im Grunde ist es wie eine Prahlerei auf dem Spielplatz. Die erste Erhöhung heißt: Mein Blatt ist besser!, die zweite erklärt: Nein, meins ist noch besser! Diese Drängelei nützt den erhöhenden und weiter erhöhenden Spielern auf zwei Arten: wenn sie gewinnen (weil die Pötte größer sind) und wenn sie bluffen (weil sie vor dem Flop Stärke demonstriert haben und andere deswegen eventuell später mittelmäßige Blätter abgelegt haben).

Wenn Sie sich am unterbesetzten Tisch ein Image aufbauen, werden Sie sehen, dass es viel leichter ist, hier einen oder zwei Gegner rauszuschubsen als vier an einem vollen Tisch. Allerdings ist die furiose Wettaktion auch ein weiterer Grund für Sie, an Tischen mit etwas reduzierteren Limits zu beginnen. Denn ironischerweise setzen Sie im Schnitt mehr Geld in die Pötte von unterbesetzten Tischen als an vollen Tischen mit gleicher Einsatzhöhe. Als Faustregel gilt besonders für Holdem und Omaha mit festem Limit: Als erster Spieler nach den Blinds sollten Sie vor dem Flop immer erhöhen. Niemand sollte an unterbesetzten Tischen Gratiskarten bekommen und damit preiswert spekulative Blätter zusammenkaufen können. ln unterbesetzten Seven-Card Stud-Spielen sollten Sie immer erhöhen, sobald Sie ein hohes Paar halten, besonders wenn es höher ist als die sichtbaren Karten der Gegner.

Die Feinheiten beim verkürzten Spiel beachten
Ihre neu entdeckte Aggression beim Spiel mit weniger Teilnehmern wird effektiver und besser steuerbar, wenn Sie einige Besonderheiten im Auge behalten.

Die Wichtigkeit einzelner Spieler erkennen
An einem unterbesetzten Tisch kann der Stil eines Spielers das ganze Spiel beeinflussen. In Cashgames, wo Spieler kommen und gehen können, wie sie wollen, müssen Sie die Art des Spiels immer wieder neu bewerten, wenn jemand geht oder dazu kommt. Wird die Runde lockerer oder verhaltener? Darauf müssen Sie sich dann schnell einstellen können. Der Effekt, einen Spieler durch einen anderen zu ersetzen, ist an unterbesetzten Tischen deutlich größer als an voll besetzten, einfach weil der Anteil des Spielers am Gesamtgeschehen so viel größer ist (1/10 an einem vollen Tisch, 1/6 – fast doppelt so viel – an einem unterbesetzten). Weil es weniger Spieler zu schlagen gibt, sollten Sie an einem unterbesetzten Tisch eine erweiterte Menge von Startblättern spielen (die Qualitätsanforderungen an Startkarten sinken, je weniger Teilnehmer im Spiel sind). Aber auch hier gilt: Passen Sie Ihr Spiel an das allgemeine Spiel am Tisch an. Spielen Sie verhaltener gegen lockere
Typen und aggressiver gegenüber verhaltenen. Damit vermeiden Sie, mit guten Handen gegen die Pokerverrückten zu verlieren, und erwischen ein paar Pötte von den Schüchternen.

Aufpassen, wer immer mitgeht
Achten Sie auf Spieler, die immer mitgehen, wenn sie in den Blinds erhöht werden (das passiert häufig an Tischen mit kleineren Limits, wo durch lockeres Spiel nicht so viel verloren werden kann). Wenn das der Fall ist, sollten Sie eines von zwei Dingen tun:
– Bei No Limit sollten Sie etwas mehr erhöhen, als Sie beim letzten Mal als Eröffner gesetzt haben. So finden Sie vielleicht heraus, wo die Schmerzgrenze des Dauermitgehers liegt, der Punkt, wo er nicht mehr automatisch mitgeht.
– In Spielen mit festem Limit kann nicht beliebig erhöht werden, deswegen sollte man vielleicht vor dem Flop gar nicht erhöhen, um nicht Opfer von Bad Beats zu werden. Sie sollten nicht ständig gegen einen Spieler Geld investieren, der immer mitgeht. Den Dauermitgeher soll sich selbst rausschmeißen (im Konflikt mit anderen, wenn nötig).

In unterbesetzter Runde Extrageld machen
Wenn Sie ein Spezialist für unterbesetzte Runden geworden sind und Geld dabei machen, dann könnte vielleicht noch mehr daraus werden. Suchen Sie große Tische, die nicht voll besetzt sind, weil Spieler peu ä peu den Tisch verlassen. Dort nehmen Sie Platz. Spieler, die ungern den aussterbenden Tisch verlassen, sind aus einer Reihe von Gründen meist leichter zu schlagen als die Spezialisten an den unterbesetzten Tischen. Erstens haben sie vermutlich schon eine Weile an dem Tisch gespielt (Tische, die sich langsam auflösen, sind oft älter – ein Spieler geht, weil er müde ist, andere folgen), Sie können also mit übermüdeten Gegnern rechnen. Und diese armen Teufel sind dazu noch die Dynamik des verkürzten Spiels nicht gewohnt, Sie haben also durch Ihre Erfahrung einen zusätzlichen Vorteil. Um derartige Tische zu finden, schauen Sie in der Liste nach großen Tischen, die nicht voll besetzt sind. Besonders in den frühen Morgenstunden, wenn weniger Leute spielen, findet man sie. Dann ein kurzer Blick auf den Ort, wo sich der Spieler physisch befindet (in Poker-Artikel wird beschrieben, wie das geht). Wenn die Mehrzahl der Spieler sich in einer späten Zeitzone befindet, haben Sie vielleicht einen Tisch zum Ausbeuten gefunden.

Geringwertigere Blätter beachten
An unterbesetzten Tischen können Sie – grob betrachtet – die Anforderungen an Startkarten etwas herunterschrauben. Ein Beispiel: Wenn Sie an einem vollen Tisch aus mittlerer Position höchstens noch A 10 spielen, so genügt am unterbesetzten Tisch auch K 9. Wenn Sie bei Seven- Card Stud am vollen Tisch nur hohe Paare, einen Dreierflush oder drei zum Straight gespielt haben, so genügen in unterbesetzter Runde vielleicht drei beliebige Karten höher als Acht. Sollten es drei oder weniger Spieler sein, erwägen Sie ernsthaft, die Qualitätsansprüche noch eine Stufe niedriger anzusetzen. Je weniger Spieler am Tisch, desto weniger Superblätter wird man sehen, deswegen bekommen marginale Blätter einen höheren Stellenwert. Und was das Spiel Mann gegen Mann (Heads up) angeht, lesen Sie im nächsten Abschnitt.